Fragen & Antworten zum UnglückKann es auch in Deutschland zu so einem Zugunfall kommen?
Am Morgen kollidieren zwei Hochgeschwindigkeitszüge in Spanien. Ein AVE-Zug der staatlichen Bahn Renfe fährt einem Zug des privaten Unternehmens Iryo auf. Insgesamt sind 544 Menschen in den beiden Fahrzeugen unterwegs. Dutzende sterben, viele weitere werden verletzt.
Was ist geschehen?
Gegen 9 Uhr am Morgen ist der AVE- auf den Iryo-Zug aufgefahren. Der Zug des staatlichen Betreibers Renfe hatte zuvor beschleunigt und stieß vermutlich mit hoher Geschwindigkeit auf den stehenden oder sehr langsam fahrenden Iryo. Mehrere Waggons entgleisten daraufhin, vier stürzten eine Böschung herab.
Wie konnte es dazu kommen?
Die Ursache ist zurzeit nicht abschließend geklärt. Erste Erkenntnisse lassen den Verdacht aufkommen, es könnte sich um menschliches Versagen handeln. Das europäische Zugbeeinflussungssystem European Train Control System (ETCS) soll ausgefallen sein, woraufhin mehrere Züge im Streckenabschnitt automatisch gestoppt wurden, berichtet die Zeitung „El País“. So standen „etwa acht Züge“ am Morgen nahe dem Bahnhof Urda still.
Nach einiger Zeit erhielten fast alle von ihnen vom zuständigen Stellwerksmitarbeiter die Freigabe zur Weiterfahrt, nur der Iryo nicht. Zugleich näherte sich jedoch der AVE-Hochgeschwindigkeitszug mit niedriger Geschwindigkeit. Dieser erhielt schließlich „versehentlich von einem Mitarbeiter aus der Leitstelle“ die Anweisung, zu beschleunigen, obwohl der Iryo-Zug noch das Gleis belegte, so „El País“ weiter. Als er den anderen Zug sah, konnte der Lokführer nicht schnell genug bremsen, um eine Kollision zu verhindern.
Hat der Mitarbeiter im Stellwerk einen Fehler gemacht oder den Unfall provoziert?
Das ist bislang noch unklar. Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente spricht von einer „unerklärlichen“ und „falschen“ Entscheidung der Bahnleitstelle.
Verkehrswissenschaftler Jochen Trinckauf von der Technischen Universität Dresden erklärt auf Anfrage von RTL und ntv, wenn der Iryo durch die Störung des Zugbeeinflussungssystems gestoppt werde, dann sei das eine gewollte und sichere Reaktion im Bahnsystem. Wenn der Betrieb in der Folge über die menschliche Rückfallebene weitergeführt wird, sei es möglich, dass es aufgrund unklarer Datenlage zu menschlichen Fehlentscheidungen kommt und der AVE weitergeschickt wird. Das sei zwar tragisch, aber nicht unmöglich.
Wie viele Opfer gibt es?
68 Menschen haben durch die Kollision ihr Leben verloren, sagt die spanische Regionalregierung von Kastilien-La Mancha. 80 weitere wurden verletzt, 50 davon schwer.
Rettungskräfte befinden sich im Großeinsatz. Sie rückten aus mehreren Regionen Spaniens an. Auch drei Rettungshelikopter waren vor Ort, um Verletzte in Spezialkrankenhäuser zu transportieren. Unverletzte wurden in die nahegelegene Stadt Urda gebracht, wo eine Notunterkunft bereitstand. Sie wurden ärztlich in Augenschein genommen und erhielten psychologische Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten.
Wie ist die Situation vor Ort?
Die Bergungsarbeiten dauern weiter an. Die Züge liegen weiterhin auf den Gleisen und in der Böschung. Fotos zeigen, dass auch Teile der Gleise beschädigt sind. Vermutlich wird über mehrere Tage der Bahnverkehr auf der wichtigen Strecke zwischen der spanischen Hauptstadt Madrid und Andalusien eingestellt bleiben.
Kann so etwas auch in Deutschland passieren?
„Die Hochgeschwindigkeitsstrecken in Deutschland sind sicher vor einem Worst-Case-Szenario“, sagt Detlef Neuß, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn, zu RTL und ntv. Er bezieht sich mit seiner Aussage ausdrücklich auch auf Hochgeschwindigkeitsstrecken, die mit Künstlicher Intelligenz kontrolliert werden. „Wo das mit dem European Train Control System gesteuert wird, ist man nie sicher. Irgendwas kann immer schiefgehen. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“, sagt er weiter. „Aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehe ich die Gefahr in Deutschland eher nicht.“
Was macht das European Train Control System genau?
ETCS hält etwa Züge, die auf demselben Gleis unterwegs sind, automatisch auf Abstand und reduziert dann auch die Geschwindigkeit des nachfolgenden Zuges, erklärt Neuß. Das System sei jedoch noch nicht überall eingeführt worden. „In Deutschland haben wir das teilweise schon, und es funktioniert“, sagt Bahnexperte Neuß.
Dort, wo klassische Signale eingesetzt werden, „wird normalerweise eine Notbremsung durchgeführt, wenn der Zug ein rotes Signal überfährt. Es gibt also durchaus Möglichkeiten, solche Unfälle zu verhindern.“ Wie es jetzt nahe Toledo zu dem Unglück kommen konnte, ist dem ehemaligen Pro-Bahn-Bundesvorsitzenden unklar.
Hat das Problem in Spanien System?
Es handelt sich bereits um den zweiten schweren Vorfall auf dieser Strecke in diesem Jahr. Im Januar entgleiste ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug auf gerader Strecke und kollidierte mit einem entgegenkommenden Renfe-Schnellzug. 46 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. Dennoch sehen sowohl Verkehrswissenschaftler Trinckauf als auch Pro-Bahn-Ehrenvorsitzender Neuß keine besondere Häufung bei Bahn-Zwischenfällen in Spanien.
