Die USA greifen wieder täglich iranische Ziele an – und Iran schlägt mit Attacken auf die Golfstaaten zurück. Die Situation ähnelt der im Frühjahr. Wie der Ausweg aus dem Konflikt aussehen könnte, ist ungewiss
Im Sender al-Jazeera aus Katar sind die Angriffe auf die Golfstaaten wieder jeden Abend das Topthema. Wie reagieren die Iraner auf die US-Luftschläge, wie sieht danach die Antwort der USA aus? Ein jordanischer Ex-General im Studio in Doha meint, man könne stündlich damit rechnen, dass die Amerikaner ihre Angriffe verstärken.
„Diese Schläge könnten von hoher Intensität sein“, sagt er. Deutlich heftiger als die der letzten Tage. US-Präsident Donald Trump könne das damit begründen, dass amerikanische Soldaten getötet wurden, so der Ex-General.
Schläge und Gegenschläge
Seit mehr als einer Woche folgt auf jeden Angriff schnell der Vergeltungsschlag. Es hatte sich fast ein Muster herausgebildet: Nach dem die iranische Marine Schiffe in der Straße von Hormus beschossen hatte, bombardierte die US-Luftwaffe in der Nacht Munitionsdepots und Raketenstellungen an der iranischen Küste.
Sobald das für die Region zuständige Militärkommando CENTCOM am frühen Morgen mitgeteilt hatte, die Angriffswelle sei vorüber, folgte die iranische Antwort in Form von Raketen und Drohnen, die auf US-Militärbasen in Bahrain und Kuwait abgeschossen wurden, ebenso wie auf einen Luftwaffenstützpunkt in Jordanien.
Doch zunehmend kommt es auch zu Angriffen, die über dieses scheinbar berechenbare Muster hinausgehen: Die USA zerstören Brücken in Iran und Iran bombardiert Meerwasserentsalzungsanlagen in Kuwait. Sogar Katar und Saudi-Arabien geraten ins Visier der Iraner.
Laut Experte droht halb-dauerhafter Krieg
Ist das schon wieder ein vollentflammter Krieg wie im Frühjahr? Zeidon al-Kinani, Direktor des Arab-Perspektives-Instituts mit Sitz in Doha, meint, von der Situation im März und April sei man noch etwas entfernt. Aber wenn es so weitergehe, drohe ein halb-dauerhafter Krieg, so al-Kinani im Gespräch mit der ARD. Konkret also Schläge und Vergeltungsschläge ohne Ende, vielleicht mit kurzen Pausen.
In Doha, so Kinani, verfalle noch niemand in Panik – weder die Bevölkerung noch die Verantwortlichen, auch wenn es Luftalarm gebe. Kurzfristig gebe es jedoch einen Wunsch in allen arabischen Golfstaaten: den Krieg zu beenden.
Militärische Eskalation als Lösung „Fehleinschätzung“
Aber welche Auswege es gibt, scheint momentan ungewiss. Politikwissenschaftler Hasni Abidi hält eine militärische Lösung nicht für erfolgversprechend. Bei Al-Jazeera sagte er: „Wenn die militärische Eskalation darauf abzielt, den Einfluss Irans auf die Straße von Hormus zu verringern, dann ist das eine Fehleinschätzung.“
Die Kontrolle über die Straße von Hormus sei für die Iraner inzwischen nicht nur Teil der eigenen Sicherheitsdoktrin, sondern auch ihr einziger Trumpf. Aktuell ist die für den internationalen Handel so wichtige Meerenge faktisch dicht. Öltanker und Containerschiffe stecken im Persischen Golf fest.
„Ökonomische Katastrophe“
Al-Kinani spricht von einer „ökonomischen Katastrophe.“ Er verweist aber auch darauf, dass die Golfstaaten aktiv nach alternativen Routen suchten, um ihr Öl- und Gas zu exportieren. Das allerdings werde nicht von heute auf morgen klappen. Und auch mittelfristig sei die Straße von Hormus nicht zu ersetzen. Daher werde in allen Golfstaaten viel darüber nachgedacht, wie die Beziehungen zu Iran künftig gestaltet werden sollten. Künftig heißt: nach dem Krieg.
Aktuell ist jedoch eine andere Sorge akuter: Wo greifen die Iraner als nächstes an und können die Drohnen und Raketen abgewehrt werden?

