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Abnabelung in den Sommerferien: Wenn der Teenager nicht mit in den Urlaub will – oder doch, vielleicht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 11, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Abnabelung in den SommerferienWenn der Teenager nicht mit in den Urlaub will – oder doch, vielleicht

11.07.2026, 16:56 Uhr Von Torsten Landsberg
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Nochmal mit den Eltern in den Urlaub fahren, oder doch lieber allein? Die Entscheidung ist für Teenager gar nicht so leicht. (Foto: picture alliance / DZBA)

Das noch nicht ganz erwachsene Kind will in den Urlaub mitkommen. Die Planung läuft, doch je näher der Termin rückt, desto mehr wackeln die Absprachen. Wie reagieren Eltern angemessen auf mangelnde Verbindlichkeit?

Es war doch gefühlt erst gestern, als das Kind den ganzen Sommerurlaub im Sand saß und unermüdlich mit Förmchen gespielt hat. Wo ist denn bloß die Zeit hin? Wer solch rührselige Gedankengänge kennt, ist vermutlich alt. Also, noch nicht wirklich alt-alt, aber in einer Phase des Lebens, die der eigene Nachwuchs so interpretiert, weil für ihn eben alles alt ist, was über 25 liegt. Teenager können erstaunlich wenig Verständnis für gefühlige Erinnerungen an früher aufbringen.

Halb so wild, immerhin ist die heutige Elterngeneration gut informiert und erkennt dieses Verhalten als normale Entfaltung und den Hochmut der Jugend als notwendigen Bestandteil im Abnabelungsprozess. Hormone, die erste Liebe, der süße Nektar des Nachtlebens, alles gut. Heikel wird es manchmal trotzdem – besonders, wenn Entscheidungen anstehen, die eine gewisse Verbindlichkeit erfordern. Manche Eltern werden schmerzlich an die Backförmchen zurückdenken, wenn sie zum ersten Mal ohne das pubertierende Kind in den Sommerurlaub aufbrechen.

„Es gibt schon 14-, 15-Jährige, die Urlaub mit den Eltern nicht mehr so super finden und gern was anderes machen möchten“, sagt Inke Hummel, Erziehungsberaterin und Autorin des Ratgebers „Miteinander durch die Pubertät“, im Gespräch mit ntv.de. In ihre Beratung kämen aber auch viele Familien, deren Kinder mit Anfang 20 noch gern mitfahren, „einfach, weil es gut klappt und nett ist“. Ein typisches Muster gebe es nicht, zahlreiche Einflüsse spielten eine Rolle: der Erziehungsstil der Eltern, die Persönlichkeit des Teenagers, der Freundeskreis, kulturelle Hintergründe.

Regeln und Grenzen hinterfragen

Entwicklungspsychologisch lösen sich Jugendliche schrittweise von ihren Eltern. Der Prozess dauert mehrere Jahre und beginnt meist im Alter von 12 bis 14 Jahren. Das Bedürfnis nach Selbständigkeit, Privatsphäre und eigener Identität wächst. Ab 15 hinterfragen die Jugendlichen zunehmend die Regeln der Eltern, orientieren sich mehr an Freunden und testen Grenzen aus. Das birgt Konflikte, die zwar alle Beteiligten nerven können, aber selten Anlass zur Sorge sind. Zwischen 18 und 20 endet die Phase in der Regel, mit zunehmender emotionaler und sozialer Eigenständigkeit verändert sich die Eltern-Kind-Beziehung hin zu idealerweise gleichberechtigten Erwachsenen.

Studien zeigen, dass Jugendliche mit einer guten Bindung an ihre Eltern häufig leichter eine gesunde Eigenständigkeit entwickeln. Ein schwacher Trost, denn vielen Eltern falle das Loslassen wirklich schwer, sagt Hummel. „Man muss sich überlegen: Wie gehe ich mit dieser Lücke um, die dadurch entsteht?“ Der Prozess könne mit Risiken verbunden werden, der Sorge vor Entfremdung, einige Eltern würden Kontrollverlust fürchten und unsicher sein, ob das Kind schon selbständig genug sei, um alleine bleiben zu können. „Manchmal ist es aber einfach eine Verletztheit, weil man sich abgelehnt fühlt und es persönlich nimmt. Mein Lieblingssatz dazu lautet: Die gehen nicht von euch weg, sondern die gehen zu sich hin.“

Den Urlaub nicht mehr gemeinsam zu verbringen, markiert eine Veränderung, die noch mal einschneidender sein kann als die kleinen Reibereien im Alltag. Und vielleicht möchten Eltern Zeit mit dem Teenie gar nicht verbringen, weil sie klammern und sich die Kleinkindzeit zurückwünschen, sondern weil man diesen Menschen eben doch ganz gerne mag.

