„Polizeiruf 110“ aus RostockWenn Frauen Preisschilder tragen

Eine zu Tode gefolterte Prostituierte, ein skrupelloser Bordellchef, der Staatsanwalt korrupt bis ins Mark: Der Rostocker „Polizeiruf“ blickt wieder einmal in den Abgrund – und der Abgrund blickt zurück. Letzte Ausfahrt Empathie.
Vier Prozent aller Männer zwischen 18 und 75 Jahren bezahlen innerhalb eines Jahres für Sex. Auf die Bevölkerung umgerechnet sind das rund 1,2 Millionen Männer pro Jahr. 27 Prozent haben es mindestens einmal in ihrem Leben getan, mehr als jeder vierte Mann in Deutschland, rund acht Millionen. Im europäischen Vergleich der Studie liegt Deutschland damit an der Spitze – diese ernüchternden Zahlen nennt Florian Oeller, Autor des jüngsten „Polizeiruf 110“ aus Rostock, als einen der Ausgangspunkte für seine Geschichte über die mörderischen Geschäfte rund um den Nachtclub Golden Cherries.
Mit Filmen wie „Totgeschwiegen“, über Gewalt gegen Obdachlose, und „Your Body My Choice“, den Magdeburger „Polizeiruf 110“ zum Thema Schwangerschaftsabbruch, hat sich Regisseurin Franziska Oeller wiederholt schwierigen Frauenschicksalen gewidmet. Oellers Filmvorlage sprach sie sofort an. „Die Direktheit, mit der Florian es erzählt, hat mich von Anfang an eingenommen. Ich mache gern Filme mit relevanten Themen, und das hat sich in diesem Drehbuch sofort gefunden“, so Schlotterer über ihre Motivation. „Unser Ansatz war, diese Branche in ihrer vollen Härte zu zeigen. Auch visuell haben wir es so umgesetzt, dass nichts geschönt ist und es nichts Glitzerndes gibt. Anstelle der Fassade, die dieses Milieu gern um sich herum aufbaut, zeigen wir die hässliche Fratze.“
Eine Form von Machtmissbrauch
Hässlich war es in der Tat, was sich da in Rostock abspielte, verruchter Glamour Fehlanzeige, stattdessen ein Sumpf aus Egomanie, Skrupellosigkeit und Härte, bis hin zu Vergewaltigung, Folter und Mord. Da trug die tote Prostituierte ein tätowiertes Preisschild für den Weiterverkauf an den nächsten Luden, inszenierten sich Typen in verwackelten Handyfilmen als Wohltäter, die durch Fremdvögelei ihre Ehefrauen schonen, das alles in einem Geflecht aus Manipulation, emotionaler Abhängigkeit und körperlicher Gewalt – ein ausbeuterisches System, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt.
Bei der Recherche haben Oeller und Schlotterer eng mit Prof. Dr. Julia Wege zusammengearbeitet. Die langjährige Leiterin einer Beratungsstelle für Frauen in Prostitution und Professorin an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der RWU Ravensburg-Weingarten lieferte in langen Gesprächen wertvolle Hintergrundinformationen. „Diese Zuhältersysteme funktionieren auch deshalb so gut, weil die Frauen gegeneinander ausgespielt werden. Irgendwann wird die besondere Eignung einer Frau festgestellt, herauszustechen und andere Zwangsprostituierte anzuleiten – das geht mit Erleichterungen einher“, erläutert Franziska Schlotterer. „So bekommen diese Frauen in ihrer Machtlosigkeit scheinbar ein Stück Macht zurück – nur eben nicht über das eigene Leben, sondern über junge Frauen, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst. Eine besondere, passive Form von Machtmissbrauch.“
Alle Geschichten unter einem Hut
In Florian Oellers Geschichte ist es die junge Natasha, eindrucksvoll gespielt von Anastasiia Mazhara. „Jede Figur hat ja ihre eigene private Geschichte und ihre Schwierigkeiten, die sich auch wieder auf den Fall beziehen oder ihn in gewisser Weise spiegeln“, so Florian Oeller. „All diese Geschichten unter einen Hut zu bekommen und in den Krimi einzubauen, war eine große Herausforderung.“
Das ist es, was „Sie haben Namen“ letztlich zu einem so vielschichtigen, hochspannenden Fall machte – die gelungene Kombination aus gesellschaftlichem Phänomen und den Einzelschicksalen dahinter, und das nicht nur unter den jungen Frauen, sondern auch in Reihen des Rostocker Reviers. Volker Thiesler (Josef Heynert) kehrt körperlich angeschlagen in den Dienst zurück und leidet darunter, dass Böwe bei der Neubesetzung von Bukows Stelle den Vorzug erhalten hat. Anton Pöschel (Andreas Guenther) wiederum hat sich in die Prostituierte Mila verliebt und möchte sie freikaufen.
Empathie als einzige Chance
Besonders brisant ist die Machtfrage in der Geschichte von Melly Böwe (Lina Beckmann). Sie erfährt, dass Oberstaatsanwalt Jan Jürgens (Thorsten Merten) der Vater ihrer Tochter Rose ist – und damit der Mann, der sie vergewaltigt hat, als sie 16 Jahre alt war. Ausgerechnet dieser Täter sitzt heute in einer Position, von der aus er die Arbeit der Polizei zu eigenen Gunsten manipulieren kann und das fortwährend ausnutzt. Auch Katrin König (Anneke Kim Sarnau) gerät psychisch ins Wanken. Die Rückkehr ihres Vaters (Wolfgang Michael) erschien zunächst wie eine Möglichkeit, Frieden mit diesem belasteten Teil ihrer Biografie zu schließen. Seine Stasi-Akte konfrontiert sie jedoch mit einer Wahrheit, die alles noch schwieriger machen könnte.
Mit „Sie haben Namen“ mutete der Rostocker „Polizeiruf 110“ seinem Publikum also mal wieder einiges zu. Die Figuren mochten zuweilen etwas plakativ wirken, die moralischen Fronten statisch gezogen. Die Botschaft jedoch, dass das Böse immer und überall sei, sie kennt kein Verfallsdatum, ebensowenig die Einsicht, dass der Mensch es am Ende vielleicht noch in der Hand hat, Dinge zum Besseren zu wenden und dieses Veränderung – die empathische Schlusseinstellung mit Böwe und König zeigte es eindrucksvoll – manchmal schon mit einer Umarmung anfängt.