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Startseite»Betrugsmaschen»AfD in Sachsen-Anhalt 2026: Wie eine Alleinregierung möglich wäre
Betrugsmaschen

AfD in Sachsen-Anhalt 2026: Wie eine Alleinregierung möglich wäre

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 21, 2026Keine Kommentare24 Minuten Lesezeit
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Das Wichtigste in Kürze

  • Die AfD liegt in aktuellen Umfragen in Sachsen-Anhalt bei 41 bis 43 Prozent und damit deutlich vor der CDU.
  • Eine absolute Mehrheit der Sitze könnte auch mit weniger als 50 Prozent der Stimmen möglich sein, wenn mehrere kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.
  • Eine AfD-Alleinregierung hätte vor allem bei Schule, Verwaltung, Förderpolitik und Landesfinanzen erheblichen Gestaltungsspielraum. Bundesrecht, Grundgesetz, Gerichte und die Landesverfassung setzen zugleich Grenzen.
  • Der AfD-Landesverband wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft.
  • Parallel zum Wahlkampf kursieren Desinformation und alte Wahlbetrugs-Fakes. Eine Mimikama-Recherche dokumentierte zudem 21 politische Facebook-Gruppen mit Hunderttausenden Mitgliedschaften, deren zentrale Administratoren öffentlich kaum erkennbar sind.

Stand: 21. August 2026. Umfragen sind Momentaufnahmen und keine Prognosen des Wahlergebnisses.

Warum wir darüber berichten: Diese Wahl könnte erstmals dazu führen, dass die AfD allein eine Landesregierung stellt. Unser Artikel untersucht deshalb nicht nur Umfragen, sondern auch die tatsächlichen rechtlichen Möglichkeiten einer solchen Regierung, politische Kommunikation im Netz und Desinformation rund um den Wahlkampf.


Wer am Abend des 6. September die Hochrechnungen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verfolgt, wird vermutlich zuerst auf eine große Zahl schauen. 41 Prozent für die AfD vielleicht, 42 oder sogar 43. Das sind jene Größenordnungen, die mehrere Umfragen seit Ende Juli messen. Die jüngste bei Wahlrecht.de gelistete Erhebung von pollytix sieht die AfD bei 43 Prozent, die CDU bei 23, Die Linke bei 13, die SPD bei sieben und die Grünen bei fünf Prozent. BSW und FDP liegen darunter. INSA kam wenige Tage zuvor auf 42 Prozent für die AfD, Infratest dimap Ende Juli auf 41. Natürlich sind das Umfragen und keine Wahlergebnisse. Dass drei Institute innerhalb kurzer Zeit eine sehr ähnliche Größenordnung messen, zeigt allerdings, warum Sachsen-Anhalt mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus beobachtet wird.

AfD bei 43 Prozent: Wie daraus eine Alleinregierung werden könnte
Aktuelle pollytix-Umfrage zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Die AfD liegt bei 43 Prozent, die CDU bei 23 Prozent. Quelle: Wahlrecht.de / pollytix, 12. August 2026.

Entscheidend könnte an diesem Abend trotzdem eine andere Zahl werden, eine, die in den ersten Grafiken weit weniger spektakulär aussieht: fünf Prozent. Genauer gesagt die Frage, welche Parteien knapp darüber und welche knapp darunter landen. Genau davon hängt ab, wie viele Stimmen bei der proportionalen Verteilung der Landtagssitze überhaupt berücksichtigt werden. Scheitern mehrere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde, kann eine Partei eine absolute Mehrheit der Mandate erhalten, obwohl deutlich weniger als die Hälfte aller Wähler für sie gestimmt hat. Das ist weder ein Trick noch eine Besonderheit zugunsten der AfD, sondern eine Folge des geltenden Wahlrechts.

Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt, warum diese Wahl politisch so außergewöhnlich werden könnte. Angenommen, eine Partei erreicht 45 Prozent. Weitere elf Prozent der Stimmen verteilen sich auf Parteien, die den Einzug in den Landtag verpassen. Für die proportionale Sitzverteilung bleiben dann im Wesentlichen 89 Prozent der Stimmen übrig. 45 von 89 entsprechen bereits etwas mehr als 50 Prozent. Die tatsächliche Mandatsberechnung ist komplizierter, weil Direktmandate und weitere gesetzliche Regeln hinzukommen, aber das Prinzip bleibt: Je mehr Stimmen an Parteien unterhalb der Sperrklausel gehen, desto kleiner wird die Stimmenbasis, aus der die Sitze verteilt werden.

Deshalb könnte es für die Machtfrage am 6. September irgendwann fast wichtiger werden, ob eine kleinere Partei 4,9 oder 5,1 Prozent erreicht, als ob die AfD am Ende bei 42 oder 43 Prozent landet. Eine Differenz von wenigen Zehntelprozentpunkten kann darüber entscheiden, ob eine weitere Fraktion im Parlament sitzt – und damit möglicherweise darüber, ob Ulrich Siegmund einen Koalitionspartner bräuchte oder die AfD allein regieren könnte.

Wie blicken Sie auf dieses Szenario?

