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Nord-Stream-Anschlag: „Die CIA hatte zunächst nichts dagegen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerOktober 13, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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Nord-Stream-Anschlag„Die CIA hatte zunächst nichts dagegen“

13.10.2026, 19:17 Uhr

Interview: Tomasz Kurianowicz
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Nicht verbaute Röhren für die Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 2 liegen auf dem Gelände des Hafens in der Gemeinde Sassnitz (Archivbild). (Foto: picture alliance/dpa)

Wer hat die Nord-Stream-Pipelines gesprengt? Für ihr Buch „Die Sprengung“ haben die Investigativjournalisten Oliver Schröm und Ulrich Thiele mit mutmaßlichen Drahtziehern gesprochen. Zum Auftakt des Prozesses gegen den Ukrainer Serhii Kuznetsov in Hamburg erklärt Schröm, warum er Präsident Selenskyj nicht für verantwortlich hält, was die CIA über die Anschlagspläne wusste und weshalb auch die Bundesregierung Fragen beantworten muss.

ntv.de: Herr Schröm, an diesem Mittwoch beginnt in Hamburg der Prozess um die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines. Vier Jahre nach dem Anschlag gibt es noch immer zahlreiche Theorien über die Täter. Wissen Sie, wer dahintersteckt?

Oliver Schröm: Für meinen Kollegen Ulrich Thiele und mich ist das ziemlich klar. Zu den Drahtziehern gehören nach unseren Recherchen Wassyl Burba, der frühere Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, und der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Roman Cherwinsky. Serhii Kuznetsov, ebenfalls ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, soll die Sabotagegruppe auf der Ostsee angeführt und den Anschlag operativ koordiniert haben. Ihm wird jetzt in Hamburg der Prozess gemacht. Wir haben mit zwei der Drahtzieher gesprochen. Die machen aus ihrer Tat gar kein großes Geheimnis. Eigentlich sind sie sogar stolz auf diesen Anschlag.

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Oliver Schröm ist ein Journalist und Publizist. Das Buch „Die Sprengung“ von ihm und Ulrich Thiele erschien in diesem Jahr im Piper-Verlag. (Foto: Jerome Gerull)

Damit steckt die Ukraine dahinter?

Nicht ganz. Es waren Ukrainer, aber nach unseren Recherchen war es nicht die Ukraine. Der Anschlag wurde nicht von Präsident Wolodymyr Selenskyj in Auftrag gegeben.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Die Drahtzieher standen Selenskyj feindlich gegenüber. Sie hatten schon vor dem Krieg erhebliche Konflikte mit seiner Regierung, weil sie eigenmächtig Operationen durchgeführt hatten. Es ist schwer vorstellbar, dass Selenskyj ausgerechnet diesen Leuten einen solchen Anschlag in Auftrag gegeben hätte.

Allerdings soll der damalige ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj den Anschlag gebilligt haben.

Ja. Saluschnyj wusste nach unseren Erkenntnissen Bescheid und hat seine Zustimmung gegeben. Er war damals der militärische Oberbefehlshaber und ein Gegenspieler Selenskyjs. Heute ist er Botschafter in Großbritannien und hat eigene politische Ambitionen. Das wirft eine entscheidende Frage auf: Wenn der Oberbefehlshaber einer Armee einen solchen Anschlag billigt, handelt dann der ukrainische Staat? Oder handelt er eigenmächtig? Genau diese Abgrenzung macht den Prozess politisch und juristisch so interessant.

Wie kamen ehemalige Geheimdienstmitarbeiter überhaupt auf die Idee, die Pipelines zu sprengen?

Den Plan gab es schon lange, seit etwa 2019. Die Nord-Stream-Pipelines waren in der Ukraine immer umstritten. Deutschland machte sich damit abhängig von russischem Gas. Gleichzeitig verlor die Ukraine Transitgebühren, weil das Gas nicht mehr durch ihr Staatsgebiet geleitet werden musste. Die Pipelines durch die Ukraine waren außerdem eine Art Lebensversicherung. Man ging davon aus, dass Russland nicht die Infrastruktur angreifen würde, durch die es sein eigenes Gas nach Europa verkaufte.

Und nach dem russischen Überfall wurde aus der Idee ein konkreter Plan?

