Du hast gerade einen Beitrag gesehen, in dem ein russischer Soldat schildert, wie er in Gostomel Hunderte Kinder gefunden habe – ausgemergelt, an Schläuchen, denen für einen weltweiten „Adrenochrom-Handel“ Blut entzogen worden sei. Dazu drei Fotos, die man nicht so schnell wieder loswird.
Die kurze Antwort: Diese Geschichte ist erfunden. Sie ist nicht neu. Und die drei Fotos zeigen Kinder aus Vietnam, dem Jemen und Syrien, aufgenommen zwischen 2013 und 2017.
Die lange Antwort steht darunter. Aber wenn du nur wissen wolltest, ob das stimmt: Nein. Du kannst jetzt aufhören zu lesen und den Rest des Tages weitermachen.
Das Wichtigste in 20 Sekunden
- Die drei Fotos sind echt – aber sie zeigen etwas anderes. Vietnam 2013, Jemen 2016, Syrien 2017. Alle drei entstanden Jahre vor dem russischen Angriff auf die Ukraine.
- Der „Augenzeugenbericht“ ist mindestens zwei Jahre alt. 2024 fand derselbe namenlose Soldat dieselben Kinder – nur damals in Donezk statt in Gostomel.
- Eine russische „Adrenochrome Task Force“ existiert nicht. Kein Beleg bei russischen Stellen, keiner in seriöser Berichterstattung.
- Adrenochrom gibt es wirklich – es wird im Labor hergestellt. Es entsteht durch Oxidation von Adrenalin und ist als Forschungschemikalie käuflich. Kinder braucht dafür niemand.
- Die Geschichte wurde bereits mehrfach widerlegt – von PolitiFact, Lead Stories, TechARP und Reuters.
Zuerst die Bilder, denn die sind der Grund, warum du hier bist
Diese Fotos sind keine KI-Bilder. Das ist wichtig, weil es die Sache schlimmer macht, nicht besser: Die Kinder darauf haben tatsächlich Furchtbares erlebt. Nur eben nicht das, was im Beitrag steht.
Das Mädchen mit den verletzten Augen: Vietnam, 2013
Die vietnamesische Zeitung Dân trí veröffentlichte den Fall am 30. August 2013. Ein damals fünfjähriges Mädchen war laut Bericht von seinem Vater schwer misshandelt worden. Behörden und Polizei brachten es in Sicherheit, im Krankenhaus wurden unter anderem massive Blutergüsse rund um beide Augen dokumentiert.
Auf der Seite von 2013 findet sich exakt jenes Foto, das heute im Adrenochrom-Beitrag verwendet wird.
Aufgenommen neun Jahre vor der russischen Vollinvasion der Ukraine.
(Wir nennen den Namen des Mädchens bewusst nicht. Sie ist Opfer einer Straftat und wurde ohne ihr Zutun zum meistgeteilten Bildmaterial einer erfundenen Geschichte.)
Das Baby auf der Waage: Ost-Ghouta, Syrien, 2017
The Guardian veröffentlichte dieses Bild am 23. Oktober 2017. Ein syrisches Kleinkind wird bei einer medizinischen Untersuchung in Ost-Ghouta gewogen, einer Region, die damals unter Blockade stand. Als Urheber sind Anadolu Agency/Getty Images angegeben.
Der Getty-Wasserzeichen-Schriftzug ist auf der geteilten Version übrigens noch sichtbar. Wer eine Aufnahme aus einer geheimen russischen Militäroperation vorlegt, auf der das Wasserzeichen einer internationalen Bildagentur klebt, hat ein Erklärungsproblem.
Der Bub auf dem Bett: Sanaa, Jemen, 2016
Diese Reuters-Aufnahme zeigt laut Bildunterschrift einen unterernährten Buben am 30. Oktober 2016 in einem Behandlungszentrum für Unterernährung in Sanaa. VOA übernahm den Bericht im Dezember 2016.
UNICEF meldete damals, dass rund 2,2 Millionen Kinder im Jemen dringend medizinische Versorgung benötigten, Hunderttausende davon mit schwerer akuter Unterernährung.