Wie würde sich Sachsen-Anhalt Ihrer Einschätzung nach verändern, wenn die AfD tatsächlich allein regieren würde?

Die folgende Mimikama-Leserumfrage ist nicht repräsentativ. Sie zeigt ausschließlich die Einschätzungen jener Menschen, die freiwillig daran teilnehmen.

Mimikama-Leserumfrage

Wie blicken Sie auf die mögliche AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt?

Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Die AfD liegt derzeit in mehreren Umfragen deutlich vorn. Unter bestimmten Umständen könnte sogar eine absolute Mehrheit der Mandate möglich sein.

Wir arbeiten an einer ausführlichen Analyse zur Landtagswahl und möchten zusätzlich erfahren, wie unsere Leserinnen und Leser auf diese Entwicklung blicken.

Diese Befragung ist nicht repräsentativ. Sie zeigt ausschließlich die Einschätzungen der Personen, die freiwillig an dieser Mimikama-Leserumfrage teilnehmen.

Die Teilnahme dauert weniger als eine Minute.

Wie konnte Sachsen-Anhalt an diesen Punkt kommen?

Die Antwort beginnt nicht mit TikTok, Russland oder irgendwelchen Bots. Sie beginnt bei den Wählern selbst.

Bei der Landtagswahl 2021 kam die CDU in Sachsen-Anhalt auf 37,1 Prozent. Die AfD erreichte damals 20,8 Prozent. Fünf Jahre später messen mehrere Umfragen für die AfD ungefähr das Doppelte ihres damaligen Ergebnisses, während die CDU nur noch bei etwas mehr als 20 Prozent liegt. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass diese Stimmen einfach von einer Partei zur anderen gewandert wären; Wahlbewegungen funktionieren so nicht. Menschen sterben, Erstwähler kommen hinzu, Nichtwähler gehen wieder wählen, frühere Wähler wechseln zwischen mehreren Parteien. Als Beschreibung des politischen Kräfteverhältnisses ist der Vergleich trotzdem bemerkenswert: Was 2021 noch wie ein sehr deutlicher CDU-Sieg aussah, hat sich innerhalb einer Legislaturperiode grundlegend verschoben.

Noch aussagekräftiger sind deshalb jene Antworten, die über die reine Sonntagsfrage hinausgehen. In der Infratest-dimap-Erhebung von Ende Juli sagten 44 Prozent der Befragten, die AfD solle nach der Wahl die Regierung führen. 43 Prozent bevorzugten die CDU. Gleichzeitig waren nur 29 Prozent mit der Arbeit der derzeitigen Landesregierung zufrieden oder sehr zufrieden, während 66 Prozent weniger oder gar nicht zufrieden waren. Diese Zahlen machen es schwer, den AfD-Zuspruch pauschal als reines Protestphänomen abzutun. Wer ausdrücklich möchte, dass eine Partei eine Regierung führt, signalisiert mehr als bloßen Ärger über die bisherige Politik.

Das bedeutet nicht, dass jeder AfD-Wähler dasselbe Motiv hat. Gerade darin liegt eines der Probleme vieler Debatten über den Erfolg der Partei: Sie suchen eine einzige große Erklärung. Migration. Corona. Ostdeutsche Identität. Soziale Medien. Russland. Misstrauen gegenüber „den Eliten“. Wirtschaftliche Unsicherheit. Wahrscheinlich steckt von vielem etwas darin, je nach Person in völlig unterschiedlicher Mischung.

Sachsen-Anhalt steht gleichzeitig vor sehr realen strukturellen Problemen. Nach einer Prognose des Statistischen Landesamtes könnte die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2040 gegenüber 2024 um rund 272.000 sinken. Das klingt zunächst nach einer Zahl aus einem statistischen Bericht. In einer Gemeinde bedeutet es irgendwann, dass Pflegekräfte fehlen. In einer Schule bedeutet es, dass Stellen schwieriger zu besetzen sind. Für einen mittelständischen Betrieb kann es heißen, dass Lehrstellen offen bleiben, weil weniger junge Menschen nachkommen. Für eine Kommune bedeutet eine schrumpfende und alternde Bevölkerung gleichzeitig weniger Spielraum, während Straßen, Schulen, Feuerwehren und andere Infrastruktur trotzdem erhalten werden müssen.

Auch der Seiteneinstieg an den Schulen zeigt, wie stark solche Entwicklungen längst im Alltag angekommen sind. Ende 2025 waren rund 16 Prozent aller Lehrkräfte Seiteneinsteiger; an öffentlichen allgemeinbildenden Schulen lag ihr Anteil im Schuljahr 2025/26 bei etwa 17,5 Prozent. Das bedeutet nicht, dass Seiteneinsteiger automatisch schlechtere Lehrer wären. Es zeigt aber, mit welchem Druck das Land versucht, genügend Personal in die Schulen zu bekommen.

Hinzu kommen Konflikte, bei denen politische Realität und subjektive Wahrnehmung auseinanderfallen können. Wenn eine Gemeinde gesetzlich verpflichtet ist, für eine bestimmte Aufgabe Geld auszugeben, während an anderer Stelle seit Jahren ein kommunales Gebäude verfällt, kann haushaltsrechtlich alles erklärbar sein. Für jemanden, der jeden Tag an diesem Gebäude vorbeifährt, bleibt trotzdem der Eindruck, dass Geld für manche Dinge vorhanden ist und für andere nicht. Gerade bei Migration wird daraus schnell ein Verteilungskonflikt, obwohl die betreffenden Budgets häufig gar nicht einfach gegeneinander ausgetauscht werden könnten.

