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Startseite»Nachrichten»Beatles und Kiezgrößen als Gäste: Legendärer Laden an der Reeperbahn schließt nach über 100 Jahren
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Beatles und Kiezgrößen als Gäste: Legendärer Laden an der Reeperbahn schließt nach über 100 Jahren

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 23, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Beatles und Kiezgrößen als GästeLegendärer Laden an der Reeperbahn schließt nach über 100 Jahren

Ute Bickeleit und Franz Stenzel in ihrem Friseurladen „Salon Harry“ auf St. Pauli. (Foto: picture alliance/dpa)

Weniger Rotlicht, Clubs und Kneipen, dafür mehr Kioske, Hotels und Fast-Food-Läden. Die Reeperbahn befindet sich seit langer Zeit in einem Wandel, der vielen nicht gefällt. Nun ist eine weitere Institution an der „sündigen Meile“ an ihrem Ende angelangt.

Die Beatles sind dagewesen und hier zu ihren Pilzköpfen gekommen, ebenso Prominenz aus Showbiz und Rotlicht und jede Menge treue Stammkunden aus aller Welt. Doch schon seit ein paar Tagen werden im „Salon Harry“ in der Davidstraße auf St. Pauli keine Haare mehr geschnitten. Seit 1906 habe es in dem Haus Nummer 23 – gegenüber der berühmten Davidwache – immer einen Friseursalon gegeben, sagen Franz Stenzel und Ute Bickeleit. Nun ist Schluss. „Vor drei Wochen haben wir die Entscheidung getroffen, den Laden endgültig zuzumachen.“

Seit den 1980er-Jahren arbeiteten die beiden bei dem „Spezial Herren-Friseur“, wie es auf dem grünen Baldachin über dem Schaufenster in goldenen Lettern geschrieben steht. Erst angestellt bei Harry, dann als Eigentümer. Ende des Monats muss der Laden leer sein. „Wir haben viel geweint“, sagt die 63-jährige Bickeleit. „Auch viele Kunden haben geweint.“

Am Wochenende kommen die Männer für das Grobe: die schweren Friseursessel mit ihren dunklen Lederpolstern, die vor der Mahagoniwand mit den Spiegeln, den grünen Marmortischplatten und den Glaskugelleuchten mit ihren Messinghaltern stehen – alles muss raus und rückgebaut werden. „Das geht alles in die Mülle“, sagt Bickeleit ein wenig wehmütig.

„Wir hätten es gern an einen Nachfolger übergeben“, sagt der 81-jährige Stenzel, der Anfang der 1980er aus Danzig über Bonn – wo er im Bundeshaus schon so manchem Politiker die Haare schnitt – nach Hamburg kam, „weil ich die Abfahrt Richtung Kiel verpasst habe“. Denn dort habe es ihn eigentlich hingezogen, „weil ich dachte, dass es so wie Danzig ist“.

Franz-Stenzel-l-und-Ute-Bickeleit-stehen-vor-ihrem-Friseurladen-Salon-Harry-auf-St-Pauli-an-der-Reeperbahn
Blick auf den „Salon Harry“. (Foto: picture alliance/dpa)

Als er aber durch Hamburg gefahren sei und gesehen habe, „wie schön die Stadt ist“, sei er geblieben – „zum Glück“. Bei Harry habe er schnell einen Job gefunden. Und mit Bickeleit, die ein paar Jahre später mit Anfang 20 zu Harry kam, eine neue Liebe. Die gemeinsame Tochter ist längst erwachsen.

Eine Nachfolgelösung für den Salon sei nicht möglich gewesen. „Wir hatten schon seit längerer Zeit keinen Mietvertrag mehr“, sagt Bickeleit. Dennoch habe man sich immer wieder mit dem Vermieter auf eine Verlängerung geeinigt, doch nun sei plötzlich Schluss gewesen. „Zu plötzlich, wir hätten uns gern noch richtig von unseren Kunden verabschiedet.“

Beatles-Haarschnitt musste gerettet werden

Nicht alles im Laden sei ein Fall für die „Mülle“. Die mit blauem Leder gepolsterten Friseursessel im Keller auf keinen Fall: „Hier haben die Beatles drauf gesessen“, sagt Stenzel stolz und klappt ein Sitzpolster hoch. Unter einer Plastikfolie steht in etwas krakeliger Handschrift: „Hier saßen die Beatles & ich schon Ende 1961 zum Beatles Haarschnitt, nachdem Astrid den ersten Schnitt versaut hatte.“ Unterschrieben hat die Nachricht Horst Fascher – Musikpromoter und Mitgründer des legendären Star-Clubs in der Großen Freiheit, wohin er damals auch die Beatles geholt hatte.

