Ende September war in der äthiopischen Tigray-Region ein alter Konflikt wieder aufgeflammt. Nun gibt es Berichte, wonach Truppen des benachbarten Eritrea dort einmarschiert seien. Beide Länder machen sich gegenseitig Vorwürfe.
Berichten zufolge sollen eritreische Truppen in Äthiopien einmarschiert sein – das schürt Sorgen vor einem neuen Krieg am Horn von Afrika.
Eritreische Streitkräfte hätten am Mittwoch die Grenze überquert und seien in die nördliche Konfliktregion Tigray vorgerückt. Das schrieb die Ostafrika-Analystin der Konfliktdatenorganisation Acled, Jalale Getachew Birru. Äthiopische Drohnen hätten die Truppen angegriffen.
Augenzeugen berichteten unter anderem dem britischen Sender BBC von Dutzenden Lastwagen mit Soldaten auf dem Weg nach Süden. Forscher des US-Sicherheitsinstituts Critical Threats Project halten mehrere online verbreitete Bilder und Videos eritreischer Truppen in Tigray für authentisch.
Brüchiger Frieden zwischen Nachbarn
Eritrea war früher ein Teil von Äthiopien, hatte sich 1993 aber für unabhängig erklärt. Nach einem blutigen Grenzkrieg schlossen die Nachbarn erst 2018 Frieden. Für seine Annäherung an Eritrea erhielt Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed 2019 den Friedensnobelpreis.
Von 2020 bis 2022 kämpften beide Länder gemeinsam gegen Rebellen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), die zuvor jahrzehntelang die äthiopische Politik dominiert hatte. Erst vor vier Jahren endete der Bürgerkrieg in Tigray, bei dem mehr als 600.000 Menschen getötet wurden.
Doch das Friedensabkommen war seither brüchig. Ende September eskalierten die Kämpfe; noch immer ist die Situation sehr angespannt.
Äthiopien will Zugang zum Meer
Äthiopien wirft Eritrea vor, die Rebellen in Tigray zu unterstützen. Die Regierung in Addis Abeba hatte am Wochenende Truppen nach Tigray verlegt, um die Rebellen zurückzudrängen. Außerdem hat die äthiopische Regierung die Kontrolle über Tigrays Regionalhauptstadt Mekelle übernommen.
Das verstärkte Befürchtungen, Äthiopien könne einen Angriff auf Eritrea planen, um sich Zugang zum Roten Meer zu verschaffen – denn seit der Unabhängigkeit ist Äthiopien ein Binnenland. „Äthiopien kann ohne Zugang zum Meer auf Dauer nicht existieren“, erklärte der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed. Für mehr Handel wolle er sich für einen Hafen für Äthiopien einsetzen.
Folgen für gesamte Region
Eritreas Informationsminister wiederum beschuldigte Äthiopien, mit falschen Anschuldigungen einen Angriffskrieg gegen sein Land rechtfertigen zu wollen. Nach Einschätzung der Analystin Birru will Eritrea einen möglichen Vorstoß äthiopischer Truppen auf das eigene Staatsgebiet verhindern.
Durch die Unterstützung der Rebellen wolle Eritrea zudem eine Pufferzone zur eigenen Grenze schaffen, so Birru. Beobachter warnen: Die zunehmende Gewalt in Tigray könnte schwerwiegende Folgen haben für Frieden und Stabilität in der gesamten Region.
Mit Informationen von Karin Bensch, ARD-Studio Nairobi