Politisch relevant ist das Gefühl trotzdem. Eine Demokratie funktioniert nicht allein über korrekte Haushaltsstellen, sondern auch darüber, ob Menschen nachvollziehen können, warum Entscheidungen getroffen werden. Wird diese Erklärung über Jahre nicht als überzeugend erlebt, entsteht Raum für Parteien, die versprechen, alles grundsätzlich anders zu machen.

Die AfD hat diesen Raum in Sachsen-Anhalt sehr erfolgreich besetzt. Sie präsentiert sich nicht mehr nur als Oppositionskraft gegen einzelne Entscheidungen, sondern als Alternative zum gesamten bisherigen politischen Betrieb. Für eine Partei mit diesem Selbstverständnis ist eine Regierung, mit der nur knapp ein Drittel der Befragten zufrieden ist, ein ideales Umfeld. Der Erfolg der AfD lässt sich deshalb kaum verstehen, wenn man ihn nur als Ergebnis geschickter Social-Media-Kommunikation beschreibt. Vor der Kommunikation stehen politische Erfahrungen, Erwartungen und Enttäuschungen, an die solche Botschaften überhaupt erst andocken können.

Was eine AfD-Regierung tatsächlich verändern könnte

Auch die AfD selbst hat ihre Rolle längst verändert. Siegmund und sein Landesverband führen keinen Wahlkampf mehr mit der Frage, ob man vielleicht irgendwann an einer Regierung beteiligt werden könnte. Sie bereiten sich ausdrücklich auf die Übernahme der Staatskanzlei vor. Das im Juli vorgestellte 100-Tage-Programm enthält zehn Vorhaben, die unmittelbar nach einem Wahlsieg angegangen werden sollen: Die Partei will unter anderem Rundfunkstaatsverträge kündigen, mehr Abschiebehaftplätze schaffen, zusätzliche Abschiebungen organisieren, eine flächendeckende Arbeitspflicht für Asylbewerber einführen, Mittel für parteinahe Stiftungen und Demokratieförderprogramme reduzieren, Sonderklassen für Kinder von Asylbewerbern einrichten, Wachschutz an sogenannten Problemschulen ermöglichen, Regenbogenflaggen an Schulen verbieten und dort stattdessen die Bundesflagge zeigen. Aus der Landeskampagne „#moderndenken“ soll „#deutschdenken“ werden; außerdem will die Partei Ministerien einsparen und einen Corona-Untersuchungsausschuss einsetzen.

Die Liste klingt umfangreich. Für eine seriöse Analyse reicht es allerdings nicht, sie einfach abzuschreiben und anschließend festzustellen, was alles passieren könnte. Eine Landesregierung ist keine Bundesregierung mit kleinerem Briefkopf. Manche Bereiche kann sie tatsächlich weitreichend verändern, bei anderen stößt sie sehr schnell auf rechtliche oder föderale Grenzen.

Besonders groß ist der Einfluss eines Bundeslandes in der Bildungspolitik. Schulen gehören zu den klassischen Länderkompetenzen. Eine Landesregierung kann Lehrpläne verändern, schulorganisatorische Entscheidungen treffen, Förderprogramme neu ausrichten und innerhalb des gesetzlichen Rahmens beeinflussen, welche Schwerpunkte im Unterricht oder in der Organisation gesetzt werden. Wer Kinder in Sachsen-Anhalt hat oder dort unterrichtet, könnte einen politischen Wechsel deshalb recht unmittelbar bemerken. Bei der von der AfD gewünschten Lockerung der Schulpflicht gibt es allerdings eine Grenze, die im Wahlprogramm weniger auffällig ist als in der Landesverfassung: Artikel 25 schreibt die allgemeine Schulpflicht ausdrücklich fest. Würde eine Regierung diese in ihrem Kern beseitigen wollen, bräuchte sie eine Verfassungsänderung – und dafür sind zwei Drittel der Mitglieder des Landtags notwendig. Eine normale absolute Mehrheit reicht nicht.

Ähnlich differenziert sieht es beim Thema Migration aus. Eine Landesregierung kann Ausländerbehörden anders organisieren, Vollzugsschwerpunkte verändern, Abschiebungen forcieren und vorhandene rechtliche Möglichkeiten restriktiver auslegen. Sie kann jedoch weder das Grundrecht auf Asyl abschaffen noch das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht eigenständig neu schreiben. Viele migrationspolitische Forderungen aus Wahlprogrammen richten sich damit an Ebenen, über die eine Regierung in Magdeburg gar nicht allein verfügen würde.

