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Politik

America.gov: Digitaler Service oder Überwachung per KI?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerOktober 5, 2026Keine Kommentare3 Minuten Lesezeit
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Stand: 05.10.2026 • 19:12 Uhr

Die US-Regierung will Behördengänge in einer einzigen, KI-gestützten Plattform bündeln. Bequem, schnell und angeblich ohne zentrale Datensammlung. Doch wer liest mit, wenn Bürger einem Chatbot ihre Lebenssituation anvertrauen?

Samuel Jackisch

Kritik an Behörden und Bürokratie ist ein beliebtes Motiv in den Reden von US-Präsident Donald Trump. Immer größer und dem Bürger gegenüber immer übergriffiger sei die Washingtoner Regierungsbürokratie geworden, so der Regierungschef.

In seiner zweiten Amtszeit hatte Trump den öffentlichen Dienst in den Vereinigten Staaten zunächst durch Massenentlassungen drastisch verkleinert. Dann kritisierte er, der Staat sei für die Menschen nicht mehr ansprechbar. Doch das sei nun vorbei, verspricht Trump – dank einer neuen staatlichen KI-Plattform.

Was darf der KI-Agent tun?

America.gov bringe „die gesamte US-Regierung in Ihre Handfläche“, sagte Trump bei der Vorstellung der Website vergangene Woche in Washington.

Die Bürger der USA sollten sich nicht länger durch Zehntausende Regierungswebsites, Vorschriften und Formularen kämpfen müssen, sondern eine Anlaufstelle für alle Fragen, Anträge und Dienste der Bundesbehörden nutzen, von der Krankenversicherung bis zur Ratenzahlung von Steuerschulden.

Der Auftrag des Präsidenten an das neue Onlineportal ist technisch nicht eindeutig: Laut der Exekutivanordnung aus dem Weißen Haus soll America.gov nicht nur eine Website sein, kein bloßes Verzeichnis, auch kein eigenständiges zentrales Datensystem – sondern ein KI-Agent, der im Namen des Bürgers mit den Behörden interagiert.

Doch was darf dieser Agent eigenständig tun: Entscheidet er gleich selbst, wer Sozialhilfe bekommt oder wer einen Zuschuss für Medikamente?

Könnte die Regierungs-KI halluzinieren?

Noch ist die Seite nur eine erste Auskunftsstelle. Doch sie solle sich schnell weiterentwickeln und in zweiter Ausbaustufe auch eigenständig Aufgaben wie etwa einen Reisepass-Antrag bearbeiten, sagt KI-Experte Aalok Mehta vom Center for Strategic and International Studies, der schon für Google, OpenAI und die US-Regierung gearbeitet hat.

Die Schwierigkeit des Projekts America.gov besteht für Mehta bei der Anforderung an besonders hohe Zuverlässigkeit: KI-Sprachmodelle wie ChatGPT von OpenAI, Microsoft Copilot, Perplexity oder auch Claude tendierten gelegentlich dazu, zu halluzinieren. Sie können plausibel klingende, aber falsche Informationen erzeugen, ohne dies selbst zu „merken“.

Laut Angaben der US-Regierung soll America.gov allein auf die Inhalte von rund 29.000 Regierungswebsites zugreifen. Solche Systeme, die sich ausschließlich auf bereits geprüfte Quellen stützen, halluzinierten seltener, aber nicht gar nicht, bestätigt Mehta im Interview mit dem ARD-Studio Washington.

Allerdings haben Regierungen eine besondere Pflicht, die Bevölkerung korrekt zu informieren. Denn bei staatlichen Leistungen geht es oft um Leben und Tod: Bei der Krankenversicherung, Hinterbliebenrente oder der Versorgung für Veteranen.

Sorge um Datensicherheit

Und was passiert mit den Informationen, die Menschen über sich und ihr Leben gegenüber einem Chatbot preisgeben? Bereits heute rufen vor allem Einwanderer in den USA Sozialleistungen oft nicht ab, die ihnen gesetzlich zustehen. Denn sie fürchten, sie könnten Probleme kriegen, wenn sie zum Beispiel Lebensmittelmarken beantragen.

Die Skepsis gegenüber staatlichen Stellen dürften viele Menschen auch gegenüber der neuen Staats-KI haben, sagt KI-Experte Mehta. Zwar beteuert die US-Regierung, persönliche Daten der Nutzer von America.gov würden nicht gespeichert und Konversationsdaten schnell wieder gelöscht. Doch der Nutzer kann nicht wissen, ob die Einwanderungspolizei vielleicht doch mitliest, während man seine Adresse ändern möchte oder sich über einen Studienkredit informiert.

Hinzu kommt: US-Amerikaner stehen Künstlicher Intelligenz laut aktuellen Umfragen insgesamt skeptisch gegenüber. Viele glauben nicht, dass sie ihr Leben verbessern wird und meinen, KI werde ihnen aufgezwungen.

Eine „neue Möglichkeit“ der Interaktion mit Bundesbehörden soll America.gov laut Anordnung des US-Präsidenten sein. Die alten Systeme ohne KI sollen trotzdem parallel weiterlaufen. Jedenfalls so lange, wie sie von der Regierung in Washington noch parallel finanziert werden.

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Dr. Heinrich Krämer
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