Die Grafik wirkte wie eine gewöhnliche Wetterwarnung. Auf einer farbigen Karte der amerikanischen Golfküste stand in großen Buchstaben: „BIG TORNADO THREAT FROM ISAIAS“ – eine große Tornadogefahr durch Hurrikan Isaias. Veröffentlicht hatte sie am 7. Oktober 2026 Paul Dellegatto, Meteorologe beim Fernsehsender Fox 13 News in Tampa, Florida. Wer den Beitrag sah, hatte also einen guten Grund, die Darstellung ernst zu nehmen: Sie kam von jemandem, der beruflich das Wetter erklärt.
Der Sturm war tatsächlich gefährlich. Isaias traf in der Nacht auf den 10. Oktober die Golfküste der USA und zog anschließend ins Landesinnere. Am Morgen des 10. Oktober führte die amerikanische Wetterbehörde NOAA ihn bereits als posttropischen Wirbelsturm, warnte aber weiterhin vor möglichen Sturzfluten. Die von Dellegatto geteilte Grafik beschrieb die Tornadogefahr dennoch nicht korrekt. Nach öffentlicher Kritik löschte der Meteorologe seinen Beitrag. Der Fall wurde von der Nachrichtenagentur AFP dokumentiert.
Die Grafik kam von einem Fachmann – ihre Vorhersage war trotzdem falsch
Nach Recherchen von AFP Fact Check widersprach die verbreitete Tornadokarte den damaligen Prognosen des amerikanischen Storm Prediction Center. Das bestätigte NOAA-Sprecherin Maria Torres gegenüber AFP am 7. Oktober. Sie verwies für verlässliche Informationen auf die offiziellen Vorhersagen des National Hurricane Center.
Das bedeutet nicht, dass von Isaias überhaupt keine Tornadogefahr ausging. Bei einem solchen Sturm können Tornados tatsächlich auftreten. Beanstandet wurde die konkrete grafische Darstellung des Risikos, die den offiziellen Einschätzungen nicht entsprach. Gerade diese Unterscheidung ist wichtig: Eine falsche Warnkarte kann einen realen Sturm zeigen und trotzdem ein irreführendes Bild davon vermitteln, wo Menschen wie stark gefährdet sind.
Dellegatto verteidigte die dargestellten Informationen zunächst. Später räumte er die Fehler ein und entfernte den Beitrag von Facebook und X. In einer von AFP dokumentierten Antwort erklärte er, er verwende KI für solche Erklärungsgrafiken nur selten, weil dabei fast immer etwas falsch sei. Diesmal habe er unterwegs keinen Zugriff auf seinen üblichen Computer für Wettergrafiken gehabt. Er fügte ausdrücklich hinzu, dass das keine Entschuldigung sei.
Darum wäre es auch zu kurz gegriffen, zu behaupten, ein Meteorologe sei einfach auf eine heimlich gefälschte Wetterkarte hereingefallen. Seine eigene Erklärung zeigt vielmehr, dass er eine KI-Grafik für eine Wetterinformation nutzte und die Fehler vor der Veröffentlichung nicht ausreichend erkannte. Fachwissen schützt nicht automatisch vor einem misslungenen Arbeitsschritt.
Auf anderen KI-Karten standen Städte am falschen Ort
Die von Dellegatto veröffentlichte Tornadokarte war nur eines von mehreren Beispielen, die AFP untersuchte. Auf TikTok und Facebook kursierten zusätzlich künstlich erzeugte Videos und Wetterdarstellungen zum Hurrikan, die laut AFP teils Hunderttausende Aufrufe erreichten. Die Fehler dieser weiteren Grafiken waren mitunter besonders auffällig.
Der Meteorologe Chris Vagasky vom Wisconsin Energy Institute beschrieb gegenüber AFP, dass diese Animationen zwar einen Hurrikan über dem Golf von Mexiko zeigten, aber keine tatsächlichen Wetterdaten korrekt abbildeten. Tallahassee erschien dort an der Stelle von Jacksonville. Die Stadt Biloxi wurde sowohl in Mississippi als auch in Alabama eingezeichnet; die Halbinsel Florida erhielt eine falsche geografische Bezeichnung. Auch die angegebene Stärke und Bewegung des Sturms stimmten laut Vagasky nicht.