Auch der Rundfunk eignet sich als Beispiel dafür, wie unterschiedlich Wahlversprechen und tatsächliche Regierungsgewalt sein können. Die AfD kündigt an, Rundfunkstaatsverträge kündigen zu wollen. Ein solcher Schritt hätte politische und rechtliche Folgen, bedeutete aber nicht, dass der MDR am nächsten Tag verschwände oder die Menschen in Sachsen-Anhalt plötzlich keine Rundfunkbeiträge mehr zahlen müssten. Selbst eine Analyse des MDR verweist darauf, dass Juristen und Medienrechtler zentrale Teile dieses Vorhabens für schwer umsetzbar halten.

Genau an solchen Punkten würde sich vermutlich schon in den ersten Monaten zeigen, was es für die AfD bedeutet, nicht mehr Opposition zu sein. Wer in der Opposition fordert, kann die maximal mögliche Position formulieren. Wer regiert, landet bei Haushaltsrecht, Beamtenrecht, Zuständigkeiten, Gerichten, bestehenden Verträgen und der Frage, was eine Verwaltung in hundert Tagen überhaupt leisten kann. Eine AfD-Regierung könnte in bestimmten Bereichen tiefgreifende Änderungen einleiten, andere Versprechen würden auf Grenzen stoßen, die nicht durch eine absolute Mehrheit im Landtag verschwinden.

Die Behauptung, eine absolute AfD-Mehrheit bedeute eine Art unbeschränkte politische Macht, wäre deshalb falsch. Das Grundgesetz gilt weiter, Bundes- und Europarecht ebenfalls. Gerichte bleiben unabhängig. Die Landesverfassung lässt sich nicht mit einfacher Mehrheit ändern. Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, eine Alleinregierung als bloßen symbolischen Machtwechsel abzutun. Eine Regierung entscheidet über Ministerien, Verwaltungsschwerpunkte, Haushaltsentwürfe, Förderprogramme, Personal und große Teile der Landespolitik. Viele dieser Veränderungen finden nicht in spektakulären Bundestagsdebatten statt, sondern in Erlassen, Verordnungen, Bescheiden und Budgetentscheidungen.

Hinzu kommt eine Konstellation, die es in dieser Form bisher nicht gab. Der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft den AfD-Landesverband seit Oktober 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die Behörde begründet diese Einschätzung unter anderem mit Angriffen auf die Menschenwürde und das Demokratieprinzip sowie mit einem ethnisch definierten Volksbegriff. Die AfD weist diese Einstufung zurück. Rechtlich hindert sie die Partei weder an der Teilnahme an Wahlen noch daran, eine Regierung zu bilden.

Politisch entstünde trotzdem eine außergewöhnliche Lage. Eine Partei könnte eine Landesregierung führen, während eine Behörde desselben Landes ihren Landesverband als gesichert rechtsextremistische Bestrebung beobachtet. Der häufig zitierte Satz, die größte Gefahr für die Demokratie in Sachsen-Anhalt gehe von der AfD aus, stammt von Verfassungsschutzchef Jochen Hollmann bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2024 im Juni 2025. Beim Bericht 2025 wurde die Aussage breiter formuliert und Rechtsextremismus insgesamt als größte Herausforderung für die Demokratie bezeichnet. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil aus einer zugespitzten Formulierung sonst schnell eine falsche zeitliche Zuordnung wird.

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Damit bekommt eine eigentlich technische Frage plötzlich politische Bedeutung: Was geschieht mit der Zusammenarbeit von Sicherheitsbehörden, wenn ein Innenministerium von einer Regierung geführt wird, deren stärkste Partei selbst Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes ist? Eine fertige Antwort darauf gibt es nicht. Genau das macht Sachsen-Anhalt im Falle einer AfD-Alleinregierung zu einem Präzedenzfall.

Der Wahlkampf findet längst in Räumen statt, deren Betreiber kaum jemand kennt

Während Parteien über Programme, Schulen oder Migration streiten, spielt sich ein anderer Teil dieses Wahlkampfs in digitalen Räumen ab, deren politische Bedeutung schwerer zu messen ist. Ende Juli stieß Mimikama bei einer eigenen Recherche zunächst auf eine Facebook-Seite, die vollkommen unspektakulär wirkte: fünf Follower, kein Profilbild, kein einziger eigener Beitrag. Interessant wurde sie erst beim Blick auf die Gruppen, die diese Seite mitverwaltete.

Die weitere Recherche zeigte, dass dieselben vier Facebook-Seiten Administratorrechte in insgesamt 21 deutschsprachigen politischen Gruppen hatten. Zusammen verfügten diese vier Seiten über gerade einmal zwölf Follower und veröffentlichten selbst keine Beiträge. 15 der 21 untersuchten Gruppen trugen die AfD, Alice Weidel oder Ulrich Siegmund im Namen. Am 27. Juli kamen die Gruppen zusammen auf 677.756 Mitgliedschaften. Diese Zahl darf nicht mit 677.756 unterschiedlichen Personen verwechselt werden: Wer in drei Gruppen Mitglied ist, wird dreimal gezählt. Trotzdem handelt es sich um eine beträchtliche sichtbare Reichweite.

