Was in Ceuta im großen Stil geschah, kennt man auch an anderen EU-Außengrenzen – die Steuerung von Migration, mutmaßlich als Druckmittel. Lettland hat deshalb seine Grenze zu Belarus massiv verstärkt. Was erleben Grenzschützer dort?
Das Brummen des Jeeps von Rolands Mukans ist das einzige Geräusch, das durch den Wald dringt. Der Grenzschützer fährt Patroullie auf einem extra angelegten Schotterweg. Links von ihm ist dichter Wald. Auf der rechten Seite ein scheinbar unendlich langer, mehrere Meter hoher Zaun mit Stacheldraht und Kameras.
Plötzlich hält Mukans an, steigt aus dem Jeep aus und zeigt auf eine durchtrennte Metallstange im Zaun. An dieser Stelle hätten Migranten versucht, den Zaun zu durchschneiden: „Sie benutzen verschiedenes Werkzeug wie etwa Metallscheren. Inzwischen bauen sie sich sogar Leitern aus Ästen und Stöcken, die sie auf der belarusischen Seite im Wald finden, und klettern über den Zaun.“
Immer mehr Tunnel
Jeden Tag sind Mukans und seine Kollegen vom lettischen Grenzschutz an der Grenze zu Belarus unterwegs. Der Zaun ist inzwischen so massiv, dass nur noch wenige Migranten versuchen, ihn zu durchschneiden.
Dafür werden in letzter Zeit immer mehr Tunnel gegraben. In den ersten sieben Monates des Jahres haben die lettischen Behörden fast 9.000 versuchte Grenzübertritte registriert. Aber die Grenzschützer erwischten inzwischen fast alle, betont Mukans, die Quote liege wohl bei 95 Prozent, schätzt er.
Migration als Druckmittel
Die Migranten kommen vor allem aus Afrika oder Zentralasien. Die lettischen Behörden gehen davon aus, dass Belarus sie gezielt anlockt und über die Grenze schickt, um Europa unter Druck zu setzen.
Das sei Teil der hybriden Kriegsführung gegen den Westen, sagt Nika Aleksejeva vom NATO-Kompetenzzentrum für strategische Kommunikation:
„Es geht darum zu sagen, dass die baltischen Länder ihre Grenze nicht verteidigen können, die Lage nicht unter Kontrolle hätten, und das, obwohl viel Geld in den Ausbau der Grenzanlagen gesteckt wurde.“
Ruhe, aber auch Anspannung
Nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt liegt der kleine Ort Robeznieki. Hier leben nur ein paar hundert Menschen, zum Teil in alten Holzhäusern mitten im Grünen rund um einen See. Früher haben viele Menschen aus Belarus in diesem idyllischen Ort Urlaub gemacht.
Inzwischen steht auch hier alles im Zeichen der abgeschotteten Grenze. Immerhin, der örtliche Supermarkt freue sich über mehr Kunden dank mehr Grenzschützer, erzählt Student Zanis Ovcinko.
Er selbst spüre bei seinen Besuchen „eine gewisse innere Unsicherheit“. Und beim Stützpunkt des Grenzschutzes direkt neben dem Supermarkt sehe er „immer mehr Ausrüstung, Fahrzeuge und auch Grenzbeamte in Uniform“.
Sensible Außengrenze
Ovcinko lebt inzwischen in der Hauptstadt Riga, studiert Psychologie. Hier in der Grenzregion habe es für ihn kaum Perspektiven gegeben. Immerhin: Die staatlichen Investitionen in den Grenzschutz könnten für neues Leben in der eher wirtschaftlich schwachen Grenzregion sorgen.
Viele, die hierher kämen und beim Grenzschutz arbeiteten, stellten fest, dass ihnen das entschleunigte Leben der Region gefällt. Deshalb wollten sie bleiben und suchten sogar nach Häusern.
Für Ovcinko ist das ein kleiner Hoffnungsschimmer. Doch solange der Druck an der Grenze anhält, wird seine idyllische Heimat wohl vor allem eines bleiben: eine der sensibelsten Außengrenzen Europas.

