Marktbericht
Deutschland und Frankreich haben sich über die Lockerung des eigentlich beschlossenen Verbrenner-Aus geeinigt. Das lässt die Aktien der Autobauer nach oben springen. Und auch der DAX kann am Mittag zulegen.
Die Einigung von Frankreich und Deutschland über die Zukunft des Verbrennermotors in der EU stützt die Aktien im Autosektor. So erholte sich der europäische Automobilsektor von seinem in der Vorwoche erreichten Sechsjahrestief. Er gewann als bester Branchen-Index aus dem Stoxx 600 am Mittag 2,3 Prozent. Unter den Einzelwerten legen im DAX die Papiere von Volkswagen, BMW und Mercedes um mehr als drei Prozent zu.
Die beiden Staaten haben sich auf eine Position festgelegt, die eine Aufweichung des für 2035 geplanten faktischen Verbots für Verbrenner-Neuwagen in der EU bedeuten würde. Das gaben beide Regierungen heute bekannt. „Wir sind es unseren Beschäftigten, unserer Industrie und unseren Bürgerinnen und Bürgern schuldig, sicherzustellen, dass Europa beim globalen Wandel der Automobilbranche eine führende Rolle einnimmt.“
„Wichtiges Signal“ oder Verunsicherung?
Demnach soll das CO2-Reduktionsziel für Neuwagen von bisher 100 auf 90 Prozent sinken, ohne dass weitere Ausgleichsmaßnahmen erforderlich wären. Das abgeschwächte Ziel kommt den Wünschen der deutschen Autohersteller entgegen. Diese könnten so weiter neue Benzin- und Dieselfahrzeuge verkaufen, solange ihre Neuwagenflotte den vorgeschriebenen Grenzwert einhält.
„Mehr Flexibilität bei CO2-Flottengrenzwerten für Pkw ist ein wichtiges Signal zur finanziellen Unterstützung der europäischen Automobilindustrie bei ihrem Umstieg auf Elektromobilität“, kommentierte das Centrum für Europäische Politik (cep). Kritik kommt dagegen aus der Opposition. „Die Menschen haben längst entschieden: Immer mehr Leute setzen auf Elektromobilität“, erklärte Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge. Tatsächlich machen die hohen Spritpreise und die E-Auto-Prämie Elektroautos in Deutschland immer beliebter.
Insgesamt 88.599 vollelektrische Fahrzeuge wurden im September neu zugelassen – ein Anteil von 34,5 Prozent. „Wir müssen nun mit voller Kraft in das E-Auto investieren, in Zukunftstechnologien, wie Batterietechnik, verbraucherfreundliches Laden, E-Autos als Speicher für unser Energiesystem oder autonomes Fahren“, sagte Dröge. Wenn Merz so weitermache, entstünden die Jobs für Batteriezellen und Elektroautos anderswo: „Während China Richtung Zukunft rast, schaffen Merz und Macron Chaos und Verunsicherung für Markt und Verbraucher.“
Experten befürchten Job-Abwanderung in die USA
Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer geht davon aus, dass gar europäische Arbeitsplätze nach Übersee abwandern könnten. Zwar klinge die Vereinbarung zwischen Merz und Macron „zunächst nicht unvernünftig, um zusätzliche Belastungen, auch für die Arbeitsplätze in der europäischen Autoindustrie zu vermeiden“. „Aber gleichzeitig öffnet sie die Importschranken für Autos mit Verbrennungsmotor, die europäische Autobauer in den USA hergestellt haben.“
Es sei derzeit absehbar, dass Neuwagen mit Verbrennerantrieb in den USA „noch ein langes Leben haben“, so Dudenhöffer weiter. Würden die bisherigen Regeln ab 2035 greifen, könnten in den USA produzierte Verbrenner dann aber nicht mehr in der EU verkauft werden. „Deutsche Autobauer würden dann in den USA produzierte Verbrenner ausschließlich für die US-Käufer und einige kleinere andere Märkte anbieten. Jedenfalls nicht für die EU und wohl auch kaum nach China.“