Noch auffälliger war die Entwicklung der Administratorstruktur. Die Gruppen waren zwischen August 2025 und April 2026 entstanden. Die vier später zentralen Seiten hatten sie ursprünglich nicht verwaltet. Am 25. Juni 2026 erhielten drei dieser Seiten deutsche Namen; am selben Tag wurden sie in 20 der 21 Gruppen als Administratoren eingetragen. Kurz darauf war die Struktur vollständig. Damit bestand die zentrale Verwaltung wenige Wochen vor der Landtagswahl. Dieser zeitliche Zusammenhang ist dokumentiert. Alles Weitere muss sauber davon getrennt werden. Mimikama fand keinen Beleg dafür, dass die AfD, Alice Weidel oder Ulrich Siegmund die Gruppen betreiben oder von dieser Struktur wussten. Ebenso wenig gab es einen Beleg für eine russische Steuerung oder eine gezielte Wahlmanipulation.

Das macht die Recherche keineswegs belanglos. Im Gegenteil: Sie zeigt ein grundsätzliches Problem politischer Kommunikation auf Plattformen. Ein Administrator kann Beiträge löschen, Kommentare schließen, Nutzer sperren, weitere Administratoren einsetzen oder sogar eine Gruppe umbenennen. Die Mitgliedschaft der Menschen bleibt dabei bestehen. Aus einer Gruppe, der jemand vor Monaten wegen eines bestimmten Themas beigetreten ist, kann auf diese Weise ein anderer politischer Kommunikationsraum werden, ohne dass jedes Mitglied erneut zustimmen muss.

Während der Beobachtung wuchs das Netzwerk weiter. Bis zum 29. Juli stieg die dokumentierte Zahl der Mitgliedschaften auf 693.750. Mehr als die Hälfte des zuletzt gemessenen Zuwachses entfiel auf vier Gruppen mit dem Namen Ulrich Siegmund. Auch daraus lässt sich keine Ursache ableiten. Organisches Wachstum, Facebook-Empfehlungen, externe Werbung oder andere Effekte können eine Rolle spielen. Der Befund lautet zunächst nur: Die Gruppen wuchsen, und bestimmte Gruppen wuchsen besonders stark.

In einigen dieser Gruppen fanden sich zusätzlich KI-generierte politische Bilder. Bei manchen Beiträgen waren sogar Reste von Arbeitsanweisungen im veröffentlichten Text stehen geblieben – Formulierungen wie „Description / Caption“ oder Hinweise auf eine „provokante Frage“. Darunter diskutierten anschließend reale Profile. Das ist eine bemerkenswerte Form digitaler Politik: Ein möglicherweise automatisiert oder halbautomatisiert erzeugter Inhalt wird in einen großen politischen Raum gestellt, löst echte Empörung und echte Diskussionen aus und kann anschließend von anonym bleibenden Administratoren moderiert oder geschlossen werden.

Was wir nicht wissen, ist in diesem Fall genauso wichtig wie das, was wir wissen. Es gibt keinen Beleg dafür, wer hinter den Seiten steht. Die eingetragenen Namen und Adressen sind Selbstauskünfte und kein Nachweis über den tatsächlichen Standort. Es gibt keinen Beleg für eine Verbindung zur AfD und keinen Beleg für Russland.

Die demokratiepolitische Frage bleibt dennoch bestehen: Facebook macht sichtbar, wie viele Menschen in einer Gruppe sind. Wer die entscheidenden Knöpfe dieser Gruppe kontrolliert, bleibt für normale Nutzer oft nahezu unsichtbar.

Mimikama-Club - Communitybereich fuer Steady-Unterstuetzer:innen

Wo Unklarheit endet und Desinformation beginnt

An diesem Punkt muss man methodisch eine klare Trennlinie ziehen. Die Facebook-Struktur von Mimikama ist ein Fall intransparenter politischer Reichweite mit unbekannten Betreibern. Bei einer anderen Kampagne gibt es wesentlich deutlichere Hinweise auf gezielte ausländische Einflussnahme.

Unter dem Namen „Matrjoschka“ werden seit Jahren Desinformationsoperationen beobachtet, bei denen gefälschte Medieninhalte über soziale Netzwerke verbreitet werden. Im aktuellen Wahlkampf in Sachsen-Anhalt tauchten Videos und Beiträge auf, die bekannten deutschen Medien nachempfunden waren und Kandidaten teilweise schwerste Straftaten unterstellten. Die Fälschungen verwendeten Logos, Gestaltungselemente und journalistisch wirkende Formate, damit erfundene Geschichten wie echte Nachrichten aussahen. Der MDR berichtete im Juli über Hinweise auf eine russische Einflussoperation; der Staatsschutz ermittelt wegen Verleumdung gegen unbekannte Verantwortliche.

Das Entscheidende an dieser Methode ist weniger die einzelne erfundene Geschichte als die geliehene Glaubwürdigkeit. Eine Behauptung, die auf einem anonymen Account steht, wird vielleicht skeptisch betrachtet. Sieht dieselbe Behauptung aus wie ein Beitrag von „Zeit“, „Spiegel TV“ oder einem anderen bekannten Medium, wird der erste Zweifel kleiner. Auf einem Handy, während Menschen schnell durch ihren Feed scrollen, reichen wenige Sekunden, in denen ein vertrautes Logo oder ein professionell wirkendes Video den Eindruck vermittelt, hier habe eine Redaktion etwas recherchiert.