Diese geografischen Fehler beziehen sich auf die zusätzlich verbreiteten KI-Animationen. Sie dürfen nicht nachträglich der konkreten Tornadokarte von Dellegatto zugeschrieben werden. Gemeinsam ist den Beispielen, dass sie die vertraute Sprache meteorologischer Karten verwenden: Ortsnamen, farbige Gefahrenbereiche und scheinbar präzise Sturmverläufe.
Warum Wetter-KI etwas anderes ist als ein KI-generiertes Wetterbild
Bei der Debatte wird leicht übersehen, dass künstliche Intelligenz in der Meteorologie längst eine ernsthafte Rolle spielt. Spezialisierte KI-Wettermodelle analysieren umfangreiche Messdaten und frühere Wetterlagen, um Entwicklungen der Atmosphäre vorherzusagen. Solche Modelle werden an realen Daten geprüft und können die Arbeit etablierter Vorhersageverfahren ergänzen.
Ein gewöhnlicher Bildgenerator arbeitet anders. Er kann aus einer Texteingabe eine überzeugend aussehende Wetterkarte erstellen, ohne dafür den aktuellen Luftdruck, Windmessungen oder die tatsächlich geltenden Warnstufen auszuwerten. Er ahmt das Erscheinungsbild einer Prognose nach. Welche Informationen darin fachlich stimmen, ist damit noch nicht geklärt. Genau auf diesen Unterschied machten die von AFP befragten Wetterexperten aufmerksam.
Ähnliche Probleme hatte AFP bereits im Juli 2026 bei KI-generierten Karten zu Waldbränden in Kanada untersucht. Dort suggerierten künstliche Darstellungen eine räumliche Genauigkeit, die sie nicht hatten. Das Muster reicht also über einen Hurrikan hinaus: Sobald eine Grafik so aussieht, als stamme sie aus einem professionellen Informationssystem, kann ihre Gestaltung mehr Vertrauen auslösen, als ihre Datengrundlage verdient.
Was das für Unwetterwarnungen in Österreich bedeutet
Auch in Österreich werden bei Sturm, Starkregen oder Hochwasser Karten und Warnfarben weitergeschickt. Wer eine dramatische Darstellung im Familienchat sieht, kann zunächst prüfen, woher sie stammt und auf welchen Zeitpunkt sie sich bezieht. Ein Wetterbild ohne überprüfbare Quelle, ohne klaren Gültigkeitszeitraum oder mit widersprüchlichen Ortsangaben ist keine geeignete Grundlage für Sicherheitsentscheidungen – selbst wenn es von einem bekannten Account geteilt wird.
Für Österreich bietet GeoSphere Austria offizielle Wetterwarnungen an. Dort geht es neben der erwarteten Stärke eines Wetterereignisses auch um seine möglichen Auswirkungen. Die Warnstufen berücksichtigen beispielsweise, welche Folgen Regen oder Sturm unter den jeweiligen regionalen Bedingungen haben könnten. Wer tatsächlich von einem Unwetter betroffen ist, sollte zusätzlich die Anweisungen der zuständigen Behörden beachten.
Im Fall Isaias ist bislang nicht belegt, dass Dellegattos fehlerhafte Karte im deutschsprachigen Raum größere Verbreitung fand oder dass Menschen allein wegen dieser Grafik konkrete Schutzentscheidungen trafen. Die dokumentierte Veröffentlichung und der spätere Rückzug zeigen dennoch ein nachvollziehbares Risiko: Aus einer KI-Grafik wird schnell eine vermeintliche Warnung, wenn ein fachkundiger Absender sie weiterreicht. Ob die Angaben stimmen, entscheidet sich aber erst beim Abgleich mit den tatsächlichen Wetterdaten.
NOAA / NESDIS / STAR
10. Oktober 2026 (Messstand)
AFP Fact Check
9. Oktober 2026
Paul Dellegatto (X), archiviert bei Perma.cc
7. Oktober 2026
AFP Fact Check
23. Juli 2026
GeoSphere Austria, Data Hub
2. Mai 2023
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