Genau. Die Männer verstehen sich als Patrioten. Sie sahen, dass Deutschland zunächst sehr zurückhaltend mit Waffenlieferungen war, während es gleichzeitig weiter russisches Gas bezog. Die Überlegung der Drahtzieher war: Es kann doch nicht sein, dass Deutschland uns nicht ausreichend unterstützt und gleichzeitig Putins Kriegskasse füllt. Also beschlossen sie, die Pipelines zu zerstören. Diese Leute waren hervorragend ausgebildet und hatten beste Verbindungen. Ich nenne sie die Kinder der CIA.

Warum?

Nach dem politischen Umbruch in der Ukraine 2014 hat der amerikanische Geheimdienst geholfen, den ukrainischen Militärgeheimdienst neu aufzubauen. Die CIA hat Personal ausgebildet und über Jahre mit diesen Leuten zusammengearbeitet. Als die Drahtzieher beschlossen, die Pipelines zu sprengen, wandten sie sich deshalb auch an ihre amerikanischen Kontakte.

Wusste die CIA also Bescheid? Immerhin postete der damalige polnische Europaabgeordnete und heutige Außenminister Radosław Sikorski unmittelbar nach dem Anschlag ein Foto des Gaslecks auf Twitter mit den Worten: „Thank you, USA.“

Ja, die CIA wusste nach unseren Recherchen frühzeitig Bescheid. Ihre Mitarbeiter vor Ort hatten zunächst nichts gegen den Plan. Sie stellten sogar eine finanzielle Beteiligung in Aussicht. Die Haltung änderte sich, als auch der niederländische Geheimdienst von den Anschlagsplänen erfuhr. Die CIA fürchtete nun offenbar, dass ihre Kontakte zu den Drahtziehern bekannt werden könnten. Sie warnte daraufhin Deutschland und andere Verbündete vor dem Anschlag. Nach unseren Recherchen haben die CIA-Leute den Drahtziehern aber nie ausdrücklich gesagt: Lasst das sein.

Heißt das, die CIA hat den Anschlag zumindest zeitweise unterstützt?

Auf Arbeitsebene gab es zunächst keine grundsätzliche Ablehnung und die Aussicht auf finanzielle Unterstützung. Das bedeutet aber nicht, dass die CIA als Organisation den Anschlag angeordnet hat. Eine Operation von dieser Tragweite bleibt allerdings auch nicht bei den örtlichen Mitarbeitern liegen.

Für einen Anschlag in rund 80 Metern Wassertiefe braucht man erfahrene Taucher. Woher kamen die?

Das war eines der größten Probleme. Saluschnyj hatte den Drahtziehern zwar seine Zustimmung gegeben, aber auch klargemacht, dass er ihnen kein Personal zur Verfügung stellen könne. Er brauchte seine Soldaten an der Front. Also mussten die Organisatoren selbst Leute finden. Sie suchten bei zivilen Tauchschulen nach Tauchern, die für eine solche Mission geeignet waren. Die wurden dann entsprechend vorbereitet.

Zivilisten sollten eine der wichtigsten Energieverbindungen Europas sprengen?

Ja. Die Leute, die es am Ende ausführten, hatten keine Geheimdiensterfahrung. Das war ein Harakiri-Unternehmen. Ich finde es bis heute erstaunlich, dass es gelungen ist. Es sprach eigentlich mehr dafür, dass die Sache schiefgeht. Es gab auch eine ganze Reihe von Fehlern. Auf dem Boot wurden Spuren hinterlassen, unter anderem DNA. Die Beteiligten wurden auf ihren Fahrten geblitzt. Die gefälschten Pässe waren auch nicht besonders gut. Einer der später festgenommenen Verdächtigen machte sogar unter seinem richtigen Namen Urlaub in Italien. Das ist schon ziemlich verrückt.

Sie werfen auch dem früheren Bundeskanzler Olaf Scholz schwere Versäumnisse vor – nicht nur beim Schutz der Pipelines, sondern schon vor dem russischen Überfall. Welche?

Die Bundesregierung war vor dem Anschlag durch ausländische Geheimdienste gewarnt worden, zog daraus aber keine ausreichenden Konsequenzen. Man hätte beispielsweise die Bundespolizei beauftragen können, die betreffenden Gewässer stärker zu überwachen. Das geschah nicht. Erst nach dem Anschlag wurden solche Maßnahmen ergriffen. Das passt zu einem grundsätzlichen Problem der damaligen Russlandpolitik: Scholz wollte die Gefahr nicht wahrhaben.