Nach den bisherigen Recherchen richteten sich solche Falschmeldungen gegen Politiker verschiedener Parteien. AfD und BSW tauchten in den dokumentierten Fällen nicht als Ziele auf. Das ist für die Analyse einer Einflussoperation relevant. Es wäre trotzdem unzulässig, daraus eine Kooperation dieser Parteien mit den Urhebern abzuleiten. Wer von einer Kampagne profitiert oder nicht angegriffen wird, ist damit noch lange nicht ihr Auftraggeber.

Ebenso problematisch wäre die umgekehrte Vereinfachung: Aus dem Vorhandensein russischer Desinformation folgt nicht, dass die AfD bei 43 Prozent steht, weil Russland das so erzeugt hätte. Der messbare Frust über die Landesregierung, die demografischen Probleme und die politischen Konflikte existieren unabhängig von Moskau. Einflussoperationen funktionieren gerade deshalb, weil sie vorhandene Bruchlinien nutzen. Sie müssen eine Gesellschaft nicht erfinden, in der Menschen einander misstrauen. Es reicht, bestehendes Misstrauen weiter anzufeuern.

Wie effizient das sein kann, zeigt ausgerechnet ein Fake, den Mimikama bereits 2025 kannte. Ein Video zeigt eine Person, die angebliche Briefwahlunterlagen sortiert und Stimmzettel mit AfD-Kreuzen schreddert, während Stimmen für andere Parteien beiseitegelegt werden. Schon vor der Bundestagswahl 2025 wurde nachgewiesen, dass die gezeigten Hamburger Wahlunterlagen gefälscht waren. Farbe, Beschriftung, Laschen, Falzung und Klebekanten passten nicht zu den echten Unterlagen. Deutsche Sicherheitsbehörden sahen damals Hinweise auf einen Zusammenhang mit der russischen Kampagne Storm-1516.

Im Sommer 2026 taucht derselbe Clip wieder auf. Die dpa dokumentierte im August, dass Nutzer ihn vor den Landtagswahlen erneut verbreiten. Das ist für die Funktionsweise politischer Desinformation beinahe lehrbuchhaft: Es braucht nicht jedes Mal eine neue Fälschung. Ein alter Fake kann wieder aus dem Archiv gezogen, in einen neuen Kontext gestellt und Menschen gezeigt werden, die die ursprüngliche Widerlegung nie gesehen haben.

Gerade beim Thema Wahlen liegt darin eine besondere Gefahr. Eine erfundene Geschichte über einen einzelnen Kandidaten beschädigt zunächst diesen Kandidaten. Die Behauptung, Stimmzettel würden systematisch vernichtet, richtet sich gegen das Verfahren selbst. Wer sie glaubt, muss ein unerwünschtes Ergebnis später nicht mehr als demokratische Niederlage akzeptieren. Er hat schon vorher eine alternative Erklärung: Die Wahl sei manipuliert worden.

Solche Erzählungen sind schwer zu widerlegen, weil die Widerlegung selbst in das Weltbild eingebaut werden kann. Wahlleitung sagt, die Unterlagen seien gefälscht? Dann steckt die Wahlleitung angeblich mit drin. Medien erklären die Manipulation? Dann seien eben auch die Medien Teil des Systems. Desinformation wird an diesem Punkt zu einem geschlossenen Modell, in dem jeder Gegenbeweis als weiterer Beweis der Verschwörung gelesen werden kann.

Wenn aus Wahlmathematik Wahlstrategie wird

Die ungewöhnliche Sitzarithmetik wirkt sich inzwischen sogar auf den Wahlkampf anderer Akteure aus. Die Initiative „Taktisch Wählen“ ruft dazu auf, strategisch für Parteien zu stimmen, deren Einzug in den Landtag eine absolute AfD-Mehrheit erschweren könnte. Besonders SPD und Grüne werden dabei genannt. Hinter der Kampagne steht die Kommunikationsagentur The Goodforces, die ihr politisches Ziel offen formuliert: Eine AfD-Alleinregierung soll verhindert werden.

Das ist zunächst legitime politische Einflussnahme. Bürger dürfen taktisch wählen. Organisationen dürfen dafür werben, bestimmte Parteien zu unterstützen oder andere nicht zu wählen. Parteien machen im Grunde ständig nichts anderes, wenn sie um Zweitstimmen oder Direktmandate bitten.

Neutral ist eine solche Initiative deswegen nicht. Sie verbindet eine mathematische Überlegung mit einer politischen Entscheidung darüber, welche Parteien als unterstützenswert gelten. Das muss kein Problem sein, solange der Absender und das Ziel erkennbar bleiben.

Brisant wurde die Debatte wegen der Finanzierung. Im offiziellen Register des Deutschen Bundestages sind für den 27. Juli 2026 Spenden von The Goodforces an SPD und Grüne im Wert von jeweils 38.150 Euro ausgewiesen. Goodforces erklärte nach eigener Darstellung, dabei habe es sich um den Wert eigener Werbemaßnahmen zugunsten der Parteien und nicht um entsprechende Geldüberweisungen gehandelt. Genau hier ist sprachliche Präzision notwendig: Der Bundestag dokumentiert die gemeldeten Beträge. Die Erklärung über die konkrete Form der Leistungen stammt von Goodforces selbst. Aus dem Registereintrag allein lässt sich keine abschließende rechtliche Bewertung ableiten.