Drei Bilder, drei Länder, drei echte Katastrophen – und keine davon in der Ukraine.
Und der Text? Der ist Recycling
Jetzt wird es fast schon absurd.
Am 12. August 2024 veröffentlichte die Website The People’s Voice einen Artikel mit dem Titel „Adrenochrome Whistleblower: Zelensky and Other Leaders Are Addicted to Children’s Blood“. Darin steht praktisch derselbe Bericht: russische Soldaten, Kinder an Infusionen, abgezapftes Blut, Putins angebliche Sondereinheit.
Auch die dramatischen Details sind identisch – die grauen, feuchten Wände, der Geruch, die Kinder „wie Geister“, die Reihen von Metallbetten, die Säuglinge, die angeblich eigens „gezüchtet“ worden seien.
Nur ein Wort ist anders. 2024 sagte der Soldat: „…what we found in Donetsk.“
Zwei Jahre später erinnert er sich wortgleich an Gostomel.
Menschen erinnern sich nicht so. Textbausteine schon.
Die Geschichte reist schon länger
- Dezember 2022: Reuters prüft die Behauptung, russische Soldaten hätten Tausende Kinder aus unterirdischen Anlagen unter einem angeblichen Biden-Anwesen in der Ukraine befreit. Weder Anwesen noch Aktion existieren.
- Januar 2023: Real Raw News verlegt eine „Adrenochrom-Farm“ nach Schostka. PolitiFact bewertet das mit der schärfsten Kategorie, „Pants on Fire“, und weist darauf hin, dass die Seite selbst einen Hinweis auf „humor, parody and satire“ führte. Lead Stories widerlegt kurz darauf eine weitere Variante mit einem angeblich abgefangenen Kühltransporter.
- August 2024: Donezk. TechARP prüft die Behauptung einen Tag nach Erscheinen. Ergebnis: falsch.
- August 2026: Gostomel.
Der Ort wandert. Die Kinder bleiben. Das ist kein Zufall, sondern ein Geschäftsmodell.
Wer hat das in die Welt gesetzt?
The People’s Voice hieß früher NewsPunch. Die Nachrichtenagentur AP beschreibt die Seite als Quelle zahlreicher Geschichten, die auf Verschwörungserzählungen und erfundenen Informationen beruhen.
Im Ursprungsartikel fehlt alles, was man prüfen könnte: kein Name des Soldaten, keine Einheit, kein Datum, keine Dokumente, kein medizinischer Bericht, keine Ermittlungsakte.
Auch der angebliche FSB-Auftrag lässt sich nirgends nachweisen. Wir haben auf Seiten des Kremls, des FSB sowie des russischen Verteidigungs- und Außenministeriums gesucht. Der einzige Treffer zu „Adrenochrom“ auf einer offiziellen russischen Militärdomain war ein medizinisch-wissenschaftlicher Fachtext aus dem Jahr 2016 – ohne jeden Bezug zu dieser Erzählung.
Wenn eine Geschichte behauptet, Putin persönlich habe eine weltweite Geheimdienstoperation gestartet, und der russische Staat selbst kein einziges Wort darüber verliert, obwohl es der größte denkbare Propagandaerfolg wäre – dann ist das kein Hinweis auf Geheimhaltung.
Was ist Adrenochrom wirklich?
Der kleine wahre Kern, den solche Erzählungen brauchen: Adrenochrom existiert.
Die NIH-Datenbank PubChem beschreibt es als Verbindung, die durch Oxidation von Epinephrin – also Adrenalin – entsteht. Sigma-Aldrich verkauft synthetisch hergestelltes Adrenochrom als Forschungschemikalie mit mindestens 95 Prozent Reinheit. Das Office for Science and Society der McGill University hält ausdrücklich fest: Der Stoff lässt sich synthetisieren, für eine „Gewinnung aus Kindern“ gibt es keinerlei Grundlage.
Eine Industrie, die dafür Kinder bräuchte, ergibt also schon chemisch keinen Sinn. Man würde ja auch kein Kochsalz aus Tränen gewinnen.
