Ein 7:1-Auftakt in die Fußball-Weltmeisterschaft – und doch gibt es beim DFB-Thema ein Gesprächsthema. Es geht mal wieder um Leroy Sané. Der Bundestrainer wird vor dem Spiel gegen die Elfenbeinküste grundsätzlich.
Eine Garantie kann Julian Nagelsmann zu Leroy Sané geben. „Ihn stört es nicht“, sagt der Bundestrainer über die Kritik, die sich nach dem 7:1-Triumph gegen Curacao über den Flügelspieler ergossen hat. Das DFB-Team war in Houston mit einem Rausch in die Weltmeisterschaft gestartet. Sechs verschiedene Torschützen erzielten die sieben Treffer.
Aber Sané? Der blieb ohne Tor, trotz zweier Großchancen. Eine Woche lang wurde der 30-Jährige dafür kritisiert. Da wurde der fehlgeschlagene Hackentrick in der eigenen Hälfte herausgekramt. Als sich Sané in der heiklen Phase beim Stand von nur 1:1 gegen den WM-Debütanten ein Missverständnis mit Florian Wirtz leistete und der Ball dann doch erst wieder zurückerobert werden musste.
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Schon unter der Woche ergriff Kapitän Joshua Kimmich in Winston-Salem das Wort. Die Dauerkritik an Sané finde er „nicht verständlich“, sagte er. Beide spielen auf einer Seite, werden das mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit auch gegen die Elfenbeinküste (22 Uhr/ZDF, Magenta und im ntv.de-Liveticker) tun. Also hat Kimmich ganz natürlich den ungestörtesten Blick: „Er war extrem engagiert, er hat mich auf unserer Seite nie alleine gelassen, ist immer zurückgesprintet“, erklärte Kimmich.
„Nicht gerechtfertigt“
Nagelsmann setzt dort in dem improvisierten Presseraum im kanadischen Toronto fort. Startet Sané auch im zweiten Gruppenspiel? „Ich wüsste jetzt nicht, warum ich ihn jetzt nicht spielen lassen soll“, erklärt der Bundestrainer. „Ich bin keiner, der sich von irgendwelchen Meinungen von außen treiben lässt.“ Es gebe eine Einschätzung im Trainerstab und eine in der Mannschaft. Man habe Dinge auf dem Feld gesehen, „die sehr gut waren“.
Grundsätzlich habe Nagelsmann kein Problem mit Kritik, wenn sie gerechtfertigt sei. „Aber in dem Ausmaß, wie es nach dem Spiel war, war es nicht gerechtfertigt.“ Für Sané selbst war es wohl kein Thema. Aber: „Es beschäftigt dann eher mich“, sagt der Bundestrainer, „weil ich ungern habe, dass über meine Spieler sowas geschrieben wird“. Den Vorwurf des fehlenden Fleißes entkräften diesmal auch die Daten.
Offenbar erfüllt der Flügelstürmer auch sonst den Erwartungshorizont des Bundestrainers. „Das Schöne ist: Dass wir die Idee vorgeben, mit der Mannschaft besprechen und dann auch bewerten können, ob ein Spieler die Idee umsetzt“, sagt Nagelsmann. Für Außenstehende sei das nicht immer nachvollziehbar. Aber: „Leroy war sehr fleißig, hat viel investiert und auch gut trainiert.“ Die Themen, die das Trainerteam mit ihm besprochen habe, habe er auch – wie alle anderen – umgesetzt.
„Ein psychologisches Problem“
Es ist eines der Grundprobleme bei der Personalie Sané: Die Erwartungshorizonte klaffen kilometerweit auseinander. Der Flügelspieler war einmal der teuerste deutsche Fußballer. Als er im Sommer 2016 für 50 Millionen Euro vom FC Schalke 04 nach England zu Manchester City wechselte, war er auch ein Versprechen, irgendwann einmal zur Weltklasse zu gehören. Viele Beobachtende erwarten das immer noch.
Das ist aber ein Problem: Diese Dinge kann Sané auch leisten, macht das aber nicht zwangsläufig. Die Veranlagungen schlummern in ihm, er zeigt sie nur nicht immer. Nur: Besonders diese Art von Fußballer hat es beim deutschen Publikum immer schwer, bei dem man nie weiß, ob man heute 100, 110 oder doch nur 50 Prozent auf dem Platz bekommt.
Nagelsmann glaubt fest an diese Weltklasse-Momente, die in Sané schlummern. Sein Ziel ist es, den Flügelspieler zu einem Turnier zu kitzeln, das eben keine Zweifel hinterlässt. Davon würden schließlich alle Seiten profitieren – auch der Bundestrainer, der nach dem Ausfall des unbedarften Lennart Karl auch einen starken Sané braucht. Und, es ist ein bisschen kurios, die Statistik aber stützt die Startelfeinsätze von Sané: In den vergangenen sieben Spielen bereitete er drei Tore vor, traf selbst genauso oft.
Viel mehr sieht auch der Bundestrainer die völlig verschiedenen Sichtweisen. „Es gibt ein psychologisches Phänomen, wenn man irgendwann einen Menschen in eine gewisse Schublade gesteckt hat“, erklärt Nagelsmann. „Dann wird alles, was man nur ansatzweise in diese Richtung sieht, um ein Vielfaches schlimmer bewertet. Und in diesem Moment sind wir, glaube ich, bei ihm.“
Wenn man dieses Problem erkannt hat, bleibt die Frage: Wie geht man damit um? Nagelsmann sieht zwei Herangehensweisen: „Entweder, ihr schreibt nichts“, schreibt er an die Medienschaffenden gerichtet – schränkt aber gleich ein, dass das nicht passieren. Also: „Liegt es an ihm, euch zu überzeugen, dass ihr besser über ihn schreibt.“ Die andere Möglichkeit: „Das Selbstvertrauen kriegt er von uns.“ Durch Rückmeldungen und eine Akzeptanz, die er im Team hat. Deshalb wird er auch weiter von Beginn an spielen.
Verwendete Quelle: ntv.de