Harry habe ihm die Geschichte so erzählt, klärt Stenzel auf: „Astrid Kirchherr war eine junge Fotografin, die ein bisschen mit den Beatles befreundet war.“ Für ein Fotoshooting habe sie die Jungs aus Liverpool zu sich nach Hause eingeladen. „Und die sind gekommen. Aber die hatten alle noch so eine Elvis-Tolle.“

Das habe Astrid nicht gefallen, weshalb sie kurzerhand selbst zur Schere gegriffen habe. Herausgekommen seien Pilzkopfhaarschnitte, „aber ein bisschen schief und krumm“. Als Fascher das gesehen habe, habe er die Beatles zum Friseur seines Vertrauens gebracht – zu Harry. Der habe es gerichtet.

Nicht nur die originalen Beatles-Friseursessel, die 1974 der neuen Mahagoni-Einrichtung weichen mussten und seither im Keller stehen, auch andere Beatles-Devotionalien wie Schallplatten und Fotos der Pilzköpfe zieren noch den schon halb leer geräumten Laden. Ebenso ein Bild von Freddy Quinn, der auch mal vorbeigeschaut und guten Tag gesagt habe, sagt Bickeleit. „Viele Promis sind ja auch nebenan im St. Pauli Theater aufgetreten.“

Kiezgrößen zu Gast

Von morgens um 8 bis 22 Uhr sei der Laden geöffnet gewesen. Morgens seien die Arbeiter nach der Schicht aus dem Fischereihafen gekommen, später viele Rotlichtgrößen – „teilweise sogar zweimal am Tag“, erinnert sich Bickeleit. Die Frisuren der Zuhälter hätten viel Pflege gebraucht. „Wenn Sie diese langen Haare haben, das können Sie nicht alleine, wenn Sie richtig gut aussehen wollen. Und das ist doch das Hauptthema bei einem Mann aus dem Milieu: gut auszusehen.“

Kiezgrößen wie „Dakota Uwe“ oder „Wiener Peter“ seien regelmäßig zu Harry gekommen. Auch der berüchtigte Auftragsmörder Werner „Mucki“ Pinzner, erinnert sich Stenzel, „Ich weiß noch, wie er hier im Laden saß mit seinem Pitbull.“ Auch „Wiener-Peter“ sei dabei gewesen. „Und am nächsten Tag haben wir erfahren, dass sie festgenommen worden sind“, sagt er.

Der Rest ist Geschichte: 1986 erschoss Pinzner bei einer Vernehmung im Hamburger Polizeipräsidium den ermittelnden Oberstaatsanwalt, seine Frau – die ihm die Waffe zugesteckt hatte – und sich selbst. Ein gutes Dutzend Morde werden dem Kiez-Killer zugeschrieben.

Auch der Serienmörder Fritz Honka, der sich in den 1970er-Jahren seine weiblichen Opfer im Trinkermilieu der Kiez-Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ suchte, soll sich bei Harry die Haare haben machen lassen – allerdings vor seiner Zeit, wie Stenzel berichtet.

„Wir machen uns ein schönes Leben“

Der 81-Jährige trägt einen weißen Schnauzer mit gezwirbelten Spitzen auf seiner Oberlippe; auf der Nase das goldene Drahtgestell seiner Brille. Plötzlich dreht er sich um und geht zum Schaufenster. An den goldenen Vorhängen bleibt er stehen und schaut hinaus. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn der Davidstraße hält ein roter Sightseeing-Doppeldeckerbus auf dem Kopfsteinpflaster. Die Touristen schauen hinaus zum Laden und winken. Stenzel steht da, hebt seinen Arm und winkt zurück. „Das macht er immer – achtmal am Tag“, erklärt Bickeleit.

Wie es nun mit den beiden weitergeht? „Wir machen uns ein schönes Leben“, sagen sie und lächeln. „Wir werden nur noch unseren Hund schneiden – und den Rasen.“

Quelle: ntv.de, Martin Fischer, dpa

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