Inflation, Lebenshaltungskosten, Treibstoffpreise: Viele Amerikaner machen Präsident Trump für die hohen Preise verantwortlich. Für die Republikaner könnte das vor den Midterms zum Problem werden.
Herbstlich kühl, aber sonnig ist es an diesem Morgen. Joe Losier geht von Tür zu Tür und klopft. Wenn er Glück hat, öffnet jemand. Losier, ein kräftiger Mann in den Fünfzigern, arbeitet in einer Autofabrik. Er ist bei der Gewerkschaft United Auto Workers, kurz UAW. Zusammen mit drei Kollegen ist er in einem Vorort von Detroit unterwegs.
Kleine, aber gepflegte Einfamilienhäuser – klassischer Mittelstand. An der Tür werben Losier und seine Mitstreiter für die Kandidatinnen und Kandidaten, die ihre Gewerkschaft bei den Wahlen im November unterstützen. Die meisten davon sind Demokraten.
Die Gewerkschafter klopfen nur bei Mitgliedern der UAW. In Michigan geht jede Wahl eng aus, da zählt jede Stimme. Jetzt kommt es aufs Mobilisieren an. Was die Wähler bewegt, hört Losier immer wieder: Kosten und Bezahlbarkeit – vor allem darum gehe es den Leuten. „Einige sorgen sich auch um das Gesundheitswesen. Oder um ihre Rente. Oder sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz.“ Das komme auf die Bevölkerungsgruppe an.
Losier: Viele geben Trump die Schuld
Hart arbeiten, eine Familie gründen, ein Haus kaufen und dann angenehm leben – das ist immer schwerer zu erreichen. Trumps Zölle haben an der Kostenspirale gedreht, wie es auch der Krieg gegen den Iran tat. Auch deswegen dürften die Zwischenwahlen zu einem Urteil über den Präsidenten werden, sagt Losier, mehr noch, als das bei Zwischenwahlen ohnehin üblich ist.
Wenn er nachfrage, wer denn Schuld an der Lage habe, antworteten die meisten: „Das ist Trump! Er ist für die ungerechtfertigten Kriege, den Benzinpreis, die Inflation und die hohen Staatsschulden verantwortlich.“
Trump schiebt Verantwortung anderen zu
Doch Trump und andere Mitglieder seiner Regierung sind nicht dafür bekannt, Verantwortung zu übernehmen, wenn etwas nicht gut läuft. Obwohl sein Wahlsieg fast zwei Jahre her ist, versucht Trump noch immer, alles seinem Vorgänger Joe Biden in die Schuhe zu schieben. Selbst Barack Obama, seit bald zehn Jahren nicht mehr im Amt, muss regelmäßig als Sündenbock herhalten.
Biden und Obama hätten das Land in eine so katastrophale Lage geführt, dass es kaum möglich sei, in nur zwei Jahren wieder alles auf Vordermann zu bringen, sagt Trump. Auf Wahlkampfveranstaltungen führt er aus, dass die Inflationsrate unter Biden so hoch wie noch nie in der Geschichte des Landes gewesen sei. Derzeit liege sie hingegen nur noch bei 1,7 oder 1,8 Prozent.
Beides ist falsch, und die Fakten schmeicheln Trump nicht: Am letzten Tag der Amtszeit von Biden betrug die Inflationsrate 3,0 Prozent, jetzt liegt sie bei 3,7 Prozent.
Stabile Wirtschaftslage vor Amtsübernahme
Derzeit zeigen alle Meinungsumfragen: Die Zustimmung zu Präsident Trump und seiner Amtsführung ist auf einem historisch niedrigen Niveau. Dabei befand sich die US-Wirtschaft zum Zeitpunkt von Trumps Amtsantritt in einem guten Zustand. Sie war so stark aus der COVID-Zeit herausgekommen wie wohl keine andere westliche Volkswirtschaft.
Wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl 2024 schrieb Greg Ip, Wirtschafts-Chefkommentator beim konservativen Wall Street Journal: „Der nächste Präsident übernimmt eine bemerkenswerte Wirtschaftslage.“ Die „hohe Qualität“ des jüngsten Wirtschaftswachstums werde dem nächsten Bewohner des Weißen Hauses „Rückenwind“ verleihen. Trump hätte die Dinge also einfach so weiterlaufen lassen können, um nach einem halben Jahr frech zu behaupten, seine Politik habe pralle Früchte getragen. Kaum jemand hätte da widersprochen.
Stattdessen ging Trump zwei Schritte, die die Rahmenbedingungen für die US-Wirtschaft verschlechterten und einen Preisschub für die Verbraucher auslösten: Im April 2025 belegte er praktisch den gesamten Rest der Welt mit Zöllen. Und im Februar dieses Jahres startete er zusammen mit Israel einen Angriffskrieg gegen den Iran. Das führte unter anderem zur Schließung der Straße von Hormus und löste damit eine weltweite Energiekrise aus.
KI-Entwicklung schiebt Wirtschaft an
Trotzdem schlägt sich die US-Wirtschaft weiterhin recht tapfer. Inflationsbereinigt und auf ein Jahr hochgerechnet betrug das Wachstum im zweiten Quartal 2,2 Prozent. Ökonomen sprechen allerdings von einer „k-shaped economy“, einer Konjunkturentwicklung, die dem Buchstaben K gleicht: Ein Pfeil weist nach oben, der andere nach unten.
Alles, was auch nur entfernt mit dem Ausbau der Künstlichen Intelligenz und dem Errichten von Rechenzentren zu tun hat, schiebt das Wachstum mächtig an. Genauso wie die Tatsache, dass Gutverdienende – die Profiteure der Steuersenkungen, die Trump fortgeschrieben hat – auch weiterhin mit Enthusiasmus konsumieren. Doch die anderen Teile der Wirtschaft schwächeln.
Preise beim Tanken als Marker
An Zapfsäulen kostet eine Gallone Normalbenzin derzeit im Landesschnitt etwa 4,30 Dollar, umgerechnet 1,01 Euro pro Liter. Am Tag vor dem Beginn des Irankriegs waren es 2,98 Dollar pro Gallone. Und noch teurer ist Dieselkraftstoff: Vor einem Jahr lag der Preis pro Gallone bei etwa 3.63 Dollar, jetzt beträgt er rund 6.32 Dollar.
Nicht nur, dass ein hoher Kraftstoffpreis stets weitere Preissteigerungen nach sich zieht, beispielsweise bei Lebensmitteln. Für die Amerikaner hat der Benzinpreis außerdem eine große Symbolkraft. Wie an keinem anderen Marker machen sie an ihm fest, wie gut oder schlecht es ihnen gerade persönlich geht. Deshalb hat Trump auch bei der Wirtschaftspolitik das Vertrauen der Mehrheit der Bürger verloren.
Ein Problem für die Republikaner
Den Verbrauchern hatte Trump sinkende Preise versprochen – stattdessen löste er neue Preissteigerungen aus. Und das zu einem Zeitpunkt, wo die Amerikaner die hohen Inflationsraten der COVID-Zeit gerade hinter sich gelassen hatten.
Bei den Zwischenwahlen stehen Trump und seine Republikaner also vor einem Dilemma: Alles in allem läuft die Wirtschaft nicht schlecht. Aber für viele Menschen fühlt es sich einfach nicht so an. Und das könnte wahlentscheidend sein.