Dass politische Gegner daraus einen Skandal machen, gehört zum Wahlkampf. Dass die Kampagne deshalb automatisch illegal wäre, ist damit nicht belegt. Der größere Unterschied zur verdeckten Desinformation liegt ohnehin woanders: The Goodforces tritt mit Namen auf und sagt, welches politische Ziel verfolgt wird. Eine Desinformationsoperation tarnt ihren Absender und täuscht über Tatsachen.

Auch innerhalb der CDU wird die neue politische Realität sichtbar. In der Infratest-dimap-Erhebung lehnten 82 Prozent der CDU-Anhänger eine Koalition ihrer Partei mit der AfD ab, lediglich 16 Prozent befürworteten sie. Gleichzeitig spendete der CDU-Kommunalpolitiker Bernd Prange aus der Altmärkischen Höhe insgesamt 10.000 Euro an die AfD und kündigte an, bei der Landtagswahl selbst AfD wählen zu wollen. Er erklärte sogar, er wünsche sich eine absolute AfD-Mehrheit, damit die CDU ihren Kurs ändere und die sogenannte Brandmauer aufgebe. Die CDU reagierte mit deutlicher Kritik; ein mögliches Parteiausschlussverfahren steht im Raum.

Ein einzelner Kommunalpolitiker steht nicht für eine ganze Partei. Gerade die Umfrage unter CDU-Anhängern zeigt das Gegenteil. Trotzdem illustriert der Fall den Druck, den eine Partei mit mehr als 40 Prozent auf ihre Konkurrenten ausübt. Wenn die AfD dauerhaft fast doppelt so stark gemessen wird wie die CDU, wird jede bisherige Strategie infrage gestellt: stärkere Abgrenzung, inhaltliche Annäherung, Minderheitsregierung oder neue parlamentarische Modelle.

MDR INVESTIGATIV berichtete am 21. August außerdem unter Berufung auf Gespräche mit Insidern aus AfD und CDU über Spekulationen zu möglichen späteren Abweichlern aus der AfD‑Fraktion. Bestätigte Austrittsabsichten gibt es nicht, weshalb man aus diesen Berichten keine bevorstehenden Parteiwechsel konstruieren sollte. Verfassungsrechtlich zeigt der Vorgang trotzdem einen wichtigen Punkt: Abgeordnete sind ihrem Gewissen verpflichtet und besitzen ein freies Mandat. Wer aus einer Fraktion austritt, verliert seinen Sitz nicht automatisch.

Bei einer sehr knappen absoluten Mehrheit könnte deshalb selbst ein einzelner Fraktionsaustritt politische Folgen haben. In einem normalen parlamentarischen System ist das nichts Illegales. In einem Wahlkampf, in dem gleichzeitig Videos über angeblich geschredderte AfD-Stimmen kursieren, könnte daraus allerdings sehr schnell ein neues Narrativ entstehen: Man habe der AfD eine Mehrheit „weggenommen“. Genau deshalb ist die Debatte über das Vertrauen in demokratische Verfahren nicht irgendein Nebenthema dieser Wahl.

Was nach dem 6. September bleibt

Sachsen-Anhalt ist kein Modell für ganz Deutschland. Ein Bundesland mit seiner spezifischen demografischen Entwicklung, seiner politischen Geschichte und seinen regionalen Erfahrungen lässt sich nicht einfach auf Hamburg, Bayern oder Nordrhein-Westfalen übertragen. 43 Prozent für die AfD in einer Landtagsumfrage sind keine Vorschau auf das nächste Bundestagswahlergebnis.

Eine AfD-Alleinregierung wäre trotzdem ein politischer Einschnitt weit über Sachsen-Anhalt hinaus. Zum ersten Mal müsste die Partei in einem Bundesland nicht erklären, was sie tun würde, wenn man sie ließe. Sie müsste tatsächlich regieren. Wahlkampfforderungen würden zu Verwaltungsentscheidungen, Haushaltsentwürfen und Gesetzen. Minister müssten Beamtenapparate führen. Versprechen müssten mit Zuständigkeiten, Geld und Gerichten zusammengebracht werden.

Für die AfD wäre das eine enorme Chance. Sie könnte versuchen, zu zeigen, dass die jahrelange Behauptung ihrer Gegner, sie sei nicht regierungsfähig, falsch ist. Gleichzeitig wäre es ein Risiko, weil die Partei ihre Erfolge und ihr Scheitern nicht mehr allein auf die bisherigen Regierungsparteien schieben könnte. Eine Landesregierung besitzt genug Macht, um Dinge sichtbar zu verändern – und genug Grenzen, um viele einfache Wahlkampfversprechen kompliziert werden zu lassen.

Für ihre politischen Gegner würde sich die Situation ebenfalls verändern. Sie könnten nicht mehr ausschließlich über mögliche Konsequenzen einer AfD-Regierung sprechen. Sie hätten reale Entscheidungen, Haushalte und Ergebnisse, an denen sie die Partei messen könnten.

