Wird Trump noch unberechenbarer?Ökonomen erwarten „erhebliche außenpolitische Turbulenzen“
Das Debakel von US-Präsident Donald Trump bei den Midterms hat auch Folgen für die Weltwirtschaft. Marcel Fratzscher vom DIW hofft auf eine Begrenzung des Iran-Kriegs und letztlich sinkende Energiepreise. Holger Schmieding von der Berenberg-Bank warnt allerdings, dass Trump noch immer Oberbefehlshaber der USA bleibt und nun versucht sein könnte, riskante geopolitische Abenteuer zu unternehmen. Hier ihre Einschätzungen und die weiterer wichtiger Ökonomen:
Marcel Fratzscher, Präsident des DIW-Institut in Berlin:
„Der Sieg der Demokraten bei den US-Midterms ist eine positive Botschaft für die Weltwirtschaft, auch wenn er die US-Wirtschaft kurzfristig bremsen könnte. Die wichtigste positive Botschaft ist, dass die Gewaltenteilung in den USA wieder besser greift: Präsident Donald Trump kann viele staatliche Institutionen nicht mehr nach seinem Willen beschneiden und umbauen, wie er dies beispielsweise mit der US-Notenbank in den vergangenen zwei Jahren versucht hat. Durch die Mehrheit der Demokraten in beiden Kammern des US-Kongresses dürfte es für Trump schwerer werden, seinen Handelskonflikt, vor allem mit Europa, stets neu anzufachen. Zudem kann der Kongress über sein Budgetrecht Trumps Krieg mit dem Iran stärker begrenzen. Das könnte die Energiepreise senken, wovon auch Europa profitieren würde.
Das aggressive Verhalten der US-Techkonzerne könnte nun ein Stück weit eingehegt werden, da sich die Demokraten für eine Regulierung von KI einsetzen und den massiven Boom beim Bau von Rechenzentren deutlich kritischer begleiten dürften. Dies dürfte positiv für die Wachstumsaussichten vor allem in Europa sein, langfristig aber auch in den USA. Es könnte zudem die Blase an den Finanzmärkten bei Techkonzernen etwas abkühlen. Auch in der Finanzpolitik wird Trump nicht mehr so frei agieren können und mehr Rechenschaft ablegen müssen.“
Christoph Balz, Commerzbank:
„Das Ergebnis ist so deutlich, dass Debatten über etwaige Wahlmanipulationen der Boden entzogen wurde. Für Präsident Trump, der die Niederlage bereits eingestanden hat, ist dies ein deutlicher Rückschlag. Er wird sich in seinen zwei letzten Amtsjahren nun wohl noch mehr auf Dekrete und die Außenpolitik stürzen, da er da größeren Handlungsspielraum hat.
Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank:
„Für die innenpolitische Gesetzgebung wird Donald Trump durch den Verlust der Kongressmehrheit in den letzten beiden Jahren seiner zweiten Amtszeit zur sogenannten Lame Duck – ähnlich wie die meisten US-Präsidenten der jüngeren Vergangenheit vor ihm. Vermutlich könnte Trump weiter Gesetzesinitiativen der Demokraten mit seinem Veto blockieren. Das Ausmaß der Verluste für die Maga-Bewegung könnte jedoch Trumps Kontrolle über die Republikanische Partei lockern und möglicherweise den Weg für eine stärkere parteiübergreifende Zusammenarbeit ebnen. Eine zentrale Frage ist nun, ob sich die Demokraten weiter nach links bewegen oder auf die politische Mitte konzentrieren, um die Präsidentschaftswahl 2028 zu gewinnen.
