Forschende der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) haben in kultivierten Kakaozellen vergleichbare Mengen bestimmter kakaotypischer Pflanzenstoffe gefunden wie in herkömmlichen Bohnen. Das belegt keine vollständige Gleichheit beider Zutaten, zeigt aber: Aus dem Herstellungsort „Labor“ lässt sich ein Mangel an natürlichen Inhaltsstoffen nicht ableiten. Welche Stoffe in welcher Schokolade fehlen sollen, müsste ein konkreter Vergleich zeigen – solche Messwerte liefern die geprüften Beiträge nicht.
Im Kanal Eva Herman Offiziell heißt es, viele natürliche Inhaltsstoffe würden bei künstlichen Kakao-Varianten fehlen oder gezielt weggelassen. Außerdem könnten Verbraucher künftig schwerer erkennen, welche Zutaten in ihrer Schokolade stecken. Als Quelle nennt der Beitrag einen Artikel der Epoch Times. Dessen vollständigen Text konnten wir wegen einer Zugriffssperre nicht prüfen; Gegenstand dieses Faktenchecks ist die öffentlich lesbare Aussage im Telegram-Post.
Der Kanal Aktuell360 (Antiilluminaten TV) nennt die Unternehmen Celleste Bio und California Cultured. Er warnt vor fehlenden Langzeitdaten, möglichen Verunreinigungen und einem „GRAS-Schlupfloch“ bei der US-Lebensmittelbehörde FDA. Im öffentlich zugänglichen Originalbeitrag ist ein Artikel von Natural News vom 18. Juni 2026 als Quelle verlinkt. Beide Posts behandeln Entwicklungen und künftige Produkte. Sie behaupten nicht ausdrücklich, dass bekannte Schokoladenmarken ihre verkauften Tafeln bereits heimlich umgestellt hätten.
Was steckt tatsächlich im Kakao aus dem Labor?
Bei Zellkultur-Kakao werden Zellen der Kakaopflanze in einer Nährlösung vermehrt. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) beschreibt, wie ihr Team daraus 2017 erstmals Schokolade herstellte: Die kultivierten Zellen wurden unter anderem getrocknet und geröstet, das Pulver anschließend mit Zucker und Kakaobutter verarbeitet. Es handelt sich also um ein Verfahren mit Pflanzenzellen, die selbst Stoffe produzieren.
Zu den von der ZHAW untersuchten Stoffen gehören Epicatechin und Procyanidine, die natürlicherweise in Kakao vorkommen. Ihre Ergebnisse beziehen sich auf die untersuchten Zellkulturen. Ob ein späteres Firmenprodukt gleich zusammengesetzt ist, müsste gesondert geprüft werden. Eine vollständige Gleichheit aller Inhaltsstoffe ist damit ebenso wenig nachgewiesen wie die pauschal behauptete Verarmung.
Was Lindt und Mondelēz tatsächlich damit zu tun haben
Die Forschung ist real, ebenso einige Beteiligungen bekannter Unternehmen. Food Brewer nennt Lindt & Sprüngli als Investor seiner Finanzierungsrunde vom Februar 2025. Celleste Bio berichtete am 15. April 2026, der Partner Mondelēz habe mit seiner kultivierten Kakaobutter knapp ein Dutzend Schokoladentafeln hergestellt. Das beschreibt Prototypen. Die im Eva-Herman-Post zusätzlich genannten Investitionen von Nestlé und Ferrero konnten wir mit den hier geprüften Originalquellen nicht bestätigen.
Puratos kündigte am 24. Februar 2026 ein Produkt mit kultiviertem Kakao für gewerbliche Kunden in den USA an, mit vollständiger kommerzieller Verfügbarkeit gegen Ende 2026. Ein Bericht der Universität UC Davis vom 11. Mai 2026 nennt für den beteiligten Hersteller California Cultured dagegen Anfang 2027 als erwarteten Beginn der kommerziellen Kakaopulver-Produktion. Die Zeitpläne stimmen somit nicht vollständig überein. Beide Angaben sind Ankündigungen und belegen keine bereits geänderte Rezeptur einer bestimmten Supermarkt-Schokolade.
Ist die Sicherheit von Labor-Schokolade ungeprüft?
