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Chamäleons des Kunstmarkts: Kunstfälscher setzen auf Betrug am Zahn der Zeit

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 12, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Chamäleons des KunstmarktsKunstfälscher setzen auf Betrug am Zahn der Zeit

Eine wie keine: Die „Mona Lisa“ in London. Eine Kopie der Mona Lisa, die dem britischen Maler Sir Joshua Reynolds gehört war so gut, dass er dachte, es wär die echte. (Foto: IMAGO/Avalon.red)

Sie passen an, sie gehen mit der Zeit, sie fälschen das, was gerade „en vogue“ ist. Kunstfälscher gibt es so lange, wie die bildenden Künste selbst. Doch nicht nur die Fälscher gehen mit der Zeit – auch die Ermittler.

Als Kunstfälscher musste man immer schon was drauf haben. So ist die Farbe jahrhundertealter Gemälde von feinen Rissen durchzogen, die sich je nach Epoche und Herkunftsland unterscheiden. Auf flämischen Gemälden des 15. bis 17. Jahrhunderts sehen die Risse ähnlich aus wie die Faserung alter Baumrinde. Auf Gemälden der italienischen Renaissance erinnern sie an die Fugen in unregelmäßigem Mauerwerk. Und französische Barockgemälde wiederum sind wie mit einem Spinnennetz überzogen. All das muss ein Fälscher wissen und überzeugend imitieren.

Fälschungen sind so alt wie die Kunst selbst und heute ein riesiges Geschäft. Zahlen gibt es dennoch kaum, allein schon deshalb, weil der Markt differenziert ist und irgendwo in eine Grauzone zu legalem Handel übergeht. Ein Haupteinfallstor sind seit längerem Auktionsplattformen wie Ebay. Dort werden häufig Werke angeboten mit Erläuterungen wie „Signiert mit…“ oder „zugeschrieben an…“.

Kunstfälscher sind mit der Zeit gegangen

„Anfangs wurde darüber noch gelacht, nach dem Motto: Wer da was kauft, ist selber schuld“, sagt Prof. Henry Keazor, Autor des Buchs „Täuschend echt – eine Geschichte der Kunstfälschung“. Keazor hat an der Universität Heidelberg die erste Studiensammlung mit gefälschten Kunstwerken aufgebaut. Inzwischen, so sagt er, wisse man, dass der Weg oft so aussehe: Ein kleiner, aber respektabler Sammler ersteht ein Kunstwerk auf Ebay und schleust es dann auf den Kunstmarkt ein, wo es im Laufe der Zeit immer höher gereicht wird. „Das Werk selbst kann unschuldig sein, muss also keine bewusst hergestellte Fälschung sein, aber es ist eben nicht das, wofür es ausgegeben wird.“

Tendenziell sehr viel einfacher zu fälschen als Gemälde sind Druckgrafiken. „Hier sind die Fälschungen unglaublich zahlreich. Ein Riesenproblem ist zum Beispiel Salvador Dalí.“ Der spanische Surrealist hat ungewöhnlich viele Druckgrafiken hinterlassen. Teilweise signierte er sogar Blankobögen, die erst im Nachhinein bedruckt wurden.

Daneben werden aber auch heute noch Gemälde klassisch gefälscht. Beispiel: Gerhard Richter. Der heute 94-Jährige ist der am höchsten dotierte lebende Maler der Welt. Wie Keazor berichtet, ging es in einem jüngeren Fall um eine erstaunlich schlechte Fälschung, die von einem Auktionshaus in den USA angeboten wurde. „Da hat man gemerkt: Adressaten sind Leute, die den Namen Richter zwar schon mal gehört haben, aber nicht wirklich wissen, was er macht.“

In einem anderen Fall sei es um einen Galeristen gegangen, der viel mit Richter zusammengearbeitet habe, dann aber in Geldschwierigkeiten geraten sei. „Und dann hat er beschlossen, ein bereits verkauftes Gemälde zu kopieren und erneut zu verkaufen.“ Hier habe dem Käufer auch ein Blick in das online zugängliche Gesamtverzeichnis des Richter-Werks nicht geholfen. „Denn dort wird das Bild ja tatsächlich aufgeführt. Nur hatte er eben nicht das von ihm gekaufte Original geliefert bekommen, wie er später feststellen musste.“

Auch das Versandmaterial wird mitgefälscht

In einer im vergangenen Jahr aufgeflogenen Fälscherwerkstatt in Rom hatten sich die Täter darauf spezialisiert, nicht nur das Werk, sondern auch Stempel und Exportdokumente zu fälschen, die die vermeintliche Echtheit des Werks verbürgten. Teilweise werden sogar Künstler-Monografien publiziert, die mit gefälschten Werken illustriert sind, um diesen so Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Häufig spezialisieren sich Fälscher auf Künstler der zweiten und dritten Reihe, zu denen es weniger Literatur und weniger Experten gibt als zu ganz großen Namen wie Da Vinci, Rembrandt und Monet. Und sie profitieren von der Globalisierung. So tauchten im vergangenen Jahr zwei Bilder des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi in japanischen Museen auf.

