„Klare Fehlentscheidung“, aber …Schiri nicht schuld: FC Bayern zerbricht an brutalen PSG-„Bossen“

Die Wut ist groß: Der FC Bayern hadert nach dem Aus im Halbfinale der Champions League mit dem Schiedsrichter, der deutlich patzt. Allerdings fliegen die Münchner raus, weil PSG Lektionen aus dem Hinspiel lernt – und zwei Superdribbler hat.
Direkt zu Beginn soll klargestellt werden: Ja, João Pinheiro sorgt beim 1:1 (0:1) des FC Bayern gegen Paris Saint-Germain für große Aufregung. Und ja, der portugiesische Schiedsrichter leistet sich am Mittwochabend mit seinem Gespann mindestens einen großen Fehler.
Aber, und auch das muss deutlich gesagt werden, die Münchner scheiden nicht wegen des Unparteiischen im Halbfinale der Champions League aus, sondern weil der Gegner defensiv wie offensiv besser agiert und mehr Reife zeigt. Weil PSG in Topform die beste Mannschaft im Weltfußball ist.
„Héroïque, magique, historique“, fasst es „Le Figaro“ zusammen. Doch die Bayern stehen nach dem geplatzten Finaltraum wie benommen auf dem Rasen. Alleingelassen, der tiefe Schmerz der Niederlage spiegelt sich in leeren Blicken wider. Harry Kane vergräbt sein Gesicht in den Händen, hat Tränen in den Augen. Vielleicht kommt er dem großen Titel nie wieder so nah, besser als in diesem Jahr können der Superstürmer und seine Mannschaft kaum spielen. Während die Pariser Spieler vor ihrer Kurve tanzen, schleicht ein Münchner nach dem anderen gequält in die Katakomben.
Bayern-CEO hinterfragt Schiedsrichteransetzung
Dort tritt ein völlig geknickter Joshua Kimmich vor die Mikrofone. Sein Rucksack sitzt so schwer auf den Schultern, als wäre er mit einem Zentner Ziegelsteine beladen. Der Anführer gibt sich tapfer: „Wir haben zu viele Fehler in den entscheidenden Momenten gemacht.“ Nach dem Schlusspfiff motzt Kimmich so laut und lange mit Referee Pinheiro, dass er Gelb bekommt, doch nun sagt er: „Ich will über die eigene Leistung reden, nicht über den Schiedsrichter.“
Dennoch ist Pinheiro zumindest bei den deutschen Gesprächspartnern das Thema Nummer eins in der Mixed Zone. Jan-Christian Dreesen hinterfragt gar die Schiedsrichteransetzung. „Es ist mindestens erstaunlich, dass ein Schiedsrichter mit nur 15 Champions-League-Einsätzen so ein Spiel leiten darf“, meckert der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG. „Und das erklärt dann vielleicht auch so manchen Pfiff.“ „Wenn sie eine Gelb-Rote Karte kriegen, sieht alles wieder anders aus“, sagt auch Bayerns Sportvorstand Max Eberl. „Und das sind Momente, die leider heute nicht auf unserer Seite waren.“
Die Situation, die die Bayern auf die Palme bringt, findet in der 29. Minute statt. Ein PSG-Handspiel von Nuno Mendes wird nicht bestraft, weil Konrad Laimer den Ball bereits kurz vorher mit der Hand gespielt haben soll. Hat er aber nicht. „Das ist eine klare Fehlentscheidung“, analysiert der frühere FIFA-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer als Experte des ZDF. Erstmals an diesem Abend haut die Allianz Arena Schiedsrichter Pinheiro ein gellendes Pfeifkonzert um die Ohren. Viele weitere sollen folgen. Etwa bei einem vermeintlichen Handelfmeter, der aber zu Recht nicht gepfiffen wird.
Neuer vermisst Killerinstinkt
Doch so bitter Pinheiros großer Fauxpas und manch andere fragliche Entscheidungen, wie etwa zu kurze Nachspielzeiten, auch waren, der FC Bayern fliegt aus der Champions League, weil Paris mit einer unerwartet knallharten Defensive, Stabilität und Disziplin die Allianz Arena erobert. Abgebrüht. Humorlos. Brutal.
