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„Die Schlacht von Santiago“: Als die brutalste Weltmeisterschaft aller Zeiten eskalierte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 30, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Die Schlacht von Santiago“Als die brutalste Weltmeisterschaft aller Zeiten eskalierte

30.05.2026, 08:15 Uhr Von Ben Redelings
1962-World-Cup-Italy-v-Chile-Police-and-referee-Ken-Ashton-escort-Italian-player-Giorgio-Ferrini-from-the-field-Heated-quarrels-broke-out-between-players-of-the-two-teams-and-police-finally-had-to-come-onto-the-pitch-to-escort-Ferrini-off
„Der Fußball lag k.o. am Boden“ (Foto: imago/United Archives International)

Am 30. Mai 1962 startete in Chile die 7. Fußball-Weltmeisterschaft. Bis heute gilt sie als die härteste WM, die je stattgefunden hat. Von Beginn an gab es viele Verletzte, doch das Spiel zwischen dem Gastgeber und Italien toppte alles. Wilde Boxkämpfe und schwere Fouls brachten den Schiri an den Rand des Wahnsinns.

„Eigentlich hätte ich die Partie abbrechen müssen, aber aus Rücksicht auf meine eigene Gesundheit habe ich es doch nicht getan.“ Ken Aston, der Schiedsrichter des vermutlich rücksichtslosesten WM-Spiels aller Zeiten, konnte noch Jahre später bei dem Gedanken an die Partie zwischen Chile und Italien bei der Weltmeisterschaft 1962 in Santiago nur sehr schlecht schlafen. Zu eindringlich und erbarmungslos waren die Eindrücke, die sich in das Gedächtnis des Schiedsrichters eingebrannt hatten. Am Ende sollten sie sogar das Regelwerk des Fußballs nachhaltig verändern.

Dabei hatte sich Chile so sehr auf diese Weltmeisterschaft gefreut. Nur zwei Jahre zuvor hatte eines der schwersten Erdbeben des 20. Jahrhunderts im Land große Verwüstungen angerichtet, doch Chile wollte diese WM unbedingt ausrichten. Als es dann am 30. Mai endlich losging, war es aber, als ob ein schwarzer Schatten über dem Turnier lag.

Maschendrahtzaun als Segen

Nie zuvor und nie wieder danach wurden nach den ersten acht Spielen bereits so viele Verletzte gemeldet. Unglaubliche 34 Akteure hatten sich in ihren Partien so schwere Blessuren zugezogen, dass sie teilweise für die nachfolgenden Spiele ausfielen. Und dann erst sollte die Partie kommen, die bis heute unter dem Namen „Schlacht von Santiago“ jedem Fußballfan bekannt ist.

Beobachter vor Ort berichteten von Szenen, die so zuvor noch nie auf einem Fußballfeld bei einer Weltmeisterschaft zu sehen gewesen waren. Das spürten auch die über 60.000 Zuschauer an diesem Tag im Estadio Nacional de Chile. Es wird heute als Segen angesehen, dass rund um das Spielfeld ein Maschendrahtzaun gezogen worden war, der die aufgebrachten Fans davon abhielt, auch noch auf das Spielfeld zu stürmen.

Denn dort hatten sich zeitweise bereits neben den 22 Akteuren und dem Schiedsrichtergespann weitere bis zu 100 andere Personen aufgehalten. Reporter, Fotografen, Polizisten und Teammitglieder stürmten immer wieder in wilden Tumulten den Rasen.

„König Fußball wird ausgezählt“

Der deutsche Berichterstatter Wilhelm Fischer sollte später in seinem Buch über diese denkwürdige Partie zwischen Chile und Italien schreiben: „In diesem Spiel wurde König Fußball ausgezählt, als sei er unversehens in einen Boxkampf geraten.“ Bereits in der siebten Minute hatte sich der Italiener Ferrini nach einem Zweikampf mit dem Chilenen Rojas an diesem körperlich vergriffen.

