Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator. Er ist aber auch eines der am häufigsten gefälschten Gesichter im deutschsprachigen Internet. Laut Watchlist Internet sind derzeit rund 4.700 Varianten von KI-Fälschungen im Umlauf, in denen ein falscher Hirschhausen angebliche Wundermittel empfiehlt. Gegen Meta, den Konzern hinter Facebook und Instagram, hat er vor Gericht einen wichtigen Erfolg erzielt. Verschwunden sind die Fälschungen trotzdem nicht.
Der Fall zeigt ein Problem, das weit über eine einzelne Person hinausgeht. Wenn Werbung massenhaft neu erzeugt wird, hilft es wenig, einzelne Videos zu löschen.
Wie entsteht so ein falsches Video?
Meist beginnt es mit echtem Material. Die Täter nehmen einen Ausschnitt aus einer Talkshow oder einem Interview, in dem Hirschhausen tatsächlich zu sehen ist. Mit KI, also mit Programmen, die Gesichter und Stimmen nachbilden, verändern sie danach Lippenbewegungen und Ton. So sagt der falsche Hirschhausen Sätze, die der echte nie gesagt hat. Solche Fälschungen nennt man Deepfakes.
Beworben werden vor allem Nahrungsergänzungsmittel. Das sind Kapseln, Pulver oder Tropfen, die rechtlich als Lebensmittel gelten und nicht als Medikament. In einer Auswertung des ÖIAT, des Instituts hinter Watchlist Internet, ging es hauptsächlich um angebliche Abnehmprodukte. Die Anzeigen führen direkt in einen Onlineshop. Mit der Bestellung ist es laut Watchlist Internet oft nicht vorbei: Danach melden sich Verkäufer am Telefon, warnen vor angeblichen Gesundheitsschäden und wollen weitere Pakete verkaufen.
Wie lange solche Videos überleben, zeigt ein Fall, den wir schon im Juli 2024 geprüft haben. Ein Facebook-Video zeigte Hirschhausen scheinbar bei „Markus Lanz“, wo er ein neues Schlankheitsmittel anpries. Die Bilder stammten tatsächlich aus einer Sendung vom Februar 2018, in der es um Schlaf und Essenspausen ging. Der Dialog über das Abnehmmittel war mit KI erzeugt. Dasselbe Video war am 17. September 2026 auf Facebook immer noch abrufbar – mehr als zwei Jahre nach unserem Faktencheck.
Wie viele Fälschungen gibt es wirklich?
Wer nach Zahlen sucht, findet gleich mehrere. Alle stammen vom ÖIAT beziehungsweise von Watchlist Internet. Sie messen aber unterschiedliche Dinge und lassen sich deshalb weder zusammenzählen noch direkt vergleichen.
Drei Zahlen, drei verschiedene Messungen
Gefälschte Gesundheitswerbung auf Facebook und Instagram
mehr als 4.600
problematische Gesundheitsanzeigen
Im ersten Halbjahr 2025, mit verschiedenen Ärzten und Promis. Reichweite europaweit rund 21,5 Millionen Personen, davon etwa fünf Millionen in Österreich.
Veröffentlicht: Dezember 2025
14.559
problematische Anzeigen mit dem Stichwort „Hirschhausen“
Gefunden innerhalb eines Monats. 785.504 Ausspielungen europaweit, vor allem in Österreich und Deutschland.
Veröffentlicht: Mai 2026
rund 4.700
Varianten von Fälschungen mit Hirschhausens Gesicht und Stimme
Laut Watchlist Internet derzeit im Umlauf.
Veröffentlicht: September 2026
Auffällig ist, wen die Werbung erreichen soll. In der Auswertung für das erste Halbjahr 2025 richteten sich über drei Viertel der Anzeigen an Menschen über 45 Jahre. Mehr als die Hälfte erreichte Menschen über 55.
Warum ist das mehr als Abzocke?
Bei gefälschter Promi-Werbung für Geldanlagen verlieren Menschen Geld. Bei Gesundheitswerbung kann mehr auf dem Spiel stehen. Laut Watchlist Internet raten die Täter ihren Opfern oft, ärztlich verschriebene Medikamente nicht mehr zu nehmen. Wer deshalb ein wirksames Medikament absetzt, riskiert je nach Krankheit schwere Folgen.
