„Angst stalinistischen Ausmaßes“ Ex-Kreml-Insiderin sieht russische Eliten zunehmend „paranoid“
Alexandra Prokopenko war selbst Teil des Systems, bevor sie 2022 Russland verließ. Nun attestiert die frühere Zentralbank-Mitarbeiterin den russischen Eliten eine paranoide Angst vor der Kreml-Führung. Gleichzeitig wünschten sich „alle“ ein Kriegsende, behauptet sie. In die Zukunft blickt sie dennoch pessimistisch.
Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges vor über vier Jahren ist in der russischen Elite nach Einschätzung der früheren russischen Zentralbank-Mitarbeiterin Alexandra Prokopenko zunehmend Angst und Misstrauen gegenüber der Führung des Landes spürbar. „Das Ausmaß der Paranoia ist so groß, dass die Menschen sogar Angst haben zu denken – geschweige denn zu sprechen“, sagte Prokopenko in einem Interview in Paris. „Die Angst hat absolut paranoide, stalinistische Ausmaße erreicht“, fügte sie hinzu.
Beamte und Geschäftsleute hätten in Russland damit begonnen, vor heiklen Besprechungen ihre Handys und Smartwatches abzulegen, weil sie befürchten, überwacht zu werden, sagte Prokopenko. Ein stellvertretender Minister habe sich während eines Treffens 2022 sogar auf sein Handy gesetzt, erzählt Prokopenko in einem Buch über die russischen Eliten, das kürzlich erschien.
Die 40-Jährige hat für ihr Buch zahlreiche Interviews mit russischen Regierungsvertretern und Geschäftsleuten geführt. Es kommt in einer englischen Übersetzung unter dem Titel „From Sovereigns to Servants“ in den Handel. Eine deutsche Ausgabe wurde zunächst nicht angekündigt.
Prokopenko arbeitete vor Beginn des Ukraine-Kriegs als Beraterin für den Vizechef der russischen Zentralbank und war zuvor Journalistin unter anderem bei der staatlichen Nachrichtenagentur Tass und der Wirtschaftszeitung „Wedomosti“, sie berichtete damals auch aus dem Kreml. Sie verließ Russland 2022 und lebt heute in Deutschland, wo sie am Carnegie Russia Eurasia Center arbeitet. 2025 erklärte Moskau sie zur „ausländischen Agentin“ – die Einstufung wird vom Kreml regelmäßig als Repression gegen politische Widersacher genutzt.
Prokopenko zufolge hätten nur wenige innerhalb der russischen Elite geglaubt, dass Präsident Wladimir Putin tatsächlich den Befehl zum Einmarsch in die Ukraine geben würde. Als der Krieg dann doch begann, hätte das die Meinung vieler über Putin geändert. Während er früher vielfach als der „Boss“ angesehen worden sei, sei er jetzt nur noch der „alte Mann“, erklärte Prokopenko.
Nach anfänglichen Bemühungen, Putin vom Ukraine-Krieg abzubringen, sei die Elite aber zu „Schleimern und Lakaien“ geworden – aus Angst um ihre Freiheit und ihr Vermögen. Dennoch wollten jetzt „alle, dass der Krieg endet“, fügte Prokopenko hinzu. Gleichzeitig seien die Elite aufgebracht dem Westen gegenüber, was eine Wiederaufnahme der gegenseitigen Beziehungen nach einem Ende des Krieges schwierig mache. „Die Chancen für einen demokratischen, liberalen Wandel sind nicht sehr hoch“, warnte sie.
