Riesige Erleichterung: Mit dem Premierensieg von Bundestrainer Klopp setzt eine junge DFB-Elf ein Signal für eine bessere Fußball-Zukunft. Der Gegner ist allerdings kein Maßstab.
München ist eine einzige Partyzone. Auf der Theresienwiese schenken sich Menschen aus der ganzen Welt auf dem Oktoberfest ordentlich einen ein, in der knapp zehn Kilometer entfernten Allianz Arena tobt die erste Jürgen-Klopp-Party. Der neue Bundestrainer feiert im dritten Spiel seinen ersten Sieg und entgeht damit einem bitteren Eintrag in die DFB-Geschichtsbücher. Das erste Spiel von „Kader II“ hat großen Unterhaltungswert, auch wenn es am Ende „nur“ einen 2:0-Erfolg gibt. In Abwesenheit von Joshua Kimmich übernehmen zwei andere Spieler des FC Bayern den Maschinenraum. Hat das womöglich Folgen für den Kapitän, der gegen seinen Willen abreisen musste? Unser ntv.de.-Experte glaubt das nicht und widerspricht damit einer Legende aus seinem Geburtsland.
Hallo Herr van Lent: Cristiano Ronaldo verbockt seine Karriere, auch die Niederlande können Griechenland nicht schlagen und Deutschland gewinnt wieder! Was ist los im Weltfußball?
Arie van Lent: Moment! Ich kenne da eine Mannschaft, die hat gegen die Griechen verloren! Die Niederländer haben sich das Remis (Anmerk. d. Red.: 2:2) durch eine fantastische zweite Halbzeit verdient! Und hatten sogar noch die Chance auf den Sieg. Und was war noch, Herr Nordmann?
Der bockige Ronaldo und der deutsche Sieg!
Ach, Ronaldo, der ist selbst schuld. Der hat den Absprung längst verpasst. Er hätte gehen sollen, als die Leute noch nicht wollten, dass er geht. So wird’s ein ekeliges Ende. Aber das passiert halt, wenn man zu lange denkt, dass man unersetzlich ist! Nun aber zur deutschen Mannschaft. Das war richtig gut! Wobei ich zweimal hingucken musste, ob der Gegner wirklich Serbien und nicht etwa Curacao ist. Mann, waren die schwach. Das fand ich wirklich erschreckend. Sie haben versucht, wie die Griechen zu verteidigen. Die aber waren aktiv und die Serben sind einfach stehengeblieben, in der Hoffnung, dass sie kein Gegentor kassieren. Ich kann nicht verstehen, das man so spielt. Aber …
Ja, bitte?
Das soll die Leistung der Deutschen nicht kleinreden. Sie haben das sehr, sehr gut gemacht, hatten gefühlt 90 Prozent Ballbesitz und haben nur eine Chance nach Filip Kostic‘ Konter zugelassen. Ich habe heute viel deutsche Spielfreude gesehen und gute Ideen gegen eine tief stehende Mannschaft. Ich denke, sie haben alles umgesetzt, was sich Klopp von ihnen gewünscht hat. Und trotzdem bin ich nach diesem Spiel hin- und hergerissen, was die große Bewertung angeht.
DFB-Debütant Bischof von Torschütze Wirtz völlig hingerissen
Weil der Gegner so schlecht war?
Genau, das war ein Pflichtsieg. So ehrlich müssen wir schon sein. Wenn ich jetzt der Bundestrainer wäre, dann würde ich mich fragen: Was war das jetzt eigentlich? Wo stehen wir, bin ich auf meinem Weg schon weitergekommen? Sicher hast du gute Erkenntnisse gewonnen, etwa dass Tom Bischof, Aleksandar Pavlovic und Derry Scherhant dir weiterhelfen können. Auch Florian Wirtz hat mir nach seiner zögerlichen Anfangsphase sehr gut gefallen. Das Tor zum 2:0 macht er super. Die Idee, sich die Jungs mal genau anzuschauen, geht auf. Aber für das große Ganze fehlt mir noch eine Antwort.
Schauen wir mal detaillierter auf das Spiel, was hat ihnen besonders gut gefallen?
Wie verbissen die Deutschen um den Ball gekämpft haben, wie aktiv sie im Pressing waren und mit welcher Intensität sie gespielt haben. Da muss ich wirklich nochmal Pavlovic hervorheben, den wir bei der WM doch sehr kritisiert haben. Der hatte heute 140 Ballaktionen. Das war richtig stark. Auch Bischof daneben fand ich super. Der ging mit einem richtig breiten Grinsen vom Feld, zu Recht. Der war nicht mit dem Ball gut, sondern auch ohne. Er hatte tolle Eroberungen, auch schon ganz früh am gegnerischen 16er, daraus sind dann gefährliche Szenen entstanden oder auch Freistöße.
