Die schlechte Nachricht zuerst: Die Welt wird die Marke von 1,5 Grad Erwärmung voraussichtlich in den nächsten Jahren überschreiten. Darauf stellt sich das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in seinem neuen Bericht „Limiting Overshoot“ ausdrücklich ein. Es ist nicht mehr die Frage, ob, sondern wie weit und wie lange.
Das bedeutet mehr extreme Hitze, steigende Meeresspiegel, mehr Druck auf Wasser, Landwirtschaft und Natur. Manche Schäden werden sich später nicht mehr rückgängig machen lassen, auch wenn die Temperatur irgendwann wieder sinkt.
Die zweite Nachricht ist genauso wichtig: Es ist nicht egal, was jetzt passiert. Ob die Erwärmung bei 1,7 Grad, bei 1,8 Grad oder deutlich über 2 Grad landet, macht einen gewaltigen Unterschied. Das Ziel gibt die UN nicht auf – es soll nur künftig von oben erreicht werden. Ab jetzt geht es um jedes Zehntelgrad.
Kurz gesagt
Das Wichtigste in vier Punkten
- Die 1,5-Grad-Marke wird in den nächsten Jahren überschritten. Die menschengemachte Erwärmung liegt bei fast 1,4 Grad und steigt um 0,25 Grad pro Jahrzehnt. Das CO₂-Budget für eine fünfzigprozentige Chance auf 1,5 Grad ist im heutigen Tempo in etwa drei Jahren aufgebraucht.
- Wie hoch es geht, ist offen. Heutige Politik führt zu rund 2,6 Grad bis 2100. Werden alle Zusagen erfüllt, liegt der Höchststand bei rund 1,8 Grad. Dazwischen liegt fast ein Grad – und den entscheiden die nächsten Jahre.
- Manches kommt nicht zurück. Hitzesommer mit vielen Toten werden ohne Anpassung zur Regel, Arten sterben aus, der Meeresspiegel steigt über Jahrhunderte weiter, manche Orte werden unversicherbar oder unbewohnbar – auch wenn die Temperatur später wieder sinkt.
- Das Ziel bleibt. Die UN geben 1,5 Grad nicht auf, sondern wollen die Marke von oben wieder erreichen. Der Rückweg ist möglich, aber langsam: Selbst unter optimistischen Annahmen könnten zehn Jahre heutiger Erwärmung rund 50 Jahre brauchen, um wieder ausgeglichen zu werden.
Was „Overshoot“ heißt
Der Bericht verwendet dafür ein Wort, das man kennen sollte: Overshoot. Es heißt schlicht: Die Temperatur steigt zunächst über 1,5 Grad, erreicht einen Höchststand und soll später wieder sinken. Der Bericht beschreibt also keinen Automatismus, sondern einen Plan – hinauf so wenig wie möglich, und dann wieder hinunter.
Hinauf, Höchststand, wieder hinunter
So sieht der Pfad aus, den der Bericht beschreibt – und so der Pfad, auf dem die Welt derzeit ist.
Ein Detail, das in Diskussionen oft durcheinandergeht: Einzelne Jahre über 1,5 Grad gab es bereits. Für das Klimaziel zählt aber nicht ein heißes Jahr, sondern der langfristige Trend. Und der dürfte laut UNEP in den kommenden Jahren die Marke überschreiten.
Wie nah wir dran sind
Die vom Menschen verursachte Erwärmung liegt bei fast 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau und steigt um rund 0,25 Grad pro Jahrzehnt. Um mit fünfzigprozentiger Chance unter 1,5 Grad zu bleiben, dürfte die Welt ab 2026 nur noch rund 130 Milliarden Tonnen CO₂ ausstoßen. Allein Energie und Industrie verursachten 2024 rund 40 Milliarden Tonnen. Bei diesem Tempo, rechnet UNEP vor, ist dieses Budget in ungefähr drei Jahren aufgebraucht.
Je länger auf hohem Niveau weiter CO₂ ausgestoßen wird, desto höher steigt die Temperatur. UNEP rechnet grob: Fünf weitere Jahre mit ähnlich hohen Emissionen heben den späteren Temperaturgipfel um etwa 0,1 Grad. Die zehn Jahre seit dem Pariser Abkommen haben das niedrigste heute noch erreichbare Niveau bereits um rund 0,2 Grad angehoben. Das klingt nach wenig. Im Klimasystem ist es viel, weil Schäden nicht gleichmäßig mit der Temperatur wachsen, sondern in manchen Bereichen sprunghaft.