Auch die Formulierung im viralen Text, man habe den Kindern „adrenal fluid“ – sinngemäß Nebennierenflüssigkeit – entzogen, ist medizinisch frei erfunden. Die Nebennieren geben Hormone in den Blutkreislauf ab. Eine abzapfbare Spezialflüssigkeit kennt der menschliche Körper nicht.
Warum ausgerechnet Kinderblut?
Die moderne Adrenochrom-Erzählung wurde im Umfeld von QAnon populär: Eine geheime Elite quäle Kinder, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsmittel zu gewinnen. Reuters hat dieses Motiv mehrfach als erfunden eingeordnet.
Neu ist daran nichts. Die Struktur – eine verborgene Gruppe entführt Kinder und verwendet ihr Blut – ist die jahrhundertealte Ritualmord-Legende, mit der vor allem jüdische Gemeinden verfolgt wurden. Ausgetauscht wurden nur die Requisiten: aus dem Ritual wurde ein Labor, aus dem Aberglauben eine Pseudo-Chemikalie.
Warum dich das so getroffen hat
Wichtig: Dass dich dieser Beitrag erschüttert hat, ist kein Zeichen von Leichtgläubigkeit. Es ist genau die Reaktion, für die er gebaut wurde.
So funktioniert die Masche:
- Echtes Leid einsammeln. Bilder, die nachweislich echt sind und sofort treffen.
- Kontext löschen. Ort, Datum, Urheber verschwinden. Übrig bleibt das Gefühl.
- Neue Erzählung darüberlegen. Die Bilder beglaubigen jetzt eine Behauptung, mit der sie nie zu tun hatten.
- Überprüfung unmöglich machen. Kein Name, keine Einheit, kein Dokument – dafür viel Atmosphäre.
- Nachfragen moralisch aufladen. „MACH DICH BEREIT – WAS NUN FOLGT, WIRD DICH SCHOCKIEREN“ ist kein journalistischer Hinweis, sondern eine Anweisung zum Teilen. Und wer skeptisch nachfragt, steht plötzlich da, als würde er Kindesmissbrauch verharmlosen.
Punkt fünf ist der eigentliche Trick. Er schaltet das Nachdenken ab, bevor es anspringt.
Ein Detail verrät die Mechanik besonders deutlich: Bei dem uns vorliegenden Facebook-Beitrag stehen rund 426 Reaktionen etwa 2.364 Weiterleitungen gegenüber. Der Beitrag wird also weit häufiger weitergegeben als überhaupt kommentiert oder mit einem Klick versehen. Das ist kein Inhalt, den Menschen mögen. Das ist einer, den sie im Schock weiterreichen – oft, ohne ihn zu Ende gelesen zu haben.

Ich habe das geteilt. Was jetzt?
Erstens: kein Drama. Wer so etwas teilt, tut das in aller Regel aus dem ehrlichsten Motiv, das es gibt – der Sorge um Kinder. Genau darauf zielt die Masche.
Zweitens, konkret:
- Beitrag löschen, nicht nur kommentieren. Ein Richtigstellungs-Kommentar unter einem Beitrag mit reichweitenstarken Bildern hält die Bilder im Umlauf.
- Kurz Bescheid geben, warum. Ein Satz genügt: „Ich hab das geteilt, es stimmt nicht, die Bilder stammen aus Vietnam, Syrien und dem Jemen.“
- Melden, wenn du den Ursprungsbeitrag noch findest.
- Beim nächsten Mal: Bei extremen Behauptungen kurz innehalten und schauen, ob ein Name, ein Datum, ein Dokument dabei ist. Fehlt alles davon, ist das die Antwort.
Kein Mensch muss sich schämen, weil er auf etwas hereingefallen ist, das professionell dafür gebaut wurde. Peinlich ist es für die, die es gebaut haben.