Auch als politisch geschwächter Präsident bleibt Trump Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte. Da er ständig nach Aufmerksamkeit sucht und keine konsistente langfristige Strategie verfolgt, könnte er sogar noch stärker versucht sein, riskante geopolitische Abenteuer zu unternehmen. Der Kongress wird ihm höchstwahrscheinlich nicht die finanziellen Mittel für eine kostspielige Militäroperation ähnlich dem Iran-Krieg bewilligen. Kuba hingegen könnte Anlass zur Sorge haben. Wir müssen uns vermutlich auf erhebliche außenpolitische Turbulenzen in den letzten beiden Jahren der Trump-Präsidentschaft einstellen.“
Cyrus de la Rubia, Chefökonom Hamburg Commercial Bank:
„Das entscheidende Ergebnis der Wahlnacht ist, dass der Präsident angesichts der Deutlichkeit der Niederlage eine massive Schwächung in den eigenen Reihen erleiden dürfte. Ich erwarte, dass in den nächsten Wochen und Monaten eine zunehmende Anzahl von Republikanern sich öffentlich gegen bestimmte Positionen des Präsidenten äußern wird, was bis dahin aus Angst vor den anstehenden Wahlen bislang kaum geschehen war. Insofern haben die Europäer unter diesen Umständen bessere Chancen, bei ausgewählten Republikanern stärkeres Gehör zu finden, wenn es um Fragen der Zollpolitik oder der Außenpolitik geht. Dennoch sollte Europa nicht darauf setzen, dass es jetzt zu einem Richtungswechsel in der Zollpolitik oder bei der Haltung der USA zu den Themen Nato und Russland kommt. Trump wird vermutlich weiter zum Zoll-Instrument greifen, da der Kongress in der bisherigen Regierungszeit bei Zollentscheidungen ebenso wenig einbezogen wurde. Neue Willkürentscheidungen könnten aber stärker auf Widerstand in den eigenen Reihen stoßen und eventuell das Handeln des Präsidenten beeinflussen.
Tendenziell stärkt das Ergebnis den Euro gegenüber dem US-Dollar, wenngleich hier zahllose Faktoren und Szenarien eine Rolle spielen, deren Effekte teilweise gegenläufig sind. Die Tatsache, dass ein Präsident, der in seiner bisherigen Regierungszeit versucht hat, Europa gezielt zu schwächen, nunmehr seinerseits geschwächt aus dieser Wahl hervorgeht, sollte von den Investoren zugunsten des Euro interpretiert werden. Allerdings kann dies durch andere Faktoren überlagert werden. Ein neuer Militärschlag gegen den Iran mit der Konsequenz höherer Ölpreise würde die Wahrscheinlichkeit von Zinsanhebungen erhöhen. In die gleiche Richtung geht das Argument, dass die Fed-Mitglieder angesichts der Schwächung des US-Präsidenten eher den Mut fassen könnten, gegen den Willen von Trump die Zinsen weiter anzuheben. Das Ergebnis wäre ein stärkerer US-Dollar. Gleichzeitig steigt mit dem Sieg der Demokraten die Wahrscheinlichkeit, dass der KI-Sektor in absehbarer Zeit stärker reguliert werden könnte und/oder der Ausbau von Rechenzentren gebremst wird, was vermutlich dazu beitragen würde, den KI-Boom zu beenden. Das wiederum würde die Wirtschaft schwächen und die Fed dazu veranlassen, die Zinsen zu senken, wodurch der US-Dollar an Wert verlieren sollte.“
Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank:
„Es ist ein blauer Tsunami. Donald Trump hat von den US-Bürgern einen kräftigen Denkzettel bekommen. Die Demokraten gewinnen ersten Hochrechnungen und ersten Ergebnissen zufolge die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat. Ursächlich für die Wahlpleite der Republikaner war die hohe Teuerung, aber auch der Bau von KI-Rechenzentren sorgt zunehmend für Frust in großen Teilen der Bevölkerung.
Mit dem Verlust der republikanischen Mehrheit in beiden Kammern werden die Machtbefugnisse Donald Trumps in Finanzfragen, aber auch bei der Besetzung wichtiger Ämter deutlich eingeschränkt. Trump wird sich nun noch mehr als bisher auf Verordnungen stützen. Der Präsident könnte sich darüber hinaus noch stärker auf die Außenpolitik konzentrieren. Auf diesem Feld kann Trump freier und unabhängiger vom Kongress agieren. Dazu zählen etwa auch neuerliche Angriffe auf den Iran. Aber auch Zölle und Handelskonflikte könnten wieder stärker in den Vordergrund rücken.“