Wie hoch es geht, entscheidet sich jetzt
Mit der heutigen Politik steuert die Welt auf rund 2,6 Grad Erwärmung bis 2100 zu. Werden alle zugesagten Klimaziele tatsächlich umgesetzt, könnte der Höchststand bei etwa 1,8 Grad liegen. Der Unterschied zeigt, warum die nächsten Jahre entscheidend sind.
Wo die Erwärmung landet, je nachdem, was Staaten tun
Zentrale Schätzungen laut UNEP-Bericht, Bandbreiten in Klammern. Je nach Szenario als Wert für 2100 oder als Höchststand angegeben.
Heutige Politik
2,6 °C
Bandbreite 1,9 bis 3,6 °C, bis 2100
Nur die derzeit umgesetzten Maßnahmen. Emissionen bleiben bis 2030 in etwa stabil.
Alle Zusagen erfüllt
1,8 °C
Bandbreite 1,7 bis 2,2 °C, Höchststand
Alle nationalen Klimapläne plus alle langfristigen Netto-Null-Ziele werden vollständig umgesetzt.
Strengste Pfade ab 2025
~1,7 °C
Rund 0,2 °C über 1,5, Höchststand
Die schärfsten Klimaschutzpfade, die ab 2025 noch möglich sind.

In allen drei Fällen wird 1,5 Grad innerhalb des nächsten Jahrzehnts überschritten. Die Zahlen sind Modellrechnungen, keine Messwerte.
Zwischen erster und dritter Spalte liegt fast ein ganzes Grad. Die Physik ist in allen drei dieselbe – der Unterschied sind die Emissionen.
Einen möglichst kleinen Overshoot mit anschließender Abkühlung nennt der Bericht nicht den Wunschpfad, sondern die beste noch verfügbare Option. UNEP formuliert das ohne Beschönigung: kein akzeptabler und kein bevorzugter Weg, sondern schlicht der beste, der übrig ist.
Was das konkret heißt
Das meiste davon ist keine Zukunft, sondern schon da. Zwischen Mai 2024 und Mai 2025 erlebte laut Bericht rund die Hälfte der Weltbevölkerung mindestens 30 Tage extremer Hitze. Die hitzebedingten Todesfälle während einer europäischen Hitzewelle im Sommer 2025 hatten sich nach einer im Bericht zitierten Schätzung verdreifacht, und dieser Anstieg wird der Erwärmung zugeschrieben. Hitzesommer, die um das Jahr 2000 einmal pro Jahrhundert zu erwarten waren, kommen heute alle zehn bis zwanzig Jahre. Bei 1,5 bis 2 Grad werden sie ohne Anpassung zur Regel.
Hitzewellen werden häufiger und dauern länger – auf einem 3-Grad-Pfad laut Bericht um 28 Prozent länger und um 25 Prozent häufiger als auf einem 1,5-Grad-Pfad. Menschen, die draußen arbeiten, ältere Menschen und Kranke leiden besonders. Krankheitsüberträger wandern nach Norden, auch nach Europa. Ernteausfälle und steigende Preise können laut Bericht mehr Menschen krank machen als die Hitze selbst. Ohne Anpassung könnte die weltweite Nahrungsmittelproduktion laut den zitierten Projektionen bis 2050 um bis zu 14 Prozent zurückgehen. Küstenregionen müssen sich stärker gegen steigendes Wasser schützen; bis Mitte des Jahrhunderts werden tief liegende Küstenstädte und Inseln rund eine Milliarde Menschen beherbergen. Und in den reichen Ländern kommt das Ganze anders verpackt an: höherer Energiebedarf fürs Kühlen, steigende Kosten, Versicherungen, die in gefährdeten Gebieten teurer werden oder sich zurückziehen.
Was nicht zurückkommt
Ein Overshoot funktioniert nicht wie ein Thermostat, bei dem nach der Abkühlung alles wieder so ist wie vorher. Ausgestorbene Arten kehren nicht zurück. Ökosysteme, die einmal gekippt sind, erholen sich nicht. Meeresspiegel und Eisverlust laufen über Jahrhunderte weiter, auch wenn es wieder kühler wird. Gletscher könnten bis 2100 mehr als ein Viertel ihrer Masse verlieren und allein dadurch 9 bis 12,5 Zentimeter zum Meeresspiegelanstieg beitragen. Manche Orte könnten laut Bericht unversicherbar oder sogar unbewohnbar werden; für kleine Inselstaaten und Küstenstädte steht die teilweise oder vollständige Überflutung im Raum.