Die Münchner haben das gesamte Spiel über keine wirklich zwingende Phase. Manuel Neuer gibt zu: „Wir waren heute keine Killer in der Offensive.“ Kane, Michael Olise und Luis Díaz, das geniale Triumvirat dieser Saison, werden fast vollständig aus dem Spiel genommen. Jeder einzelne Pariser rackert fürs Kollektiv und giert geradezu aufs Verteidigen, um dann blitzschnell nach vorne zu spielen. Die Franzosen haben ihre Lektion aus dem Hinspiel gelernt, halten ihr Pressing 90 Minuten lang aufrecht und rauben den Bayern damit jegliche Hoffnung. Kanes Ehrentreffer tief in der Nachspielzeit fällt nur, weil die Defensive ihm zu diesem Zeitpunkt bereits ein wenig Raum schenkt.
PSG wirkt auch ohne die große Dominanz wie eine perfekte geölte Maschine, wackelt an diesem Abend nie. Bayern-Trainer Vincent Kompany erkennt auf der Pressekonferenz nach der Partie an: „Ihre Innenverteidiger waren fantastisch, das muss ich hervorheben“ Und sein Gegenüber Luis Enrique freut sich: “ Wir haben gezeigt, dass wir tief verteidigen können, wenn wir es müssen.“
Das Phänomen Kvaratskhelia
Hinzu kommt, dass Paris dem 2:0 oftmals näher ist als München dem Ausgleich. Und das liegt vor allem an Khvicha Kvaratskhelia (25 Jahre) und Désiré Doué (20 Jahre). Die beiden Flügelstürmer arbeiten nicht nur konsequent mit nach hinten, sondern sind den gesamten Abend über zwei offensive Hingucker.
130 Sekunden stehen auf der Uhr, als Kvaratskhelia Bayerns Innenverteidiger Dayot Upamecano ein erstes Mal auf den Rummelplatz schickt. Schleudertrauma inklusive. Technisch äußerst anspruchsvoll legt er mit dem Außenrist präzise auf Fabian Ruiz ab, um sich sofort den Doppelpass zu ersprinten, während alle Münchner nur hinterherhecheln. Kvaratskhelias Hereingabe in den Rücken der Abwehr haut Ousmane Dembélé trocken in die Maschen zum 1:0.
„Kvaradona“ ist ein Phänomen. Niemand ist in diesem Jahr in der K.o.-Phase der Champions League an mehr Toren beteiligt als der Linksaußen (sieben Treffer, drei Vorlagen). Mit seinen extrakleinen Stutzen und Schienbeinschonern tut er bei Pariser Angriffen manchmal auf desinteressiert, um dann aber bereits mit der Ballannahme ins Vollgas-Tempo hochzuschalten, den Ball so eng geführt, dass die Münchner keine Chance haben.
Dabei sieht er ganz anders aus als manch top gestylter Jungstar von heute, eher zerzaust, mit buckeligem Gang. Wie ein Hobbyboxer, der schon einige illegale Hinterhofturniere für sich entscheiden konnte oder einer, der nach Enriques Halbzeitansprache in der Allianz-Arena noch flott eine Zigarette durchzieht und eine Branntwein-Cola trinkt.
FC Bayern wird schwindelig gespielt
Kvaradona und Doué nehmen es wieder und wieder mit der gesamten Münchner Abwehr auf. Ihre enorme Qualität: Sie kommen dabei fast immer zu Torschuss. Natürlich bringt ein schneller Gegenstoß die erste Chance der zweiten Hälfte (56.), nach einem Solo von Doué pariert Neuer mit den Fäusten. Nur eine Minute später muss der Keeper gegen Kvaratskhelia retten, der davor Upamecano ein weiteres Mal schwindelig spielt. Wiederum nur sieben Minuten darauf können vier Bayern Doué nicht aufhalten, erneut hält Neuer.
Es ist fast unverschämt, wie gut die beiden Superdribbler am Ball sind. Doué gelingt ein unglaubliches Kunststück, als er an der Torauslinie Kimmich und Díaz mit einem Sohlenstreichler samt Hackentrick vernascht. Dann bindet Kvaratskhelia vier Bayern und bleibt dank mehrerer Haken und Täuschungen dennoch Sieger. Seinen Pass knallt Doué ans Außennetz statt in die Maschen. Und kurz vor Schluss lupft der Georgier sich die Kugel über Upamecano und den eingewechselten Min-Jae Kim selbst zu und erzielt beinahe eines der Tore des Jahres.
„Er hat heute Abend den Begriff ’sexy Fußball‘ neu definiert, schreibt der „Guardian“ über Kvaradona. „Sie sind die Bosse“ schreibt „Le Parisien“ – und meint damit auch die beiden Unterschiedsspieler, die den Bayern im Halbfinale der Königsklasse das Leben noch viel schwerer machen als der Schiedsrichter.