Weltspiegel
Fünf Jahre nach ihrer Machtübernahme versuchen die Taliban, Afghanistan touristisch zu öffnen. Reisende bewegen sich zwischen Gastfreundschaft, Propaganda und der massiven Diskriminierung von Frauen und Mädchen.
Sonne pur, Traumlandschaft mit schroffen Felsen und kristallklarem Wasser, ideal zum Wandern. Das alles könnte echte Urlaubsgefühle auslösen – wären da nicht die Bewaffneten ringsherum.
Wer nach Afghanistan reist, muss sich auf viele Kontraste dieser Art einstellen: Auf den Märkten in Kabul liegen unter bunten Schirmen samtige Pfirsiche in Pyramiden gestapelt, direkt neben Obst und Gemüse dann Tarnfleck-Uniformen – gewehrbehängte Taliban, die die Szene überwachen.
Das Taliban-Regime in Afghanistan will mit Tourismus seine schwache Wirtschaft stärken.
Kinder säumen die Straßen der Innenstadt, klopfen an die Fenster der Autos und betteln – Gesichter der humanitären Krise im Land. Dahinter stehen riesige, neu erbaute Paläste, Veranstaltungsorte mit prachtvoll illuminierten Fassaden. Hier werden Hochzeiten gefeiert – aber ohne Gesang und Tanz: Afghanistan ist das einzige Land der Welt, in dem Musik verboten ist.
Oder ein weiterer Kontrast: der berühmteste Nationalpark des Landes, Band-e Amir. Eine karstige Berglandschaft öffnet sich, die gelb-rötlichen Felsen treten auf einmal zurück und geben den Blick auf eine Kette von sechs Seen frei: Wasser in Ultramarin zieht sich wie der Traum eines Malers durch die atemberaubende Szenerie. Es ist menschenleer, keine Touristen sind zu sehen.
Der Grund ist ernüchternd: Frauen dürfen den Nationalpark, wie auch viele andere Sehenswürdigkeiten, nicht betreten – abgesehen von den ganz frühen Morgenstunden. Darum bleiben ihre Männer meist ebenfalls zuhause.
Der Reisegruppe wird ein Picknick in malerischer Kulisse geboten. Frauen dürfen tagsüber eigentlich nicht in den Nationalpark.
Taliban wollen Touristen ins Land holen
Trotzdem wollen die Taliban ihre schwache Wirtschaft mit Tourismus aufpolstern und werben um Besucher. Mehr als zehntausend ausländische Touristen waren es laut Kulturministerium im vergangenen Jahr.
Khubib Ghafran vom Kulturministerium verspricht „ein sicheres Land, mit unberührter Natur, herzlichen Menschen und günstigen Reisepreisen“. Und mit Auflagen: „Wenn ihr herkommt, müsst ihr unsere islamischen und kulturellen Gesetze respektieren. Innerhalb dieser Grenzen könnt ihr überall hingehen.“
Eine kleine, aber steigende Zahl von Influencern tut das auch. So wie die Inderin Ankita, die für ihren professionellen Instagram-Auftritt reist. Die Widersprüche in Afghanistan machen ihr zu schaffen: „Zehn Minuten lang bin ich glücklich, und die nächsten zehn Minuten bin ich traurig, weil ich das Gefühl habe: Auch wenn die Menschen gegenüber uns ausländischen Frauen wirklich nett sind, ist die Regierung gegenüber Frauen im Allgemeinen alles andere als nett.“ Die Bloggerin will auf keinen Fall das Bild vermitteln, dass Afghanistan perfekt ist. Aber sie war neugierig.
Die deutsche Touristin Hannelore stören die vielen bewaffneten Taliban bei ihrem Besuch in Afghanistan nicht, im Gegenteil.
Bewaffnete geben „ein sicheres Gefühl“
Andere Reisende sind es auch, wie Hannelore: Die Angestellte aus dem Schwarzwald hat sich von der seit Jahren geltenden Reisewarnung der Bundesregierung nicht abschrecken lassen. Denn laut Auswärtigem Amt ist „eine konsularische Unterstützung vor Ort nicht möglich“. Die Deutsche Botschaft in Kabul ist seit 2021 geschlossen, seit die Taliban hier die Macht übernommen haben.
Als Hannelore ihren Freunden erzählte, dass sie nach Afghanistan reisen wolle, seien die zum Teil schockiert gewesen, sagt sie: „Aber ich habe gesagt: Ich möchte mich selbst davon überzeugen, ob das wirklich so negativ ist.“
Was die Sicherheit betrifft, zeigt sie sich auf jeden Fall angetan: Dass an jeder Ecke ein bewaffneter Mann steht, gebe ihr ein sicheres Gefühl. Andere Teilnehmer ihrer Reisegruppe nehmen die stets präsenten Sicherheitskräfte als Teil der Kulisse hin: „Wie Bäume und blauen Himmel“, meint der polnische Finanzdienstleister Michal.
Keine Fotos von Frauen erlaubt
Beide reisen mit einer organisierten Tour durch das Land. Denn die Regierung verlangt, dass jeder Tourist mit einem Reiseunternehmen unterwegs ist. Dieses erklärt dann den Touristen, wie sie sich verhalten sollen, etwa an religiösen Orten, und passt auf, dass niemand gegen das sogenannte Taliban-Tugendgesetz verstößt.
Das geschieht schnell, zum Beispiel, wenn man ein Foto macht, auf dem eine Frau zu sehen ist. Die Kleiderordnung ist ebenfalls zu beachten: Während Männer T-Shirts und Jeans tragen können, müssen Touristinnen den Körper vom Scheitel bis zur Sohle bedecken. Die Gesichter dürfen jedoch, anders als bei einheimischen Frauen, frei bleiben.
Die Situation der einheimischen Frauen bekommen die Reisenden nur zum Teil zu sehen, aber dass es vielen Afghaninnen und ihren Kindern nicht gut geht, ist offensichtlich.
Veronika Staudacher arbeitet in Afghanistan für die Caritas. Für ein Drittel der Menschen im Land gebe es keinerlei Gesundheitsversorgung, erklärt sie.
„Halte nicht viel davon, Afghanistan auf Social Media darzustellen“
Was sagen diejenigen zum Tourismus bei den Taliban, die im Land sind, um humanitäre Hilfe zu leisten? Veronika Staudacher von der Caritas meint, sie halte nicht viel „davon, Afghanistan groß auf Social Media darzustellen“. Doch sie ergänzt: „Ich finde es wichtig, dass man Länder kennenlernt und vor allen Dingen die Menschen dort kennenlernt und versteht, was dahintersteckt.“
Was dahintersteckt: Ein Drittel der Bevölkerung habe keinen Zugriff auf Basisgesundheitsdienste, und die Mütter- und Kindersterblichkeit sei sehr hoch, erklärt Staudacher. Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger haben das Land im Griff, verstärkt durch Sanktionen und Isolierung durch die internationale Gemeinschaft.
Das Werben um Touristen wirkt zwar hilflos, ist aber nicht erstaunlich. Das sieht auch die Leiterin der Afghanistan-Mission der Vereinten Nationen, Georgette Gagnon, so: „Die De-facto-Behörden in Afghanistan sind sehr daran interessiert, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzutreiben.“ Allerdings solle sichergestellt werden, dass ein möglicher Anstieg im Tourismus vor allem den lokalen Gemeinschaften zugutekommt.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag um 19:15 Uhr im Weltspiegel im Ersten. Zudem finden Sie die Weltspiegel-Doku „Ferien bei den Taliban“ in der ARD Mediathek.
