Erbe ist neuer Chef der SöldnerPrigoschins Sohn führt das Wagner-Geschäft in Afrika fort

Nach dem Tod von Wagner-Gründer Jewgeni Prigoschin übernimmt der Kreml die Kontrolle über die Söldnergruppe. Doch in einem afrikanischen Staat behält die Familie offenbar das Sagen: Prigoschins Sohn soll dort das blutige Geschäft mit Gold, Waffen und Drogen noch ausgebaut haben.
Als Jewgeni Prigoschin, Chef der russischen Wagner-Gruppe im Sommer 2023 bei einem Flugzeugabsturz starb, machte sich der Kreml daran, die Kontrolle über sein Söldnerimperium zu übernehmen. Doch in der Zentralafrikanischen Republik soll ein Teil davon in Familienhand geblieben sein. Dort habe sein Sohn Pawel nicht nur Wagner-Kämpfer unter seinem Kommando gehalten, sondern auch die Geschäfte seines Vaters ausgebaut: mit Gold, Waffen und Drogen. Das berichtet das „Wall Street Journal“ (WSJ) unter Berufung auf ehemalige Wagner-Mitarbeiter, Regierungsvertreter, Geschäftsleute und Forscher.
Der heute 28-Jährige soll demnach ein Netzwerk führen, in dem sich militärischer Schutz, Rohstoffgeschäfte und organisierte Kriminalität verbinden. Die legalen und illegalen Geschäfte der Familie bringen nach einer Schätzung der Genfer Denkfabrik Global Initiative Against Transnational Organized Crime mehr als 400 Millionen Dollar im Jahr ein.
Prigoschin senior: Vom Vertrauten Putins zum Aufständischen
Jewgeni Prigoschin war lange ein Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. In den 1990er-Jahren baute er ein Restaurant- und Cateringgeschäft auf. Weil seine Firma Concord den Kreml und das russische Militär mit Essen belieferte, wurde er als „Putins Koch“ bekannt.
Später baute er mit der Wagner-Gruppe eine Söldnertruppe auf, die Moskaus Interessen in mehreren Ländern durchsetzte. Ihre Kämpfer waren seit 2014 in der Ostukraine im Einsatz, unterstützten in Syrien das Regime von Baschar al-Assad und kämpften im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, unter anderem um Bachmut. In Afrika sicherte Wagner Regierungen militärisch ab – häufig im Gegenzug für den Zugang zu Gold und anderen Rohstoffen.
Doch Prigoschin geriet zunehmend mit der russischen Militärführung in Konflikt. Im Juni 2023 ließ er seine Kämpfer die südrussische Stadt Rostow am Don besetzen und in Richtung Moskau vorrücken. Den Aufstand brach er nach kurzer Zeit ab. Zwei Monate später starb er bei einem Flugzeugabsturz in Russland. Mehrfach wurde spekuliert, dass der Kreml hinter dem Absturz steckte.
Prigoschin junior: Vom „Playboy“ zum „Patrioten“
Pawel Prigoschin war damals 25 Jahre alt. Das WSJ beschreibt ihn als jungen Mann, der zuvor als verwöhnter Playboy gegolten habe. Die Antikorruptionsstiftung des später in russischer Haft gestorbenen Kremlkritikers Alexej Nawalny – FBK – verwies bei einer Recherche im Juli 2023 auf Bilder, die ihn in Privatjets und auf der Jacht seiner Familie zeigten.
Sein Vater soll ihn jedoch schon früh als Nachfolger aufgebaut haben. Mit 20 habe Pawel die Verwaltung von Luxusvillen und Wohngebäuden der Familienholding übernommen, berichtete FBK. Zugleich habe Jewgeni Prigoschin das öffentliche Bild seines Sohnes verändert: Aufnahmen in sozialen Netzwerken zeigten ihn als Kämpfer in Syrien und als Drohnenpilot in der Ukraine. Sein Vater behauptete öffentlich, Pawel beteilige sich am Krieg gegen die Ukraine. Unabhängig bestätigen lässt sich das nicht.
Russischen Medienberichten zufolge setzte Jewgeni Prigoschin seinen Sohn im Testament als Erben seines gesamten Vermögens ein. Dessen Wert wurde in den Berichten mit umgerechnet rund 130 Millionen Euro angegeben. FBK schätzte das Vermögen allerdings um ein Vielfaches höher ein. Laut Testament sollte Pawel auch der Witwe, den beiden Töchtern und der Mutter des Verstorbenen ein „würdiges Dasein“ sichern. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er zudem die treuhänderische Verwaltung von Anteilen an Concord Catering sowie Concord Management and Consulting, zwei zentralen Unternehmen der Familienholding. Wie sich die Eigentumsverhältnisse später entwickelten, lässt sich allerdings nicht nachvollziehen.
