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Politik

Forscher suchen Erfolgsrezept für guten ESC-Song

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 16, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 16.05.2026 • 10:18 Uhr

Wann hat ein Song beim Eurovision Song Contest Erfolg? Eine Frage, die gerade vor dem Finale heute Abend aktueller denn je ist. Einem Forschungsteam zufolge hat Siegchancen, wer geschickt die Normen bricht

Gibt es ein Erfolgsrezept für einen guten ESC-Song? Und wenn ja, was lernen die teilnehmenden Nationen voneinander? Das interessiert auch den Physiker und Soziologen Dirk Helbing. „Es ist fast unvermeidlich, beim ESC-Finale dabei zu sein“, sagt der Wissenschaftler von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Sein Forschungsteam im Bereich der Computational Social Science hat den Wettbewerb unter die Lupe genommen.

Dirk Helbing ist Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich

Zum dritten Mal findet der Eurovision Song Contest dieses Jahr in Wien statt. Seit 1956 hat er sich vom bescheidenen Chanson-Wettbewerb zu einem Pop-Phänomen mit Kultstatus entwickelt, weit über die Grenzen Europas hinaus. Kaum ein musikalisches Kulturereignis ist so gut dokumentiert wie der ESC. Songs und Songtexte, Abstimmungsdaten und -verfahren, Regeln und Regeländerungen – alles ist frei verfügbar.

Songs aus 70 ESC-Jahren untersucht

In seiner Studie konnte das Team von Dirk Helbing deshalb Teilnehmerländer, Rankings, Abstimmungsverfahren und Daten zu den Songs aus 70 Jahren ESC-Geschichte untersuchen. Kombiniert wurden die Datensätze zu den fast 1.800 Liedern mit mehr als 35 Merkmalen, darunter beispielsweise Tanzbarkeit, Sprache, Genre, Emotionalität und Thema.

Viel habe sich in dieser Zeit verändert, sagt Dirk Helbing. „Früher stand das Thema ‚Nostalgie‘ sehr viel stärker im Mittelpunkt.“ Inzwischen jedoch seien Themen wie Weltschmerz, Liebe und Rebellion wichtiger, was auch mit weltpolitischen Entwicklungen zusammenhänge. „Darauf reagiert die Kultur. Stichwort: der Zeitgeist“, beschreibt Helbing das Phänomen.

Beim ESC-Sieg von Nicole 1982 waren viele zu Tränen gerührt. Doch Nostalgie hat beim ESC weitgehend ausgedient.

Entscheidend: Der Mut, Normen zu brechen

Die Analyse der Songdaten zeige drei Merkmale, die sich im Verlauf der letzten Jahre zu Trends entwickelt haben: Wer gewinnen will, singt auf Englisch und performt einen Popsong, der gut tanzbar ist. Dies sei mittlerweile Standard, aber nicht automatisch der Weg zum Erfolg.

„Zum Gewinnen reicht das noch lange nicht“, erläutert Helbing. „Was es zusätzlich braucht, ist der Mut, Normen zu brechen, und zwar so gekonnt, dass man einen neuen Standard setzt, dem andere in den kommenden Jahren nacheifern wollen.“

Auf der Suche nach dem Erfolgsrezept wird klar: Die eine Geheimzutat gibt es nicht. Das führt laut Helbing, sportlich gesprochen, dazu, dass zwar alle voneinander zu lernen versuchen und so schnell laufen, wie sie können, aber im Vergleich mit der Konkurrenz doch wieder nur auf der Stelle treten.

Intelligenter Normenbruch: Conchita Wurst gewann den ESC 2014 und stand 2025 auch in Basel auf der Bühne.

Nur das ganz Besondere gewinnt

In der Forschung wird diese Dynamik als „Red-Queen-Effekt“ bezeichnet, bekannt aus dem Kinderbuch „Alice im Wunderland“. Wer gewinnen möchte, muss sich schon etwas ganz Besonderes ausdenken. So bleibt der Eurovision Song Contest spannend.

Das Forschungsteam habe außerdem drei Entwicklungsphasen des Wettbewerbs identifizieren können. Denn nicht nur die Nationen und Musikgruppen würden voneinander lernen, auch der Eurovision Song Contest als Institution lerne dazu.

Bis in die 1970er-Jahre ging es demnach vor allem um die kulturelle Darstellung, weniger um den Sieg. Das machte den Wettbewerb in der Entstehungsphase bunt und vielfältig. Danach begannen sich Regeln, aber auch Erfolgsmodelle zu etablieren.

ESC versucht Routinen zu durchbrechen

In seiner Konsolidierungsphase sei der Wettbewerb deshalb immer berechenbarer geworden. „Die Musikgruppen haben zu gut voneinander gelernt“, sagt Helbing darüber. „Die Musik wurde homogener. Eine gewisse Langeweile schlich sich ein und die wollte man durchbrechen.“

Ab 2004 reagierten die Organisatoren mit Expansion, wie Helbing erklärt. Neue, auch nicht-europäische, Länder wurden in den Wettbewerb aufgenommen. Das Abstimmungssystem wurde mehrfach verändert und neue Regeln, wie zum Beispiel die Halbfinale, eingeführt.

„Der ESC ist eine Art Demokratielabor geworden“, erklärt Helbing. Für die Forschung mache ihn das interessant. Sobald sich bestimmte Strategien etablierten, würden diese aufgebrochen und der Wettbewerb angepasst. Damit blieben die Ergebnisse unvorhersehbar.

ESC-Voting als großes Demokratie-Experiment: Wer gewinnt die Fans aus welchen Gründen für sich?

Keine für immer gültige Erfolgsformel

„Das ist heutzutage auch wichtig, weil der ESC zum Businessmodell geworden ist“, so der Wissenschaftler. „Viele Menschen wetten auf den Ausgang des Wettbewerbs.“ Wichtig sei deshalb auch die Frage, ob man den Eurovision Song Contest manipulieren oder sogar den Ausgang bestimmen könne. Eine Antwort darauf erfordere allerdings weitere Forschungsarbeit.

Einiges verraten die Studienergebnisse auch über die popkulturelle Welt des ESC hinaus. Innovation sei auch in der Wirtschaft wichtig, so Helbing. Ohne Innovation laufe nichts. „Der Traum, dass man eine Erfolgsformel erfinden oder entdecken könnte, die immer sicher wirkt, ist ein Schuss in den Ofen.“

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