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Anerkennung erst im Tod: Die Geschichte des unsichtbaren Israelis Cedrick Garin

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 5, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Anerkennung erst im TodDie Geschichte des unsichtbaren Israelis Cedrick Garin

05.07.2026, 12:13 Uhr Von Solveig Bach
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Cedrick Garin wurde 23 Jahre alt. (Foto: IDF)

Ein 23-Jähriger stirbt im Krieg – und wird in Israel zu einem Symbol für Zugehörigkeit, die er sich erst im Tod verdient. Cedrick Garins Leben erzählt von Hoffnung, Ausgrenzung und einem System, das ihn braucht, aber nie ganz will.

Cedrick Garin stirbt im Januar 2024 bei einem Einsatz der israelischen Armee im Gazastreifen. Seine Einheit wird beim Verlegen von Sprengladungen von einer Granate getroffen. Durch die Explosion stürzen zwei Gebäude ein, Garin ist einer von 21 israelischen Soldaten, die an diesem Tag allein bei diesem Vorfall getötet werden.

Sein Tod wird bei „Haaretz“ gemeldet, begleitet von den üblichen Formulierungen, mit denen die Armee über Kampfeinsätze berichtet. Zu diesem Zeitpunkt hält die Hamas noch mehr als 100 der Geiseln gefangen, die am 7. Oktober 2023 verschleppt wurden. Garin ist 23 Jahre alt und freiwillig als Reservist im Einsatz.

Die Nachricht über seinen Tod liest auch sein früherer Lehrer Gish Amit und schaut auf ein Bild seines Schülers. „Ich erkenne die glatte Schokoladenhaut, die hohen Wangenknochen und die pechschwarze Tolle. Nichts an ihm hat sich verändert, bis auf den leichten Bartflaum.“ Er erinnert sich nur schwach an diesen Schüler, dem nun so viel Aufmerksamkeit zuteilwird. Aber Amit erkennt eine gute Geschichte und Cedrick Garins Geschichte ist gut. Daraus entsteht das Buch „Cedrick – Der Preis der Zugehörigkeit“, das nun in der Übersetzung von Markus Lemke auf Deutsch erschienen ist.

Ein Leben wie ein Roman

Und in einem muss man Amit recht geben, die Geschichte von Cedrick Garin hat es in sich. Er wird in Israel als Sohn philippinischer Eltern geboren, sein Vater wird wegen der rigiden israelischen Aufenthaltsregelungen abgeschoben, als sein Sohn zwei Jahre alt ist. Der wächst nun mit einer alleinerziehenden Mutter auf, die als Reinigungskraft arbeitet. Sein Vater wird erst nach Israel zurückkehren, um seinen Sohn zu beerdigen.

Amit hatte Garin und all die anderen in der Klasse zweimal die Woche in Philosophie für die moralischen Fragen zu interessieren versucht, die ihm „selbst existenziell wichtig“ erschienen – Tierversuche beispielsweise oder die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Seine Schülerinnen und Schüler an der Bialik-Rogozin-Schule in Tel Aviv kämpften zur gleichen Zeit mit dem moralisch zumindest zweifelhaften Umgang, den das Land, das sie als ihre Heimat betrachten, ihnen und ihren Familien gegenüber an den Tag legt.

Denn als nicht-jüdische Migrantinnen und Migranten sind sie in Israel nützliche Arbeitskräfte, ihr Bleiben hängt jedoch von genau dieser Nützlichkeit ab und kann jederzeit enden. Amits Klasse ist voll von den Kindern dieser Menschen, die Wurzeln auf den Philippinen oder in Eritrea haben. Und er hat bis zu Garins Tod keine Ahnung davon.

Er sieht nur die Müdigkeit der Teenager in den Schulbänken, die nicht genug Schlaf bekommen, weil viele von ihnen arbeiten, „um ihre Mütter zu unterstützen, von denen die meisten allein auf sich gestellt in Israel waren“. Die Alternative dazu ist die Kleinkriminalität und auch das probiert Cedrick Garin. In seinen Nachrufen und auch in Amits Buch werden diese Monate, in denen er mit Drogen handelt, Teil seiner Heldenbiografie.

Denn er lässt das Dealen irgendwann hinter sich und kämpft darum, in die israelischen Streitkräfte aufgenommen zu werden. Ein Schulabbrecher, der seinem Wahlheimatland dienen will. „Nach langem Bitten an die Verantwortlichen wurde er schließlich Soldat in der Givati-Brigade“, schreibt Haaretz in Garins Nachruf. „Gegen Ende seines Wehrdienstes im Jahr 2021 erhielt er vom Kommandeur des Südkommandos der israelischen Streitkräfte eine Auszeichnung für seine Verdienste. Nach Abschluss seines Wehrdienstes wurde ihm die israelische Staatsbürgerschaft verliehen.“

Kein Happy End und ein schaler Beigeschmack

Der philippinische Junge mit dem prekären Aufenthaltsstatus hat seinen Platz in Israel gefunden. Nach dem 7. Oktober meldet er sich erneut bei der Armee, inzwischen frisch verheiratet. Und stirbt wenige Monate später als „Held“ im Dienst des Landes, das im Tod nun auch seines sein darf. Cedrick Garin wird auf einem Militärfriedhof beigesetzt, etwas später als üblich, um seinem Vater die Anreise aus den Philippinen zu ermöglichen. Nun ist auch möglich, was der Familie in all den Jahren verwehrt blieb: Die Mutter erhält die israelische Staatsbürgerschaft, der Vater immerhin eine dauerhafte Aufenthaltsberechtigung.

Amrit nutzt Garins Geschichte für Erkundungen in der israelischen Gesellschaft, die ohnehin in großen Teilen eine migrantische ist. Doch die nicht-jüdischen Einwanderer und Arbeitsmigranten werden zwar penibel statistisch erfasst, aber gesellschaftlich nicht besonders geachtet, egal, ob sie von den Philippinen, aus Indien, Usbekistan, Moldawien oder Sri Lanka kommen. Und das macht Amrits Buch denn auch lesenswert, vor allem, wenn man sich noch an die thailändischen Erntehelfer erinnern kann, die am 7. Oktober ebenso Ziel der Hamas-Angriffe wurden, ihr Leben verloren oder verschleppt wurden.

Was Amrits Buch problematisch macht, ist seine erklärte Bereitschaft, Garins Schicksal und seine eigene eher lose Verbindung dazu gnadenlos auszubeuten. Dafür trifft er sich mit früheren Schülerinnen und Schülern aus der gleichen Klasse, dafür nimmt er an Gedenkveranstaltungen teil, versucht, mit Garins Witwe zu sprechen, und schaut sich Statistiken an. Weil er aber nicht wirklich Teil dieser migrantischen Gesellschaft ist, bleibt ihm nur der Blick von außen, der oft einfach nur voyeuristisch erscheint.

Quelle: ntv.de

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