Dazu kommen die Kipppunkte – Schwellen, hinter denen sich Teile des Erdsystems abrupt oder dauerhaft verändern: die Eisschilde in Grönland und der Westantarktis, der Amazonas-Regenwald, die atlantische Umwälzströmung. Wo genau diese Schwellen liegen, ist unsicher. Sicher ist laut UNEP, dass anhaltende Erwärmung über 1,5 Grad das Risiko erhöht, eine oder mehrere davon auszulösen. Der Bericht warnt trotzdem vor Fatalismus: Dass manche Schäden bleiben, heißt nicht, dass ihr Ausmaß feststeht. Wie viel verloren geht, hängt davon ab, wie hoch der Gipfel wird und wie lang die Phase darüber dauert.
Wieder runter geht – aber viel langsamer als hinauf
Kann die Temperatur später wieder sinken? Grundsätzlich ja. Nur reicht es dafür nicht, irgendwann kein zusätzliches CO₂ mehr auszustoßen. Danach müsste sogar mehr CO₂ aus der Luft entfernt werden, als noch ausgestoßen wird – und das über Jahrzehnte. Genau das ist technisch schwierig, und die Mengen sind enorm.
Rauf schnell, runter langsam
Die Asymmetrie, die der Bericht selbst vorrechnet.
Erwärmung heute
0,25 °C
pro Jahrzehnt, beobachtet
Abkühlung möglich
0,05 °C
pro Jahrzehnt, bei 10 Milliarden Tonnen CO₂-Entnahme im Jahr
Selbst unter optimistischen Annahmen könnten zehn Jahre Erwärmung im heutigen Tempo rund 50 Jahre brauchen, um wieder ausgeglichen zu werden.
Dafür gibt es Verfahren – vom Aufforsten bis zu Anlagen, die CO₂ direkt aus der Luft filtern und im Boden speichern. UNEP setzt hier klare Grenzen: Sie kommen zusätzlich zur Senkung der Emissionen, nicht anstelle davon. Und Wälder allein richten es nicht: Bei der heutigen Größenordnung würde es mehr als hundert Jahre dauern, die Erwärmung um 0,1 Grad zu senken – selbst ohne jede weitere Emission. Selbst bei optimistischem Ausbau liefert die CO₂-Entnahme in diesem Jahrhundert voraussichtlich nicht mehr als einige Zehntelgrade Abkühlung. Ab einem Höchststand von ungefähr 1,8 Grad wird der Rückweg unter 1,5 Grad laut Bericht zunehmend schwierig. Der große Hebel bleibt die Reduktion der Emissionen, und zwar jetzt.
Anpassen, nicht nur vermeiden
Der Bericht macht noch eine zweite Ansage: Klimaschutz und Anpassung müssen gleichzeitig passieren. Auch die beste Emissionssenkung schützt nicht vor den Folgen, die schon unterwegs sind – 1,5 Grad gilt laut Bericht für die meisten Länder, Ökosysteme und Sektoren nicht als sicher. Und es geht nicht um einen Deich mehr und eine Klimaanlage mehr, sondern um Städte, Wasserversorgung und Infrastruktur, die für ein Klima gebaut werden müssen, das sich zuerst verschärft und später womöglich wieder verändert. Was heute gebaut wird, steht Jahrzehnte. Anpassung wird damit zu einer Daueraufgabe mit beweglichen Zielen.
Kein Abschied vom Ziel
Der Bericht ist ein Einschnitt, aber keine Kapitulation. Dass sich die Erwärmung zuverlässig unter 1,5 Grad halten lässt, passt nach heutigem Stand nicht mehr zur Entwicklung der Emissionen. Das Ziel selbst bleibt – der Internationale Gerichtshof bezeichnete 1,5 Grad 2025 als das vereinbarte primäre Temperaturziel der Vertragsparteien des Pariser Abkommens, und eine Resolution der UN-Generalversammlung von 2026 stützt dieses Ziel. Was sich ändert, ist der Weg: die Überschreitung klein halten, den Gipfel begrenzen, langfristig zurückkehren.
Was sich daraus nicht ableiten lässt, ist, dass weiterer Klimaschutz sinnlos wäre. Der Bericht sagt das Gegenteil. Vielleicht ist das die härteste Aussage des ganzen Dokuments: Ein Teil der früheren Möglichkeiten ist verloren. Über den Rest wird jetzt entschieden.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, wenn jemand sagt: „1,5 Grad ist vorbei“
- Ein Jahr oder ein Jahrzehnt?Einzelne Jahre über 1,5 Grad gab es bereits. Für das Pariser Ziel zählt der langfristige Erwärmungstrend – und der dürfte laut UNEP in den kommenden Jahren die Marke überschreiten.
- Vorbei oder von oben?UNEP gibt das Ziel nicht auf, sondern steuert es künftig von oben an. „Überschritten“ heißt nicht „aufgegeben“.
- Prognose oder Festlegung?2,6 Grad ist die Projektion für heutige Politik, nicht das Schicksal. Zwischen den Szenarien liegt fast ein Grad.
