Der erste Sieg und doch keine Ruhe: Jürgen Klopp muss nach dem 2:0-Erfolg seiner Fußball-Nationalmannschaft gegen Serbien einer heiklen Debatte ausweichen – nämlich der Frage nach Joshua Kimmich.
Eigentlich wollte Jürgen Klopp gar nicht darüber reden. Und dann gab es sogar zweierlei Anlässe: Einerseits ging es nach dem 2:0-Erfolg seiner deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Serbien um einen Spieler, der gar nicht auf dem Feld stand. Andererseits befand sich dieser Spieler dann auch noch im Stadion – und schaute von der Tribüne zu. Zwei Plätze neben Schlägersänger Heino. Statt im Urlaub zu sein.
Es geht freilich um Joshua Kimmich, dem der Bundestrainer nach den ersten beiden Spielen der XXL-Länderspielpause scherzhaft den Familienurlaub verordnet hatte. Der DFB-Kapitän war nur Teil des ersten Kaders und musste damit wie alle anderen Kollegen schon am vergangenen Sonntag aus dem Quartier in Herzogenaurach abreisen.
Für Aufsehen sorgte indes nicht Kimmichs Präsenz, die war ehrlich gesagt nicht überraschend. Vielmehr war es ein Interview, das der Bundestrainer vor dem Serbienspiel dem „Bayerischen Rundfunk“ gegeben hatte. Klopp erzählte, dass der DFB-Kapitän mehrfach gefragt habe, doch bei seinen Kollegen zu bleiben. „Je öfter man fragt, desto weniger wahrscheinlich bekommt man das, was man will“, meinte Klopp eher scherzhaft. Doch gleichzeitig produzierte er das Bild eines bettelnden Kapitäns.
Obacht, Kimmich-Debatte
Einen Tag später fiel Klopp dann auf, dass man in der Kimmich-Debatte besser nicht flapsig auftritt. Schließlich liegt hier ganz viel Sprengkraft versteckt. Und so sah er sich nach dem Spiel, das ihn „sehr, sehr happy“ gemacht hat, gezwungen, gleich an zwei Debattenfronten arbeiten. Zum einen musste er den positiven Vibe konservieren und lobte deshalb fast jeden einzelnen Spieler. Zum anderen wehrte er im Ansatz die 153. Kimmich-Debatte ab. Seine Botschaften sende er an seine Spieler direkt, nicht über die Medien, stellt er zu seinem BR-Interview klar.
Aber auch ein Bundestrainer kann Debatten nicht vollständig unterbinden. Über Kimmich wurde vor allem deshalb gesprochen, weil in seiner Abwesenheit das Mittelfeldzentrum überraschend sicher war. Bayerns Aleksandar Pavlovic übernahm die Position des Kapitäns, verteilte Bälle, dirigierte das DFB-Spiel mit Gesten und seinen eigenen Pässen. So wie man es eben beim FC Bayern kennt. An seiner Seite werkelte Bayern-Kollege Tom Bischof alles weg, was noch nicht weggearbeitet war.
„Wollt ihr wieder ein Thema aufmachen, wo keins ist“
Und weil Florian Wirtz dann so gestrahlt hatte, wie er das im DFB-Team bestimmt seit sieben Monaten nicht mehr getan hat, wurde Klopp in München eben gefragt: Braucht Wirtz nur ein stabiles Mittelfeld in seinem Rücken? Bei Klopp sprangen direkt alle Warnleuchten an: Obacht, es droht eine Kimmich-Debatte. Dieses Lied spiele er nicht mit, daraus müsse man wirklich kein Thema eröffnen, antwortete er. Zumindest vom Bundestrainer gab es keine Munition für eine Kimmich-Geschichte.
Nur ist es so, dass Bischof und Pavlovic in den 90 Minuten zuvor die Munition geliefert hatten. Klar, es ist nur eine Momentaufnahme: Aber all das, was in den ersten beiden Spielen im zentralen Mittelfeld nicht funktioniert hatte, klappte plötzlich. Der Ball brauchte nicht mehr so wahnsinnig viel Zeit, um aus der eigenen Abwehrreihe dorthin zu kommen, wo es gefährlich werden könnte (Pavlovics Verdienst). Und andersherum kamen die Serben kaum zu vernünftigen Kontern (Bischofs Verdienst).

Wenige Tage zuvor sah das noch anders aus. Das DFB-Spiel in Augsburg lief weniger dynamisch ab. Unermüdlich, aber manchmal etwas behäbig trug Kimmich den Ball immer und immer wieder in die Nähe der gegnerischen Abwehr – und chippte ihn dahinter. Das Tempo war schon immer eine seiner Schwächen. Sein Kollege Felix Nmecha ließ ihn derweil bei den griechischen Kontern gerne mal alleine im Regen stehen – mit dem Tiefpunkt beim Gegentor, als er den Griechen Dimitrios Kourbelis nicht wirklich stresste.