Und für die Menschen in Sachsen-Anhalt wäre all das ohnehin keine politische Versuchsanordnung. Sie leben dort. Sie schicken ihre Kinder in die Schulen, fahren über die Straßen, arbeiten in Unternehmen, nutzen Behörden und finanzieren mit ihren Steuern den Staat. Wenn sie mehrheitlich – gemessen an den Regeln des Wahlrechts – eine andere Regierung ermöglichen, wird diese Regierung reale Entscheidungen treffen, die ihren Alltag betreffen.

Genau deshalb greift es zu kurz, AfD-Wähler pauschal zu beschimpfen oder ihre Entscheidung ausschließlich mit Manipulation zu erklären. Ebenso unzureichend wäre es, das Programm der Partei und die Einstufung ihres Landesverbandes durch den Verfassungsschutz kleinzureden. Beides gehört in dieselbe Analyse: die Gründe, aus denen Menschen diese Partei wählen, und die politischen Folgen dessen, was sie wählen.

Am Abend des 6. September werden deshalb nicht nur die 41, 42 oder 43 Prozent interessant sein. Vielleicht entscheidet am Ende eine Zahl wie 4,9 darüber, was daraus wird.

Das ist die eigentliche Besonderheit dieser Wahl. Eine Partei könnte deutlich unter 50 Prozent der Stimmen bleiben und trotzdem die absolute Mehrheit der Sitze erhalten. Eine Partei, deren Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird, könnte erstmals allein ein Bundesland regieren. Gleichzeitig laufen im Netz offene Wahlkampagnen, unbekannte Administratoren verwalten politische Facebook-Räume mit Hunderttausenden Mitgliedschaften, und nachweislich gefälschte Wahlbetrugsclips tauchen Jahre nach ihrer Widerlegung wieder auf.

All diese Dinge sind unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Urheber, unterschiedliche rechtliche Bewertungen und unterschiedliche Bedeutung. Gerade deshalb sollten sie nicht zu einer einzigen großen Verschwörungsgeschichte zusammengeschoben werden.

Sie treffen nur zur selben Zeit aufeinander.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Sachsen-Anhalt am 6. September weit mehr wird als eine weitere Landtagswahl.

FAQ zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026

Kann die AfD mit 43 Prozent allein regieren?

Ja, das ist grundsätzlich möglich. Entscheidend ist nicht nur der Stimmenanteil der AfD, sondern auch, wie viele Stimmen auf Parteien entfallen, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Je mehr Stimmen bei der proportionalen Sitzverteilung nicht berücksichtigt werden, desto weniger als 50 Prozent können für eine absolute Sitzmehrheit ausreichen.

Bedeutet eine absolute Mehrheit, dass die AfD alles beschließen könnte?

Nein. Eine absolute Mehrheit im Landtag verschafft einer Regierung großen politischen Spielraum, setzt aber Grundgesetz, Bundesrecht, EU-Recht und gerichtliche Kontrolle nicht außer Kraft. Für Änderungen der Landesverfassung ist außerdem eine Zweidrittelmehrheit erforderlich.

Was könnte eine AfD-Landesregierung tatsächlich verändern?

Besonders groß wäre ihr Einfluss in Bereichen wie Schule, Verwaltung, Förderpolitik, Kultur und Teilen der Sicherheits- und Migrationsverwaltung. Viele weitergehende Forderungen, etwa Änderungen des Asylgrundrechts oder des Staatsangehörigkeitsrechts, liegen dagegen nicht allein in der Kompetenz eines Bundeslandes.

Warum kann die Fünf-Prozent-Hürde für diese Wahl so wichtig werden?

Parteien unter fünf Prozent werden grundsätzlich nicht bei der proportionalen Sitzverteilung berücksichtigt. Wenn mehrere Parteien knapp am Einzug in den Landtag scheitern, steigt dadurch rechnerisch der Anteil der Sitze, den die verbleibenden Parteien erhalten.

Ist die AfD Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft?

Ja. Der Landesverfassungsschutz stuft den AfD-Landesverband seit Oktober 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die AfD weist diese Bewertung zurück.

Gibt es Hinweise auf Desinformation rund um die Wahl?

Ja. Im Wahlkampf wurden unter anderem gefälschte Medienbeiträge über Kandidaten dokumentiert. Außerdem kursiert erneut ein bereits 2025 widerlegtes Video, das angeblich zeigt, wie AfD-Briefwahlstimmen geschreddert werden. Die gezeigten Wahlunterlagen sind gefälscht.

Hat Russland etwas mit den hohen AfD-Umfragewerten zu tun?

Das lässt sich so nicht behaupten. Es gibt dokumentierte mutmaßlich russische Desinformationskampagnen, die politische Konflikte in Deutschland beeinflussen sollen. Daraus folgt aber nicht, dass die hohen AfD-Werte dadurch verursacht wurden. Unzufriedenheit mit der Landespolitik und strukturelle Probleme sind unabhängig davon messbar.

FACTCHECK

dpa-Faktencheck

11. August 2026

OFFICIAL

Landtag von Sachsen-Anhalt

Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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Dr. Heinrich Krämer
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