Zum Weiterschicken
Falls dich jemand fragt oder du unter dem Beitrag antworten willst – hier eine Kurzfassung zum Kopieren:
Diese Geschichte ist erfunden. Die drei Fotos zeigen ein misshandeltes Mädchen in Vietnam (2013), ein unterernährtes Kind in Ost-Ghouta/Syrien (2017, Anadolu/Getty) und einen unterernährten Buben in Sanaa/Jemen (2016, Reuters). Der angebliche Soldatenbericht kursiert seit August 2024 – damals fand derselbe „Zeuge“ die Kinder noch in Donezk statt in Gostomel. Eine russische „Adrenochrome Task Force“ existiert nicht. Adrenochrom ist eine reale Chemikalie, die im Labor aus Adrenalin hergestellt wird. Faktencheck: mimikama.org
Fazit
Die Geschichte über angebliche „Adrenochrom-Farmen“ in Gostomel hält keiner Überprüfung stand.
Der Augenzeugenbericht ist seit mindestens August 2024 dokumentiert, damals mit Donezk als Fundort. Ältere Fassungen nannten Schostka. PolitiFact, Lead Stories, TechARP und Reuters haben Varianten davon längst widerlegt.
Die Fotos beweisen nichts. Sie zeigen reale Kinder in Vietnam, Syrien und im Jemen zwischen 2013 und 2017.
Für Putins angebliche „Adrenochrome Task Force“, für Kinderfarmen in Gostomel oder für einen weltweiten Handel mit Adrenochrom aus Kinderblut gibt es keine belastbaren Belege.
Bewertung: Falsch.
Und der Schaden ist real – nur ein anderer als behauptet. Ein misshandeltes Mädchen aus Vietnam, ein hungerndes Kind aus Syrien und ein unterernährter Bub aus dem Jemen werden zu Statisten in einer Erfindung gemacht. Ihre echten Geschichten – Krieg, Blockade, Hungerkrise, Gewalt in der Familie – verschwinden dabei komplett.
Wer diese Bilder so verwendet, hilft keinem einzigen Kind. Er verwertet sie.
FAQ
Wurden in Gostomel Hunderte Kinder aus einer Adrenochrom-Farm befreit?
Nein. Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Der angebliche Augenzeugenbericht ist zudem seit 2024 bekannt – damals mit Donezk als Schauplatz.
Sind die Fotos KI-generiert?
Nein, und das ist der perfide Teil. Es sind echte Pressefotos aus echten humanitären Krisen. Nur eben aus anderen Ländern und anderen Jahren.
Zeigen die Fotos Kinder aus der Ukraine?
Nein. Vietnam 2013, Ost-Ghouta/Syrien 2017, Sanaa/Jemen 2016.
Gibt es eine von Putin eingesetzte „Adrenochrome Task Force“?
Nein, dafür existiert kein überprüfbarer Nachweis – weder bei russischen Stellen noch in seriöser internationaler Berichterstattung.
Ist Adrenochrom erfunden?
Nein. Es ist eine reale chemische Verbindung, die durch Oxidation von Adrenalin entsteht.
Muss Adrenochrom aus Menschen gewonnen werden?
Nein. Es lässt sich synthetisch herstellen und wird als Forschungschemikalie verkauft. Die Behauptung, dafür brauche es gequälte Kinder, hat keine wissenschaftliche Grundlage.
Wurde die Behauptung schon früher faktengecheckt?
Ja, mehrfach. TechARP im August 2024, PolitiFact und Lead Stories 2023, Reuters bereits 2022 zu einer verwandten Variante.
Ist der zitierte russische Soldat bekannt?
Nein. Es gibt weder einen Namen noch eine Einheit noch Dokumente, anhand derer sich seine Existenz oder seine Aussagen prüfen ließen.
Ist die Gostomel-Version separat überprüft worden?
Bei unserer Recherche mit Stand 9. August 2026 fanden wir keinen eigenständigen Faktencheck zu genau dieser Fassung. Die fast identische Vorgängerversion mit Donezk wurde jedoch bereits 2024 geprüft.
Ich habe den Beitrag geteilt. Was soll ich tun?
Am besten löschen und kurz erklären, warum. Siehe Abschnitt oben.
PolitiFact
23. Februar 2023
PolitiFact
25. Januar 2023
The Guardian
23. Oktober 2017
Voice of America
31. Oktober 2016
Dân trí
30. August 2013
American Chemical Society
PubChem / U.S. National Library of Medicine / NIH
PubChem / U.S. National Library of Medicine / NIH
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
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