Verunreinigungen und Rückstände sind ernst zu nehmende Fragen bei der Entwicklung solcher Lebensmittel. UC Davis beschreibt ausdrücklich Arbeiten an Reinigung, Sterilisation und lebensmitteltauglichen Nährlösungen. Die Hochschule forscht gemeinsam mit California Cultured; ihr Bericht ist daher ein Einblick in das Entwicklungsprojekt und keine unabhängige Produktzulassung. Der Telegram-Post nennt seinerseits weder eine untersuchte verunreinigte Kakao-Charge noch Messwerte, aus denen sich eine Gesundheitsgefahr durch ein bestimmtes Produkt ableiten ließe.
Ob für ein bestimmtes Produkt Langzeitdaten fehlen und welche Untersuchungen notwendig sind, lässt sich nur anhand seiner Prüfunterlagen beurteilen. Der Beitrag legt solche Unterlagen nicht vor. Fehlende Langzeitstudien sind zudem nicht gleichbedeutend mit fehlender Sicherheitsprüfung. Die Leitlinie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) verlangt eine Bewertung unter anderem von Zusammensetzung, Verzehrmenge und möglichen schädlichen Wirkungen. Welche zusätzlichen Untersuchungen notwendig sind, hängt von den Befunden ab. Studien am Menschen können erforderlich sein, sind aber keine pauschale Voraussetzung für jedes neuartige Lebensmittel. Das ist ebenso wenig eine allgemeine Entwarnung für alle Zellkultur-Produkte.
Die Kritik am US-Verfahren hat einen wahren Kern
GRAS steht für „Generally Recognized as Safe“, also unter Fachleuten allgemein als sicher anerkannt. Nach den FDA-Regeln können entsprechend eingestufte Verwendungen einer Lebensmittelzutat von der sonst nötigen Vorabzulassung ausgenommen sein. Unternehmen können eine solche Einschätzung selbst vornehmen; die Meldung an die FDA erfolgt im bisherigen Verfahren freiwillig. Der Vorwurf, dass eine behördliche Vorabprüfung fehlen kann, ist daher berechtigt. Für eine wissenschaftlich begründete GRAS-Einstufung verlangt die FDA allerdings Sicherheitsbelege in derselben Menge und Qualität wie für eine Zulassung als Lebensmittelzusatzstoff.
Die Lücke bei der behördlichen Kenntnisnahme ist auch Gegenstand einer Reform: Die FDA schlug im August 2026 eine grundsätzlich verpflichtende Meldung von GRAS-Einstufungen vor. Die geprüfte Veröffentlichung ist ein Regelungsvorschlag, keine bereits abgeschlossene Reform. Aus der Kritik am Verfahren folgt jedoch noch nicht, dass ein bestimmter Zellkultur-Kakao gesundheitsschädlich ist. Dafür wären die Daten zu diesem Produkt entscheidend.
Für Deutschland und Österreich gelten andere Regeln
Eine US-GRAS-Einstufung ersetzt keine EU-Zulassung. Für neuartigen Zellkultur-Kakao gilt in der EU das Verfahren für neuartige Lebensmittel, sogenannte Novel Foods. Antragsteller müssen Daten zu Herstellung, Zusammensetzung, Ernährung, möglichen schädlichen Wirkungen und Allergien vorlegen. Die EFSA bewertet die Sicherheit; EU-Kommission und Mitgliedstaaten entscheiden über die Zulassung und erlaubte Verwendungen. Soll ein neues Lebensmittel ein anderes ersetzen, wird auch geprüft, ob daraus ernährungsbezogene Nachteile entstehen.
Für die Sorge vor unbemerkten Zutaten ist außerdem die Kennzeichnung wichtig: Auch neuartige Lebensmittel unterliegen den EU-Kennzeichnungsregeln; bei der Zulassung können zusätzliche Vorgaben festgelegt werden. Daraus lässt sich noch keine bestimmte künftige Aufschrift wie „Labor-Kakao“ ableiten. Wer eine Warnung über seine Schokolade prüfen möchte, braucht deshalb den Namen des konkreten Produkts, den Verkaufsmarkt und die dort geltenden Zutaten- und Zulassungsangaben. Ein Forschungsprojekt oder eine Investition allein erklärt noch keine heimliche Umstellung der Schokolade im Einkaufswagen.
Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)
Stand: 21. Oktober 2026
US Food and Drug Administration (FDA) / Federal Register
11. August 2026
Natural News – Quelle des Aktuell360-Beitrags
18. Juni 2026
University of California, Davis
11. Mai 2026
Celleste Bio / PR Newswire
15. April 2026
EFSA Journal
30. September 2024
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