„Es ist in Ordnung, wenn Eltern offen ihr Bedauern ausdrücken und die eigene Enttäuschung beschreiben“, sagt die Erziehungsberaterin. Es sei wichtig, die Traurigkeit nicht in sich hineinzufressen, danach lasse sich gemeinsam nach einem Kompromiss suchen: „Können wir das für dieses Jahr noch irgendwie retten oder wollen wir uns überlegen, wie wir es nächstes Jahr machen?“ Enttäuschung birgt allerdings das Risiko, emotionalen Druck aufzubauen. Wer möchte sein Kind schon moralisch in einen Urlaub zwingen, den es nicht will?

„Das ist ein Balanceakt“, sagt Inke Hummel. Es sei Entwicklungsaufgabe der Teenager, von den Eltern emotional unabhängig zu werden. Dazu zähle eben auch, sich mit den Gefühlen anderer auseinanderzusetzen. „Man kann dem Kind ehrlich sagen: ‚Ich vermisse dich, aber das bedeutet gar nicht, dass du dafür verantwortlich bist.'“ Man könne dann überlegen, ob man gemeinsame Zeit anders gestalte. „Dabei kann herauskommen, dass wir nächstes Wochenende mal einen ganzen Tag zusammen verbringen oder etwas ein anderes Mal nachholen.“

Teenager sind wankelmütig

Eine Garantie, dass Absprachen letztlich Bestand haben, gibt es nicht. Teenager sind mitunter wankelmütig. Da folgt der Zusage zum gemeinsamen Urlaub schon mal ein plötzlicher Schlingerkurs, der – je näher die Ferien rücken – auch in die spontane Absage führen kann. Die Verheißung, zu Hause könne während des Urlaubs mit den Eltern die Party des Jahres steigen, ist einfach zu groß. Das kann durchaus Folgen für die Erwachsenen haben, die frühzeitig Urlaub beantragen müssen und in der Haupt-Reisezeit für Unterkünfte, Flüge, Zugfahrten oder Fähren höhere Kosten haben als außerhalb der Ferien.

„Man sollte ruhig alles auf den Tisch legen und den Kindern beschreiben, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf andere hat“, rät Inke Hummel. „Es ist aber wichtig zu berücksichtigen, dass Jugendliche in ihrer Gehirnentwicklung sehr im Hier und Jetzt sind.“ Da könne schon die Mathearbeit am nächsten Montag wahnsinnig weit weg wirken. „Für größere Entscheidungen müssen wir Eltern die Verantwortung übernehmen, weil die Jugendlichen es nicht überblicken können.“

Ein möglicher Ansatz in der Urlaubsplanung könne so aussehen, dass frühzeitig Alternativen durchgespielt würden. Soll das jugendliche Kind noch nicht alleine zu Hause bleiben, sei ein Feriencamp oder eine Reise mit Freunden denkbar. Liefere der Teenager bis zu einem Stichtag keine tragfähige Option, werde der Urlaub eben gemeinsam verbracht. „Wir müssen das Organisatorische übernehmen, aber gleichzeitig Optionen bieten.“

Dass Teenager auch für konstruktive Lösungsansätze nicht immer offen sind, hat Inke Hummel gerade selbst erfahren, als ein 14-Jähriger ihren Pubertätsratgeber harsch kritisierte: „Er schrieb, wenn seine Mutter daraus etwas übernehmen würde, fände er das sehr provozierend.“ Eine direkte Konfrontation könne den Kindern eben unangenehm sein, weil sie sehr mit sich selbst beschäftigt seien. „Gerade diese coole Fassade ist häufig ein Hilfskonstrukt, das sie nicht ablegen können. Deshalb ist das Dranbleiben wichtig, irgendwann platzen bestimmte Knoten wieder.“ Bis dahin müssten Konflikte von allen Seiten ausgehalten werden, gerade weil sie selten durch ein oder zwei Gespräche zu lösen seien. „Es führt kein Weg daran vorbei: Es kann eine Weile blöd sein zwischen Eltern und Teenie.“

Quelle: ntv.de

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