Danach kam es zu einem ersten großen Tumult auf dem Platz. Schiri Ken Aston musste sich erst durch das Gewühl hindurchkämpfen, bis er zu dem Übeltäter vorgestoßen war. Doch Ferrini ignorierte den Engländer und seine Anweisung das Feld nach seinem Platzverweis zu verlassen. Erst als ihn die herbeigeeilten Polizisten vom Rasen führten, konnte die Partie fortgesetzt werden.

Bis zur 40. Minute kamen beide Mannschaften schließlich in diesem bis dahin torlosen Spiel, als die Partie wieder unsanft unterbrochen wurde. Der Beobachter vor Ort, Wilhelm Fischer, schrieb in seinem Buch über das Spiel zwischen Chile und Italien so wunderbar anschaulich wie schaurig: „Sanchez stürzte und begrub den Ball unter sich, David versuchte mit mehreren Tritten dem Chilenen den Ball unter dem Körper wegzuschlagen. Nun folgt ein Duell ohne Ball. Behende erhob sich Sanchez und streckte den Italiener mit einem gezielten Boxhieb nieder.

„König Fußball lag k.o. am Boden“

Die Boxkunst des Chilenen hatte den Sportsfreund Mr. Schiedsrichter derart beeindruckt, dass er vergaß, diese einmalige unsportliche Haltung zu ahnden. Nach Tumulten, weiteren Schlägereien und Polizeiaufmärschen ging nach drei Minuten das „Spiel“ weiter. König Fußball lag k.o. am Boden und erhob sich nicht wieder.“

Neun Italiener hielten am Ende in der legendären „Schlacht von Santiago“ das 0:0-Unentschieden auch deshalb fest, weil der völlig überforderte Schiri Ken Aston das „Trauerspiel“ vorzeitig beendete und sich mit dem „Schlusspfiff aus der Schlinge zog“. Doch die Nachwirkungen dieser Partie reichten noch lange nach. Bis ins Jahr 1966, als der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein nach einer kniffligen Situation endgültig die Nase voll hatte und unmittelbar nach Spielschluss den englischen Schiedsrichterbetreuer der heimischen WM, Ken Aston (!), kontaktierte.

Der 1,62m kleine Schiri hatte nämlich kurz zuvor genau die gleiche Situation erlebt wie Aston vier Jahre vorher, als er dem 1,96 m langen Argentinier Antonio Rattin verzweifelt versucht hatte, deutlich zu machen, dass er den Platz verlassen müsse.

„Da war das Maß voll“

Doch Rattin hatte den deutschen Schneidermeister ignoriert. Erst nach acht Minuten verließ der Argentinier schließlich fluchend den Platz. Als Kreitlein nach 90 Minuten abpfiff – England hatte mit 1:0 gewonnen -, mussten ihn sieben Bobbys vor den erregten Südamerikanern beschützen. Der Schiri: „Ich hatte Rattin nach einem Foul an Bobby Moore auf Englisch verwarnt: One more and you go. Als er danach eine abfällige Geste zu mir machte, war das Maß voll.“

Die beiden geplagten Schiris Aston und Kreitlein waren schließlich einer Meinung: Es musste endlich etwas geben, das Zuschauern, Spielern und Offiziellen unmissverständlich zeigte, welche Entscheidungen der Schiedsrichter auf dem Spielfeld getroffen hatte. Etwas mit Signalwirkung.

Und wie es der Zufall so wollte, hatte der englische Betreuer am Vorabend geschlagene zwei Stunden für den Heimweg aus dem Stadion benötigt und dabei an manch roter Verkehrsampel gestanden. Kreitlein war sofort begeistert von Astons Vorschlag, Verwarnungen mit gelben und Platzverweise mit roten Karten zu ahnden. Und am Ende wurde es – nach einer über dreijährigen Umsetzungsphase – tatsächlich genauso gemacht.

Quelle: ntv.de

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