Risikofreude bei ChefsMutige Führungskräfte ticken wie ranghohe Schimpansen
Wer Verantwortung übernimmt, geht öfter ins Wagnis – bei Menschen wie bei Affen. Forscher entdecken verblüffende Parallelen zwischen Managern und ranghohen Schimpansen. Ob Mut zur Karriere führt oder umgekehrt, bleibt dabei die spannende offene Frage.
Was haben Menschen und Schimpansen gemeinsam, die in ihren sozialen Gemeinschaften Führung übernehmen? Ein internationales Forschungsteam kommt zu dem Schluss: eine Risikobereitschaft, die über dem allgemeinen Durchschnitt liegt.
Menschen in Führungspositionen schätzten sich selbst im Schnitt als risikobereiter ein als Menschen ohne Führungsverantwortung, schreibt das Team vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, der Technischen Universität Dresden und der University of Portsmouth im Fachjournal „The Leadership Quarterly“. Auch Schimpansen, die in ihren Gemeinschaften einen hohen sozialen Rang innehaben, werden als risikofreudiger eingeschätzt.
Muster mit evolutionären Wurzeln?
„Die Ergebnisse legen nahe, dass die Verbindung zwischen Führungsposition und Risikobereitschaft tiefe evolutionäre Wurzeln haben könnte“, erklärt die federführende Autorin der Studie, Lou Marie Haux vom MPI für Bildungsforschung. „Die Parallelen zwischen der Risikobereitschaft bei Menschen und Schimpansen in Führungspositionen deuten darauf hin, dass sich diese Eigenschaft bei beiden Arten möglicherweise als Anpassungsstrategie entwickelt hat, um mit dem Wettbewerb in sozialen Hierarchien sowie mit den Anforderungen ungewisser und oft feindlicher Umgebungen fertigzuwerden.“
Das Team wertete für die Analyse zum einen Daten von mehr als 40.000 Teilnehmern des Sozio-oekonomischen Panels – einer repräsentativen deutschen Langzeitstudie – aus, in der die Befragten ihre Risikobereitschaft selbst einschätzten. Neben der Führungsverantwortung ging auch ein höheres Einkommen mit mehr Risikobereitschaft einher.
Für die Tierwelt befragten die Forscher zudem Tierpflegerinnen und Tierpfleger über 86 Schimpansen aus Auffangstationen in Uganda und Kenia dazu, wie risikofreudig die Tiere sind. Diese Einschätzungen wurden mit dem jeweiligen Status der Tiere in ihrem sozialen Gefüge in Beziehung gesetzt.
Risikofreude in Tierwelt noch entscheidender für Status
Was die Forscher überraschte: Bei den Schimpansen war der Zusammenhang zwischen Führungsposition und erhöhter Risikobereitschaft noch ausgeprägter als bei den Menschen. Die Autoren mutmaßen, eine Erklärung dafür könne sein, dass in der menschlichen Gesellschaft bei der Vergabe von Führungspositionen auch Faktoren wie Bildung oder berufliche Qualifikationen neben den individuellen Eigenschaften eine Rolle spielen. In der Tierwelt hingegen kämen häufiger direkte Auseinandersetzungen vor, weshalb die Risikobereitschaft eine noch größere Rolle für den sozialen Status spielen könnte.
Autorin Haux weist darauf hin, dass die Erkenntnisse keine eindeutigen Rückschlüsse auf einen kausalen Zusammenhang zulassen. „Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob risikofreudige Menschen eher in Führungspositionen gelangen oder ob Führungsrollen Menschen risikobereiter machen.“ Die Analyse deute eher auf ersteres hin, weil bei vielen Menschen die höhere Bereitschaft zum Risiko schon vorhanden sei, bevor sie in Führungspositionen gelangten. Es sei jedoch weitere Forschung nötig, um die Wechselwirkung noch genauer zu verstehen.