Das ÖIAT ließ gemeinsam mit der Lebensmittelversuchsanstalt einige der beworbenen Produkte im Labor untersuchen. Die geprüften Mittel waren nicht akut gefährlich. Wirksame Inhaltsstoffe gegen die beworbenen Krankheiten enthielten sie aber auch nicht. Die größte Gefahr steckt also weniger in der Kapsel als in der Botschaft, mit der sie verkauft wird.
Hirschhausen selbst nennt den Missbrauch im Gespräch mit Watchlist Internet „Rufmord mit Gesundheitsrisiko“. Den größten Schaden sieht er nicht im überteuerten Produkt, sondern im Arztbesuch, der deshalb nicht stattfindet. Er schildert auch, was eine Betroffene in seiner ARD-Dokumentation „Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“ sagte: An die Creme gegen ihre Knieschmerzen habe sie gar nicht geglaubt. Bestellt habe sie trotzdem – weil scheinbar Hirschhausen sie empfahl.
Hat er nicht gegen Meta gewonnen?
Doch, in einem wichtigen Punkt. Meta hatte ein gemeldetes Fake-Video mit Hirschhausen gelöscht. Ein fast gleiches Video verschwand aber erst, nachdem er erneut Bescheid gegeben hatte. Hirschhausen wollte erreichen, dass Meta auch ähnliche Videos von sich aus entfernt. Das Landgericht Frankfurt lehnte das im November 2024 ab. Im März 2025 gab ihm das Oberlandesgericht Frankfurt in einem Eilverfahren recht.
Der Beschluss hält fest: Wurde Meta auf ein rechtswidriges Video hingewiesen, muss der Konzern auch „sinngleiche“ Inhalte selbst finden und entfernen. Gemeint sind Beiträge, die sich nur wenig vom gemeldeten unterscheiden – etwa durch eine andere Auflösung, andere Farben oder eine zusätzliche Bildunterschrift. Entscheidend ist laut Gericht der Gesamteindruck.
Genau hier liegt die Schwierigkeit. Mit KI lassen sich aus einem Video schnell viele neue machen: mit anderem Text, anderem Schnitt, anderem Produkt. Bei jeder neuen Variante stellt sich die Frage wieder, ob sie noch „sinngleich“ ist.
Vom Löschen zur Haftung
Wie deutsche Gerichte die Pflichten von Meta bei gefälschter Werbung Schritt für Schritt ausgelegt haben
Löschen, was gemeldet wird
Meta entfernt ein Fake-Video nach einem Hinweis. Ein fast gleiches Video bleibt, bis es erneut gemeldet wird.
Ausgangslage im Fall Hirschhausen
Ähnliches selbst finden
Nach einem Hinweis muss Meta auch sinngleiche Fälschungen von sich aus suchen und entfernen.
OLG Frankfurt, 4. März 2025
Für die Werbung haften
Meta haftet für Fake-Werbung, weil der Konzern steuert, welche Anzeige wann erscheint.
LG Frankfurt, Fall Finanzfluss, 2026
Muss Meta jetzt für die Werbung haften?
Am 17. September 2026 wurde ein weiteres Urteil bekannt. Das Landgericht Frankfurt entschied in einem anderen Fall, dass Meta für gefälschte Werbung mit dem Finanzportal „Finanzfluss“ und dessen Gründer Thomas Kehl haftet. Meta könne sich nicht darauf berufen, von der Werbung nichts gewusst zu haben, so das Gericht. Schließlich entscheide der Konzern selbst, welche Anzeige wann und an welcher Stelle erscheint. Laut Gericht muss Meta dem Gründer außerdem künftige Schäden ersetzen und Auskunft über die Einnahmen mit der Fake-Werbung geben.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Meta lehnt die Entscheidung ab und prüft weitere Schritte. Ein Sprecher verwies laut der Deutschen Presse-Agentur darauf, dass Meta im vergangenen Jahr über 159 Millionen betrügerische Anzeigen entfernt habe – 92 Prozent davon, bevor sie jemand gemeldet hatte.
Wer verdient an solchen Anzeigen?
Die gefälschten Videos laufen meist nicht als gewöhnliche Beiträge, sondern als bezahlte Werbung. Wie viel Geld in fragwürdiger Werbung steckt, zeigte im November 2025 ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters. Laut internen Meta-Unterlagen nahm der Konzern 2024 rund 16 Milliarden Dollar mit potenziell betrügerischer Werbung ein. Das wären etwa zehn Prozent des Umsatzes. Gemeint ist dabei nicht nur Deepfake-Werbung, sondern etwa auch Anzeigen für illegale Medikamente, Glücksspiel und Anlagebetrug.