Bei einer Aufweichung dürften ab 2035 noch zehn Prozent der Neuwagen in der EU über einen Verbrennermotor verfügen. Diese Autos würden die deutschen Hersteller wohl eher in den USA bauen, wo sie auch mehrheitlich verkauft würden, und die Nachfrage in Europa mit US-Exporten bedienen, erklärte Dudenhöffer. „Eine Neuwagen-Produktion von bis zu zehn Prozent des EU-Marktes wandert damit fast schon ‚automatisch‘ nach USA.“ „Merz und Macron setzen einen Impuls, um Arbeitskräfte aus der EU nach USA zu exportieren. Wer hätte das gedacht?“
Merz und Macron wollen mehr Autoproduktion in Europa
„Elektroautos werden sich in jedem Fall durchsetzen, weil sie technisch überlegen sind und man beim Fahren viel Geld sparen kann“, sagte Umweltminister Carsten Schneider. Die entscheidende Frage sei, wo diese Autos künftig gebaut werden. „Unser Ziel ist, dass sie in Europa gebaut werden und nicht nur in China.“ Die Hersteller bekämen nun etwas mehr Spielraum bei den CO2-Werten, um sie in die Lage zu versetzen, in Elektromobilität und europäische Standorte zu investieren, so der SPD-Politiker.
So ist in dem deutsch-französischen Papier zusätzliche Flexibilität vorgesehen, damit die Hersteller auf externe Schocks reagieren und unverhältnismäßige Strafzahlungen vermeiden können. „Für den Zeitraum 2030/2031 sollten daher mehrjährige Zielzeiträume eingeführt werden, die eine Mittelwertbildung ermöglichen – ebenso wie ein Anrechnungsmechanismus für CO2-Gutschriften, die ausschließlich im Jahr 2029 generiert wurden“, heißt es in den Reuters vorliegenden Unterlagen.
Neben der Aufweichung für das CO2-Ziel wollen Deutschland und Frankreich auch Europas Kapazitäten für die Entwicklung und Fertigung von Elektroautos stärken. „Ein zentrales Element des Pakets sollte eine stärkere Verknüpfung zwischen öffentlicher Förderung und europäischer Wertschöpfung sein“, heißt es in dem Papier. Deshalb wird ein stetig steigender Anteil an europäischer Fertigung vorgeschlagen. Für den Automobilsektor sollte „Made in Europe“ die EU-27 umfassen, aber auch Ländern wie Großbritannien eine Beitrittsmöglichkeit bieten.
Warsh-Aussagen und starke Firmenbilanzen treiben Börsen an
An der Börse haben derweil die jüngsten Bedenken vieler Investoren in puncto Zinsumfeld und Finanzierung von KI-Investitionen nachgelassen. Der DAX steigt am Mittag um 0,8 Prozent auf 25.588 Punkte. Im Wochenverlauf hatte eine überraschend hohe Inflation in den USA Bedenken genährt, dass die US-Notenbank Federal Reserve den Leitzins bereits im Oktober ein weiteres Mal anheben und somit Finanzierungen für Konsumenten, Unternehmen und den Staat verteuern könnte.
Hinzu kamen Ängste mancher Anleger, dass sich die milliardenschweren Investitionen der KI-Konzerne womöglich nicht auszahlen könnten. Dass sich der Fed-Chef Kevin Warsh nun in einer Rede aber nicht spezifisch zur Geldpolitik äußerte, ließ die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung noch im Oktober aus Marktsicht wieder deutlich sinken. Zum Thema KI sagte Warsh, dass Investitionen in diesen Bereich die US-Wirtschaft stark unterstützten.
„Kevin Warsh gibt den Börsen den Optimismus zurück“, sagte Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. Dazu kommen ermutigende Firmenbilanzen. So hob der Elektronikkonzern Schneider Electric zum zweiten Mal die Umsatz- und Gewinnziele für 2026 an. Gefragt waren auch die Aktien des Chipanlagenbauers Aixtron nach überzeugenden Zahlen. Die Geschäfte des Windanlagenbauers Nordex entwickelten sich ebenfalls besser als gedacht.