Sie haben auch Derry Scherhant gerade schon genannt. Der Freiburger stand völlig überraschend in der Startelf. Was mochten Sie an seinem Spiel?
Ja, das war sicher eine dicke Überraschung, vor allem, weil ihn viele sicher gar nicht kennen, auch wenn er in Freiburg stark spielt. Ich fand erfrischend, wie mutig er gespielt hat. Er hat sich immer wieder angeboten und wurde auch viel gesucht auf der linken Seite. Er war passsicher, lauffreudig und hat das erste Tor mit seinem schwachen Fuß vorbereitet. Als er dann später auf die rechte Seite gewechselt ist, hat er mir nicht mehr ganz so gut gefallen. Aber das war schon ein starkes Debüt.
Ich würde gerne nochmal über Bischof und Pavlovic reden, die das so gut gemacht haben. Sie haben den Platz von Joshua Kimmich eingenommen. Die Oranje-Legende Rafael van der Vaart sah in einem Interview schon ein bisschen die ablaufende Zeit von Kimmich gekommen. War das Spiel heute gefährlich für ihn?
Ah, Rafael hat nicht immer recht!

Losgelöste DFB-Elf spielt wie ausgewechselt – und erlöst Klopp
Bedeutet, Kimmich bleibt gesetzt? Zuletzt ging es ja auch darum, ob er womöglich erdrückend dominant für das deutsche Spiel ist …
Wie gesagt, Pavlovic hatte ja auch 140 Ballaktionen. Es geht dabei aber vor allem darum, wo sie hingehen, nur quer, dann ist es schlecht. Wenn sie auch nach vorne gehen, dann hilft es sehr, dann ist es auch egal, ob dominante Spieler den Ball über Kurzpässe immer wieder fordern. Und Kimmich kann das alles. Er beherrscht die Seitenverlagerung und spielt brillante Chipbälle. Kimmich hat gegen die Niederlande ein herausragendes Spiel gemacht, fand ich. Er hat eine einzigartige Qualität im deutschen Spiel. Er ist nicht verzichtbar. Es wird nicht darum gehen, wer für Kimmich spielt. Sondern wer neben ihm spielt. Das können Pavlovic oder Bischof sein, aber auch Felix Nmecha. Und das Kimmich jetzt nicht dabei war, das würde ich auch nicht zu hoch hängen. Es ist schon gut zu sehen, wie eine Mannschaft ohne ihn spielt und reagiert.
Ich würde nochmal ihren Punkt aufgreifen: Was machen wir jetzt mit diesem Sieg?
Ich würde davor warnen, das Ergebnis zu hoch zu hängen. Es war wichtig, auch für Klopp, damit er die doofe Statistik nicht umgehängt bekommt. Wie kennen ja alle den Fußball, so etwas bleibt immer kleben und wird bei jeder Gelegenheit wieder rausgekramt. Da ist der Sport gnadenlos. Wir kennen das doch alle. Jetzt spricht im Nachgang von einem Stotter- aber nicht von einem Fehlstart. Es war alles drin, was für den Moment wichtig ist: Emotionen, Intensität, Spielfreude. Man weiß jetzt, dass man richtig drin ist im Umbruch und das Dinge funktionieren. Das heute war dominant, es war sehr gut. Aber wie nach dem Griechenland alles in Schutt und Asche geredet wurde, sollten wir nun nicht alles zu hochloben. Am Sonntag wartet in Thessaloniki ein ganz anderes, ein viel schwereres Spiel. Das wird entscheiden, wo die Reise sportlich und emotional hingeht.

Beseelter Urbig will „Rechnung mit Griechenland begleichen“
Wie viel Klopp-Fußball steckte heute Abend im DFB-Team?
Ich würde das trennen. Und den Fußball erstmal rauslassen. Alles ist noch sehr viel Klopp, er nimmt wahnsinnig viel Raum ein, klatscht alle ab, orientiert sich nach starken Aktionen Richtung Publikum und macht Applaus-Gesten. Er fordert das für sein Team ein. Er sucht die Unterstützung und findet sie. Darum geht’s gerade vor allem.
Dann war’s das schon!
Wirklich? Wir haben ja gar nichts kritisiert!
Haben Sie denn was?
Nö.
Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann
Verwendete Quelle: ntv.de
