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Bei Angriff auf Kiew: Die Russen zerstören sogar den legendären Büchermarkt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 18, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Bei Angriff auf KiewDie Russen zerstören sogar den legendären Büchermarkt

18.08.2026, 09:41 Uhr Von Denis Trubetskoy, Kiew
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Verbrannte Bücher auf dem von Russland zerstörten Büchermarkt von Kiew. (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Beim russischen Raketenangriff auf Kiew wurde am Wochenende auch der Büchermarkt zwischen Podil und Obolon zerstört. Es war einer der letzten Orte in der Ukraine, wo man noch russischsprachige Literatur kaufen konnte.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verfolgt oft genug eine seltsame Logik. Dies fängt schon damit an, dass die Hauptleidtragende der russischen Aggression im Namen Wladimir Putins die Bewohner der ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk sind, mit deren „Schutz“ der Kremlherrscher seinen Invasionstruppen den Marschbefehl gab. An diesem Wochenende zerstörten ballistische Raketen aus Russland einen der wohl letzten Orte in Kiew, an derer Vernichtung Russland interessiert sein sollte: den Büchermarkt in der Nähe der Kiewer U-Bahn-Station Potschajna in einem Industriegebiet zwischen dem historischen Stadtteil Podil und dem Stadtbezirk Obolon.

Schon im Juni war der legendäre Büchermarkt durch russischen Beschuss beschädigt worden. Beim Angriff in der Nacht auf den 16. August endete die Geschichte des Potschajna-Marktes, der einst wie die Gegend Petriwka hieß, benannt nach einem am Holodomor beteiligten sowjetischen Funktionär ukrainischer Abstammung, Hrihorij Petrorwskyj. Über 2000 Quadratmeter Verkaufsfläche wurden zerstört. Die allermeisten Geschäfte wurden zumindest schwer beschädigt. Die Bilder der ausgebrannten Läden und verbrannten Bücher gingen durch das ukrainische Internet und um die Welt.

Schwarzmarkt in den 1980er Jahren

Obwohl es den Markt offiziell seit 1997 gab, geht seine Geschichte bis in die 1980er Jahre zurück. In der Nähe des nun zerstörten Potschajna-Marktes entstand eine informelle Vereinigung von „schwarzen Buchhändlern“, die noch unter Bedingungen der Sowjetzensur und des allgemeinen Mangels an guten Büchern spontanen Handel trieben – meist an Wochenenden. In der späten Gorbatschow-Zeit wurde dies überwiegend toleriert. Die offizielle Eröffnung fand am 1. März 1997 statt. In den Krisenzeiten der Neunziger und Nullerjahre in der Ukraine erlangte er ganz klar Kultstatus.

Weil dort so gut wie alles gefunden werden konnte, was es auf diesem Planeten gibt, von antiquarischen Büchern bis hin zu seltenen Vinylplatten, fuhren Sammler aus der ganzen Ukraine nach Kiew, um dort etwas zu finden. Das Ganze hatte auch eine Schattenseite. So wurde der Markt 2011 nicht grundlos auf eine Liste des US-Handelsministeriums der 17 größten Piratenmarktplätze der Welt gesetzt. Trotzdem haben die Kiewer ihren Markt auch mehrfach gegen Versuche verteidigt, an der dortigen, wirtschaftlich hochinteressanten Stelle ein großes Einkaufszentrum zu bauen.

Hier gab es bis zuletzt russischsprachige Bücher

Dies hatte unter anderem damit zu tun, dass der Potschajna-Markt für ukrainische Verlage, die stets unter enormem wirtschaftlichem Druck standen, überlebenswichtig war. Für die Verbreitung von ukrainischsprachiger Literatur hatte Potschajna gerade in den schwierigen Jahren, als sich der Druck von Büchern in ukrainischer Sprache kaum lohnte, eine riesige Bedeutung. Auch hier hatte Potschajna eine andere Seite: Es war einer der letzten Orte in der Ukraine, in der man noch russische Bücher finden konnte – auch in der Zeit nach dem Großangriff von 2022. Der Geist des Marktes hatte niemals viel mit der jeweiligen geltenden Rechtslage zu tun.

Drei Jahre nach der Krim-Annexion, ab Januar 2017, wurde in der Ukraine die Einfuhr von Büchern aus Russland stark eingeschränkt. Zwar wurden diese Importe nicht komplett untersagt – man brauchte allerdings eine Sondergenehmigung der ukrainischen Behörden, die die entsprechenden Bücher auf mögliche Propaganda-Inhalte prüften. In der Praxis hat kaum jemand diese bürokratisierte Prozedur genutzt. Es bestand jedoch die Möglichkeit, während einer Privatreise bis zu zehn Bücher mitzunehmen – das war der Hauptweg, wie neuere russische Bücher letztlich auf dem Potschajna-Markt gelandet sind.

Obwohl die Verkäufer gelegentlich bestraft wurden und es auch Proteste auf dem Markt gab, war es auch vor dem 16. August möglich, dort russische Bücher zu finden, obwohl Importe aus Russland, Belarus und den besetzten Gebieten 2022 vollständig untersagt wurden. Dabei handelte es sich zuletzt vor allem um ältere oder sehr spezifische Literatur, die ukrainischer Sprache kaum zu finden war. Daher hat Kiew in der Nacht auf den Sonntag nicht nur einen weiteren Teil seiner Stadtgeschichte verloren. Russland hat einen Ort zerstört, an deren Fortbestand es eigentlich ein Interesse hätte haben müssen.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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