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Politik

Ausstellung über queere Kinofilme in Berlin

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 8, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 08.05.2026 • 16:21 Uhr

Die Geschichte des queeren Films ist wechselhaft. Der Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung dauert bis heute an. Eine Ausstellung in Berlin zeichnet diese Entwicklung nach.

Der Ort für diese Ausstellung könnte passender kaum sein. Schon beim Anblick des Gebäudes ist der Industrie-Charme des frühen 20. Jahrhunderts spürbar. Hier, im Berliner E-Werk mitten in der Hauptstadt, hat seit vergangenem Jahr die Deutsche Kinemathek ihren Sitz. Das Museum für Film und Fernsehen richtet mit „Inventing Queer Cinema“ nun seine erste Ausstellung in dem rund 100 Jahre alten ehemaligen Umspannwerk aus. Damit stammt der denkmalgeschützte Klinkerbau aus der gleichen Zeit wie die Anfänge des queeren Kinos.

Der zentrale Ausstellungsraum im alten E-Werk ist fensterlos, die Decke neun Meter hoch. Von dort hängen Filmplakate und Infotafeln. Videoinstallationen zeigen Filmausschnitte und Interviewsequenzen. Requisiten, Kostüme und historische Dokumente machen die Ausstellung erlebbar. Und ziehen hinein in die Geschichte des lesbisch-schwulen Kinos in Deutschland und darüber hinaus.

Der Titel der Ausstellung, „Inventing Queer Cinema“, lässt dabei Spielraum für Interpretation. Kurator Björn Koll sieht die Sammlung als einen Dschungel aus Beziehungen und Zusammenhängen: „Natürlich ist mir bewusst, dass es ‚das queere Kino‘ so nicht gibt – und es geht bei ‚Inventing Queer Cinema‘ auch nicht darum, wer was erfunden hat.“ Stattdessen sei queeres Kino ein imaginärer Raum und Traum für Millionen Menschen auf der Welt.

Requisiten in der Ausstellung in Berlin

Von den schweren Anfängen bis zum Durchbruch

Der Rundgang beginnt in den 1910er-Jahren. Von den USA ausgehend erscheinen damals die ersten „Crossdressing“-Komödien auf der Leinwand. Die ersten queeren Figuren der Filmgeschichte tragen Kleider des jeweils anderen Geschlechts. Einige davon sind Teil der Ausstellung. Als erster homosexuell-emanzipatorischer Film der Welt wird 1919 „Anders als die Anderen“ von Regisseur Richard Oswald veröffentlicht und umgehend von den Behörden verboten.

Während der Weimarer Republik experimentiert das Kino langsam mit Geschlechterrollen und sexueller Identität. „Mädchen in Uniform“ hat 1931 als erster Spielfilm mit lesbischer Thematik internationale Resonanz. Auch Marlene Dietrichs androgyne Rollen in Männerkleidung spielt mit damaligen Geschlechterrollen. Doch mit der Machtübernahme der Nazis erfährt die Entwicklung einen radikalen Bruch. Queere Filmschaffende werden verfolgt, ins Exil gezwungen oder müssen sich der NS-Diktatur anpassen. Mehr als 10.000 Homosexuelle werden in Konzentrationslagern eingesperrt.

Die Nachkriegszeit ist auf der Leinwand von konservativen Werten geprägt. In der Bundesrepublik wird Homosexualität weiterhin durch Paragraph 175 des Strafgesetzbuches juristisch verfolgt. Fragen sexueller Identität werden im Film meist verdeckt thematisiert. In den 1960er-Jahren ändert sich das allmählich. Ausgehend vom Underground-Kino in den USA werden Trans-Personen, Lesben und Schwule in der Öffentlichkeit zunehmend sichtbarer. Auch das zeigt die Ausstellung eindrücklich.

Pioniere der Schwulenbewegung auf der Leinwand

Mit dem Beginn der internationalen Pride-Bewegung durch die gewaltsame Razzia in der „Stonewall Inn“-Bar in New York 1969 überträgt sich der gesellschaftliche Wandel auch auf die Leinwand. Als im gleichen Jahr in Deutschland einvernehmliche homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen straffrei werden, entfaltet sich hierzulande das schwul-lesbische Kino rasant. Die Ausstellung gibt einem der Pioniere Raum: dem Ende 2025 verstorbenen Filmemacher Rosa von Praunheim. Sein Werk „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ gilt als Startpunkt der westdeutschen Schwulenbewegung.

Dazu sind im ehemaligen Schaltwerk des E-Werks Briefe ausgestellt, die von Praunheim erhielt: Von einem offenbar schwulen Mann in der Provinz, der seine sexuelle Identität verstecken muss und sich für den Film bedankt. Aber auch von einem konservativen Kritiker, der dem Filmemacher Unreife und moralischen Verfall vorwirft. Nebenan finden sich Kunstinstallationen, wie ein quietschgelber Anzug von Praunheims, der Regiestuhl Rainer Werner Fassbinders oder ein Geweih aus Plastik aus einem Film von Ulrike Ottinger.

Den prominentesten Platz in der Ausstellung hat Manfred Salzgeber. Der Filmemacher und Kinobetreiber gilt ebenfalls als Identifikationsfigur der deutschen Schwulenbewegung. In seinen Programmkinos in Westberlin liefen in den 1970er-Jahren die ersten homosexuellen Programmreihen. Er setzte sich später vehement für die Aids-Aufklärung ein, bis er 1994 an der Krankheit starb. Salzgeber gründete eine eigene Programmsektion für die Berlinale, die bis heute unter dem Namen „Panorama“ Bestand hat. Aus seinem Nachlass ist etwa ein altes Adressbuch ausgestellt. Interviewsequenzen in einer Videobox geben Einblick in sein Schaffen.

Eine Ausstellung als Filmfestival

Das Besondere an „Inventing Queer Cinema“: Die Ausstellung zeigt während ihrer Öffnungszeit bis Anfang September im kleinen hauseigenen Kinosaal ein umfangreiches Filmprogramm. Insgesamt 96 Filme aus sieben Jahrzehnten und 34 Ländern werden aufgeführt. Viele davon finden sich in der einen oder anderen Form in der Ausstellung wieder, darunter ikonische Werke von Regisseuren wie Monika Treut, Wieland Speck oder Frank Ripploh aus dem Salzgeber-Bestand.

Auch Spielfilme zum Thema Aids, etwa „Buddies“ von 1985, werden gezeigt. Aus der jüngeren Vergangenheit finden sich auch queere Filme etwa aus dem europäischen Ausland, Thailand oder Kenia im Programm. Mit einem Tagesticket erhalten Besucher Zugang zum Kinosaal. Ergänzt wird „Inventing Queer Cinema“ durch Lesungen und Publikumsdiskussionen.

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