Ein Präsident hält an Wagner fest
Die Kontrolle über das militärische Netzwerk war schwieriger zu sichern. Nach Prigoschins Tod begann Moskau, die Wagner-Strukturen enger an den Staat zu binden. Für die Einsätze in Afrika schuf das russische Verteidigungsministerium das „Afrika-Korps“, in das die dortigen Wagner-Verbände eingegliedert werden sollten. Anders als die zuvor weitgehend eigenständig organisierte Söldnertruppe untersteht es direkt russischen Militärstellen.
In der Zentralafrikanischen Republik konnte Pawel Prigoschin seine Stellung dem WSJ zufolge jedoch behaupten. Dabei habe ihm Präsident Faustin-Archange Touadéra geholfen: Er habe Moskau gebeten, die Wagner-Kämpfer nicht durch Soldaten des russischen Verteidigungsministeriums zu ersetzen. Zudem habe er die Söldner in Polizei, Armee und Geheimdienste seines Landes eingegliedert.
Warum der Kreml Prigoschin in der Zentralafrikanischen Republik gewähren ließ, bleibt offen. Die Wagner-Ermittlerin Lou Osborn von der Organisation Inpact vermutet gegenüber dem WSJ, dass er eine Vereinbarung mit Moskau getroffen habe oder vom Kreml nicht mehr als Bedrohung angesehen werde. Belegt ist ein solches Abkommen nicht.
Söldner schützen den Präsidenten – und sichern Goldminen
Von der Hauptstadt Bangui aus sollen Prigoschin und rund 500 Wagner-Kämpfer ihre Einsätze und Geschäfte organisieren. Sie schützten Touadéra persönlich, kämpften gegen Rebellen und kontrollierten Goldminen, berichtet das WSJ. Diese Verbindung aus militärischer Absicherung und wirtschaftlicher Macht mache sie für die Regierung unverzichtbar.
Prigoschin lebe in Sankt Petersburg, reise aber regelmäßig nach Bangui, so die Zeitung. Dort wohne er in einem Luxushotel, das als Wagner-Hauptquartier gelte und von maskierten Bewaffneten bewacht werde.
Mit Zustimmung der Regierung habe Prigoschin die Förderung in der größten Goldmine des Landes ausgeweitet, die bereits sein Vater unter seine Kontrolle gebracht hatte. Nach Angaben von Global Initiative erreicht die jährliche Produktion einen Wert von rund 250 Millionen Dollar.
Auch beim Export sollen die Behörden helfen. Regierungsvertreter hätten laut „Wall Street Journal“ zugestimmt, das Gold in Dokumenten als Staatseigentum auszuweisen, um internationale Kontrollen zu umgehen. In den vergangenen drei Monaten seien die Lieferungen über Belarus gegangen.
Waffen, Drogen und Propaganda
Prigoschin soll zudem den Waffenhandel seines Vaters fortführen und Rebellengruppen im Sudan und in Libyen beliefern. Wagner produziere und vermarkte außerdem Wodka und Bier und kontrolliere einen großen Teil des lokalen Marktes für Tramadol, ein verschreibungspflichtiges opioidhaltiges Schmerzmittel.
Dem WSJ zufolge gehen Wagner-Kämpfer gewaltsam gegen konkurrierende Drogenhändler vor. Verbündete Milizen seien laut örtlichen Aktivisten für Entführungen, außergerichtliche Tötungen und Angriffe auf Goldschürfer verantwortlich.
Den Einfluss sichern nicht nur Bewaffnete. Wagner finanziere auch Radiosender, die Touadéra unterstützten, Russland priesen und antiwestliche Botschaften verbreiteten. Auf Werbetafeln in Bangui werde Russland als bevorzugter Partner afrikanischer Staaten dargestellt.
Offenbar besteht in der Zentralafrikanischen Republik unter dem Sohn das Geschäftsmodell fort, das schon den Vater mächtig machte: Schutz für die Staatsführung gegen Zugang zu Rohstoffen und lukrativen Märkten. Wie viel Eigenständigkeit der Kreml Pawel Prigoschin dabei lässt, bleibt unklar. Die Propaganda seines Netzwerks richtet sich jedenfalls nicht gegen Putin – sondern für ihn.