Klopp versuchte schon unter der Woche zu beschwichtigen: Er sei seit 25 Jahren im Fußball. „Und nach fünf Tagen hat noch keine Doppelsechs funktioniert. Es geht nicht. Es hat mit den Jungs nichts zu tun.“
Eine zehn Jahre alte Frage
Mit Kimmich ist einer seiner „Jungs“ ein Sonderfall: Seit seinem Debüt vor nun schon zehn Jahren prägt die K-Frage unweigerlich jede Bundestrainer-Ära. Gehört der Kapitän wie beim FC Bayern eher ins zentrale Mittelfeld? Oder doch auf die rechte Abwehrseite, weil dort Alternativen fehlen? Nach der Weltmeisterschaft im Sommer kam eine ganz andere Frage dazu: Wäre es für den 31-Jährigen vielleicht an der Zeit, ganz aus der Nationalelf zurückzutreten? Schließlich schleppt Kimmich einen schweren Rucksack aus den vorherigen Turnieren mit sich herum.
Kimmich selbst kann für diese Debatten eigentlich nichts. Er ist auf beiden Positionen derzeit mit das Beste, was der deutsche Fußball zu bieten hat. Und Verschiebungen trug er eigentlich immer staatsmännisch mit. Deshalb ist die eigentliche Frage: Was will Klopp? Schon seit Jahren fehlen dem Herzen des DFB-Spiels die richtigen Taktgeber. Vorgänger Julian Nagelsmann behandelte das zentrale Problem lange mit wechselnden Lösungen. Bei der WM entschied er sich dann für das Duo aus Pavlovic und Nmecha, das sich bis dahin mutmaßlich vor allem aus dem Fernsehen kannte. Es stellte sich als wirklich keine gute Idee heraus.
Klopp befindet sich dagegen noch auf der Suche. Er will eine Achse bauen, mit diesem Gedanken trat er an. Nur gehört Kimmich dazu? Mit dem BR-Interview vermittelte Klopp unfreiwillig den Eindruck, der Kapitän könne nicht loslassen. Dabei schickte er Kimmich nicht etwa heim, weil er künftig ohne ihn plant – im Gegenteil. Es wäre auch etwas absurd. Fußballdeutschland sehnt sich nach Weltklasse. Und Bundestrainer Klopp verzichtet auf den Spieler, der dieser Weltklasse noch am regelmäßigsten in die Nähe kommt.
Deshalb lässt sich die freie Woche auch nicht als Degradierung verstehen. Für die nächste Zeit bleibt Kimmich ein Teil dieser Achse. Der Bundestrainer wollte seinen gesamten Kader auch einmal ohne die „Platzhirsche“ sehen. Schließlich könnte sich auch Kimmich irgendwann mal verletzen. Deshalb durften nun einmal Pavlovic und Bischof einmal scheinen. Und gleichzeitig nimmt es etwas den Druck bei Kimmich raus: Wohl und Wehe der DFB-Elf hängen nicht nur alleine an ihm.
Noch eine ganz andere Frage
Am Ende könnte auch Kimmich davon profitieren. Über ihm schwebte zuletzt immer die Frage: Beim FC Bayern spielt er auf Weltklasseniveau, warum eigentlich nicht beim DFB-Team? Nun ja, beim deutschen Rekordmeister spielt er mit Harry Kane, mit Michael Olise und Luis Díaz zusammen. Allesamt selbstbewusste Weltstars, die Verantwortung übernehmen. Sammeln Kimmichs DFB-Kollegen ohne ihn etwas Selbstbewusstsein, kann ihm das nicht schaden. Auch er profitiert von einer funktionierenden DFB-Elf, das war zuletzt eher selten.
Für Klopp bleibt die Frage, wie seine Idealvorstellung eines zentralen Mittelfelds aussieht. Achtung, es wird technisch: In seinem System gibt es dort Platz für nur drei Spieler: einem offensiven, einem defensiven und einem dazwischen. Offensiv wird er sich zwischen Jamal Musiala und Wirtz entscheiden müssen – auch keine einfache Angelegenheit. Mit Kimmich, Pavlovic, Bischof und Nmecha gibt es vier Kandidaten für die restlichen zwei Plätze. Und jede Kombination hat ihre Vor- und Nachteile.
Beim nächsten Turnier ist Kimmich dann 33 Jahre alt. Die Frage ist, ob Klopp danach noch einen Platz für ihn hat. Am Sonntag in Griechenland wird er immerhin ziemlich sicher nicht auftauchen. Außer er verlegt seinen von Klopp verordneten Familienurlaub zufällig nach Thessaloniki. Möglich ist alles.
Verwendete Quelle: ntv.de