Inwiefern?

Die Amerikaner hatten Deutschland frühzeitig vor einem russischen Angriff auf die Ukraine gewarnt. CIA-Direktor William Burns war wenige Wochen vor Kriegsbeginn noch einmal bei Scholz und informierte ihn über Putins Pläne. Auch der damalige polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki versuchte, Scholz von der Ernsthaftigkeit der Bedrohung zu überzeugen. Er konfrontierte ihn sogar mit amerikanischen Geheimdienstinformationen. Doch Scholz nahm die Warnungen nicht ernst genug. Die Amerikaner schlugen vor, Nord Stream 2 als Druckmittel zu nutzen: Zieht Putin seine Truppen von der ukrainischen Grenze ab, kann die Pipeline in Betrieb gehen. Tut er es nicht, wird sie niemals Gas liefern. Doch die Bundesregierung nutzte diese Möglichkeit zunächst nicht.

Sie schreiben auch, Scholz habe Selenskyj nach Beginn des Krieges zur Kapitulation gedrängt. Worauf stützen Sie diesen schweren Vorwurf?

Nach unseren Recherchen berichtete Selenskyj drei europäischen Regierungschefs, Scholz rufe ihn regelmäßig an und dränge ihn zur Kapitulation – mit dem Argument, eine kleine Ukraine sei besser als gar keine. Wir haben mit Beteiligten gesprochen und Scholz mit diesem Vorwurf konfrontiert. Er bestreitet ihn. Für mich ist klar, dass die Fehleinschätzung der russischen Bedrohung eine der fatalsten seiner Regierungszeit war. Vielleicht sogar die fatalste.

Polen beurteilt die Nord-Stream-Sprengung völlig anders als Deutschland. Warum?

Die Polen haben Nord Stream immer als geopolitisches Problem betrachtet, unabhängig davon, wer gerade regierte. Donald Tusk hat sinngemäß gesagt: Das Problem ist nicht, dass die Pipeline gesprengt wurde, sondern dass sie überhaupt gebaut worden ist. Diese Haltung erklärt auch, warum die polnische Justiz die Auslieferung eines mutmaßlichen Beteiligten an Deutschland verweigert hat.

Was war passiert?

Deutsche Ermittler hatten einen Verdächtigen in Polen identifiziert und einen europäischen Haftbefehl erwirkt. Der Mann konnte zunächst in die Ukraine entkommen. Später kehrte er nach Polen zurück und wurde festgenommen. Ein polnisches Gericht verweigerte aber die Auslieferung, weil es die Tat im Zusammenhang mit dem Krieg anders bewertete. Das ist ein erheblicher Konflikt zwischen zwei EU-Staaten.

Welche Bedeutung hat diese unterschiedliche Bewertung für den Prozess in Hamburg?

Eine enorme. Die Anklage wirft auch die Frage auf, ob der Anschlag mit Billigung staatlicher Stellen stattgefunden hat. Aber wer ist in diesem Fall der Staat? Ist es die Ukraine, wenn der militärische Oberbefehlshaber zustimmt? Oder müsste der Präsident davon gewusst haben? Nach unseren Recherchen wusste Selenskyj nichts davon. Das ist juristisch nicht nur eine Spitzfindigkeit, sondern politisch hochbrisant. Wenn ein deutsches Gericht zu der Überzeugung kommt, dass staatliche ukrainische Stellen hinter dem Anschlag standen, könnte das die öffentliche Unterstützung für die Ukraine beschädigen. Die Bundesregierung steht dann vor einem Dilemma.

Dabei ist Bundeskanzler Friedrich Merz ein entschiedener Unterstützer der Ukraine.

Eben. AfD und BSW fordern bereits, die Unterstützung für die Ukraine einzustellen, und verweisen dabei auch auf die Nord-Stream-Sprengung. Wenn sich die Vorstellung festsetzt, Selenskyj oder die ukrainische Regierung hätten Deutschland gezielt angegriffen, wird das politisch gefährlich. Deshalb ist die Unterscheidung so wichtig: Nach unseren Recherchen waren es Ukrainer, aber der Anschlag war keine von Selenskyj beauftragte Operation.

Mit Oliver Schröm sprach Tomasz Kurianowicz

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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