Beltracchi war 2011 in Köln in einem spektakulären Prozess wegen Millionenbetrugs zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. „Japanische Kollegen haben mir jedoch glaubhaft versichert, dass der Fall komplett an ihnen vorbeigegangen war“, erzählt Keazor.

Der ewige Wettlauf der Fälscher gegen die Detektive

Auf der anderen Seite sind die Methoden zur Entlarvung von Fälschungen in den vergangenen Jahren aber auch immer besser geworden. Fälscher und Kunstdetektive befinden sich hier in einem ewigen Wettlauf. So ist es heute nicht mehr unbedingt nötig, Kunstwerke für eine Überprüfung zu einem Labor zu bringen, es gibt auch tragbare Untersuchungsapparatur.

Das Fachmagazin „Surface Topography: Metrology and Properties“ berichtete kürzlich über ein neues Verfahren, das die Oberfläche von Gemälden vermisst und diese in eine Art dreidimensionale physische Karte umwandelt. So wird ihre Farbstruktur sichtbar, und Experten können analysieren, ob sie der Malweise des jeweiligen Künstlers entspricht.

KI hilft beiden Seiten

„Ein ganz großes Plus ist, dass wir heute dank der Digitalisierung viel größere Datenmengen in viel kürzerer Zeit abgleichen können“, sagt Keazor. Trotz aller Fortschritte bleibe bei der Echtheitsprüfung der traditionelle Dreiklang bestehen: die Stilkritik, die Provenienzforschung (Forschung zur Herkunft eines Werks) und die materialtechnische Untersuchung. „Man muss diese Freude allerdings etwas relativieren, denn diese Verfahren sind teuer und stehen nicht jedem zur Verfügung.“

Für die Zukunft rechnet Keazor damit, dass KI bei der Authentifizierung von Werken eine größere Rolle spielen wird. Fälscher könnten sie wiederum für die Konzeption von Fälschungen nutzen. „Auch beim 3D-Drucker könnte ich mir vorstellen, dass er irgendwann in Zukunft eine größere Rolle spielen wird, indem er ganze Werke auswirft.“

Faszinierend ist, dass Fälschungen im Abstand von einigen Jahrzehnten oft geradezu plump wirken. Dies gilt etwa für die berühmten Vermeer-Fälschungen von Han van Meegeren (1889-1947). Heute fragt man sich, wie diese Bilder je für originale Werke des holländischen Altmeisters Johannes Vermeer (1632-1675) gehalten werden konnten.

Vermeer ist vor allem für seine harmonischen Darstellungen von Frauen in wohlhabenden bürgerlichen Interieurs bekannt. In den 1930er Jahren vermutete man jedoch, dass er in seiner Jugend auch viele religiöse Bilder gemalt habe, die aber verschollen seien. Van Meegeren füllte mit seinen Fälschungen diese vermeintliche Lücke.

Mit den Jahren wirken die Fälschungen immer schlechter

Keazor vermutet, dass sich ein ähnlicher Effekt auch bei den Beltracchi-Fälschungen einstellen wird. Beltracchi fälschte in den 1980er Jahren bevorzugt Bilder des Malers Heinrich Campendonk (1889-1957). „Wir haben heute eine sehr viel klarere Vorstellung von Campendonk, und wenn ich mir heute die Werke von Beltracchi anschaue, dann bezweifle ich, dass das heute noch funktionieren würde“, meint Keazor. „Da ist zu viel los auf seinen Fälschungen, die sind zu bunt, zu gefällig, zu wenig modern. Ich könnte mir vorstellen, dass die Leute in einigen Jahrzehnten sagen werden: Wie hat man das je für echte Campendonks halten können?“

Der Effekt zeigt, dass Fälschungen oft gezielt die Erwartungshaltung eines spezifischen Publikums zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt bedienen. Gerade deshalb wirken sie anfangs so überzeugend – und im zeitlichen Abstand überholt.

Quelle: ntv.de, Christoph Driessen, dpa

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