Cyberkriminalität gegen Unternehmen und Privatpersonen stellt ein immer größeres Risiko in Deutschland dar. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Die Sicherheitsbehörden sollen nun mehr Abwehrmöglichkeiten bekommen.
An einem Montag im Februar ging im Franz Sales Haus in Essen digital gar nichts mehr. Ein Hackerangriff legte die soziale Einrichtung aus Nordrhein-Westfalen lahm. Die Erpresser hatten Daten verschlüsselt und drohten, diese zu veröffentlichen, wenn die Einrichtung kein Lösegeld zahle.
„Die Erpresser haben uns wissen lassen, dass sie einen höheren sechsstelligen Betrag von uns erwarten. Für ihre ‚Dienstleistung‘, dass die Daten nicht weiter Verwendung finden“, so der Vorstandsvorsitzende der Einrichtung, Holger Gierth. Das Franz Sales Haus entschied sich in Absprache mit der Polizei dazu, das Lösegeld nicht zu zahlen.
Mehr als 330.000 Fälle erfasst
So wie dem Franz Sales Haus erging es vielen Kommunen, Stadtwerken oder Unternehmen. Im vergangenen Jahr erfassten die Behörden laut aktuellem Bundeslagebericht Cybercrime mehr als 330.000 Fälle von Cyberkriminalität. Viele Taten wurden zudem wohl gar nicht erst gemeldet. Das Dunkelfeld ist hoch.
„Cyberkriminalität ist eine der größten Herausforderungen für die öffentliche Sicherheit in Deutschland“, sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. Im vergangenen Jahr haben demnach vor allem die „Ransomware“-Angriffe zugenommen, wie sie auch das Franz Sales Haus erlebt hat.
Deutschland laut Dobrindt unter Top 3
Nach den USA und Kanada sei Deutschland unter den Top 3 auf der Rangliste der Angriffsziele, so Dobrindt. Zu den Tätern sagte der Innenminister: „Russland ist bei uns im Fokus.“ Die Aktivitäten aus dem russischen Raum hätten seit Beginn des Ukraine-Kriegs deutlich zugenommen.
Grundsätzlich sind vor allem kleinere und mittelständische Unternehmen betroffen. Nur die wenigsten haben tatsächlich Lösegeld bezahlt. Wenn, dann wurde im Schnitt aber eine halbe Millionen Euro fällig – zumindest in den Fällen, die überhaupt in der Statistik landeten. Im Dunkelfeld könne man davon ausgehen, dass Lösegeld ein stärker genutztes Mittel der Konfliktbewältigung sei.
Schaden wird auf mehr als 200 Milliarden Euro geschätzt
Der Schaden durch Erpressung, Sabotage oder Hacker-Angriffe ist riesig. Er wird auf mehr als 200 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Das hat Folgen, erklärte die Vizepräsidentin des Bundeskriminalamtes (BKA), Martina Link. Cyberangriffe hätten eine erhebliche volkswirtschaftliche Dimension. Besonders zugenommen hätten schwere Cybercrime-Delikte. Innenminister Dobrindt will deshalb stärker als bisher gegen die Angreifer vorgehen. Er nennt das aktive Cyberabwehr.
Wir wollen uns auch zur Wehr setzen und die Infrastruktur der Angreifer stören und zerstören können. Technisch sind wir dazu in der Lage. Die rechtlichen Rahmenbedingungen dazu müssen wir noch erreichen.
Mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden geplant
Dobrindt will deshalb in diesem Monat ein Gesetz durchs Kabinett bringen, das den deutschen Sicherheitsbehörden wie dem BKA mehr Möglichkeiten geben soll, gegen Täter im Ausland vorzugehen. Ein Problem ist aber, dass Cyberattacken häufig über gehackte Server laufen.
Daher gibt es die Befürchtung, dass Unbeteiligte getroffen werden könnten. Der Innenminister findet diese Sorge unbegründet. „Es geht ganz gezielt darum, dass man kriminelle Netzwerke erkennt, ihre Strukturen analysiert, diejenigen, die dahinter stehen, identifiziert und dann dagegen vorgeht“, betonte der CSU-Politiker.
Internationale Zusammenarbeit von Nöten
Auch BKA-Vizepräsidentin Link will Bedenken zerstreuen, dass deutsche Behörden zum Beispiel versehentlich ein Krankenhaus im Ausland treffen: Es erfolgten umfangreiche Abklärungsmaßnahmen, auch mit Hilfe von IT-Dienstleistern und in der internationalen Zusammenarbeit, um dies zu verhindern, so Link.
Ohne internationale Zusammenarbeit wird es nicht gelingen, mehr Tätern das Handwerk zu legen. Denn auch in Zukunft könnte es Länder geben, die dabei nicht mitmachen und Tätern weiter ein Schlupfloch für ihre kriminellen Machenschaften bieten. Daran wird wohl auch Dobrindts geplante Gesetzesänderung nichts ändern.