Laut dem Bericht sperrte Meta Werbekunden erst, wenn das interne System zu mehr als 95 Prozent sicher war, dass Betrug dahintersteckt. In weniger eindeutigen Fällen verlangte der Konzern höhere Preise für die Anzeigen. Meta bezeichnete die Schätzungen in den Dokumenten als grob und zu weit gefasst, die tatsächlichen Einnahmen lägen deutlich darunter.
Hirschhausen fordert, dass Plattformen schon für die Verbreitung solcher Werbung geradestehen müssen und nicht erst, wenn sich jemand beschwert. Ob und wie das kommt, entscheiden Gerichte und Gesetzgeber. Bis dahin gilt: Darauf, dass die Plattform solche Anzeigen vorher aussortiert, kann man sich nicht verlassen.
Woran erkenne ich einen falschen Arzt in der Werbung?
An der Technik allein wird das immer schwieriger. Watchlist Internet nennt einige Hinweise: Lippen und Ton passen nicht genau zusammen, die Stimme klingt eintönig, und typische Nebengeräusche wie ein Räuspern fehlen. Weil die Fälschungen aber laufend besser werden, hilft ein Blick auf den Inhalt oft mehr als ein Blick auf die Lippen.
Stutzig machen sollte die Mischung aus Angst und schneller Rettung – etwa viele Kilo in wenigen Wochen oder eine Krankheit, die angeblich über Nacht verschwindet. Warnzeichen sind auch ein Mittel, das es nur über eine einzige Website gibt, ein Impressum mit Fantasienamen oder eine lange, kryptische Internetadresse. Seriöse Ärztinnen und Ärzte bewerben Nahrungsergänzungsmittel nicht als Ersatz für eine Behandlung. Weitere Warnzeichen haben wir in unserem Überblick zu gefälschter Promi-Werbung für Wundermittel gesammelt.
Schon bestellt – was jetzt?
Das Wichtigste zuerst: Ein ärztlich verschriebenes Medikament nie wegen einer Werbung ohne Rücksprache absetzen. Das beworbene Mittel dagegen besser nicht weiter einnehmen, weil oft unklar ist, was wirklich drin ist. Bei Unsicherheit helfen Hausarzt oder Apotheke.
Wer schon bezahlt hat, sollte rasch die eigene Bank informieren und fragen, ob sich die Zahlung noch stoppen lässt. Außerdem ist eine Anzeige bei der Polizei sinnvoll, auch wenn sie aussichtslos wirkt. Anrufe und E-Mails der Verkäufer am besten blockieren und nichts nachkaufen. Nächste Schritte für Österreich, Deutschland und die Schweiz zeigt der Mimikama-Notfall-Check, Beratung gibt es auch bei Watchlist Internet.
Und: darüber reden. Hirschhausen betont, dass es keine Schande ist, auf so eine Masche hereinzufallen. In seiner Dokumentation sei das sogar einer Ärztin passiert. Wer Eltern oder Großeltern warnen will, spricht das Thema am besten als gemeinsames Problem an und nicht als Vorwurf.
Was ist ein bekanntes Gesicht in der Werbung noch wert?
Lange galt ein bekanntes Gesicht in einer Anzeige als Hinweis, dass diese Person hinter dem Produkt steht. Deepfakes haben das verändert. Ein Video mit einem Promi beweist heute nicht mehr, dass der Promi etwas empfiehlt. Wie man solche Fälschungen grundsätzlich prüft, erklärt unser Leitfaden Deepfakes erkennen.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, bevor ich einer Gesundheitswerbung glaube
- Hat die Person das selbst gesagt?Auf der eigenen Website oder den offiziellen Kanälen nachsehen. Ein Video in einer Anzeige ist kein Beleg.
- Wer steckt hinter der Anzeige?Bei Facebook und Instagram lässt sich oft sehen, welche Seite die Werbung schaltet. Eine unbekannte Seite ohne erkennbaren Betreiber ist ein Warnzeichen.
- Wem zeige ich das, bevor ich bestelle?Hausarzt, Apotheke oder jemand aus der Familie. Von außen fällt ein Trick oft schneller auf.
Quellen
Watchlist Internet
14. September 2026
Watchlist Internet / ÖIAT
5. Mai 2026
Watchlist Internet / ÖIAT
18. Dezember 2025
Handelsblatt / dpa
17. September 2026
ARD Mediathek
Dokumentation, WDR
