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Startseite»Politik»Kassenreform: Was bedeuten die Kürzungen für Psychotherapien?
Politik

Kassenreform: Was bedeuten die Kürzungen für Psychotherapien?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 16, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 16.07.2026 • 17:29 Uhr

Das Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung sieht Kürzungen in der Psychotherapie vor. Die Branche zeigt sich alarmiert und warnt vor den Folgen. Ein Gesundheitsökonom erkennt aber auch Chancen.

Jens Eberl

„Man muss immer wieder aufstehen. Es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Aber das normale Leben funktioniert gerade gar nicht.“ Alexander braucht Hilfe. Er leidet unter einer schweren Depression. Seinen Namen haben wir geändert. Ihm ist es aber wichtig, dass über Menschen wie ihn gesprochen wird – Menschen, die dringend psychotherapeutische Unterstützung suchen.

Dutzende Therapeutinnen und Therapeuten fragte Alexander an. Immer wieder bekam er dieselbe Antwort: kein freier Platz, oft nicht einmal auf der Warteliste. Eineinhalb Jahre lang suchte er vergeblich nach Hilfe: „Ich glaube schon, dass es viele Leute gibt, die einfach auf dem Weg aufgeben, die weiter in den Situationen leben. Aber die sind ja dann irgendwann auch nicht mehr arbeitsfähig, gesellschaftsfähig. Man isoliert sich. Ich hatte starke Selbstwertprobleme. Ich habe überlegt, ob ich es überhaupt wert bin.“

Psychotherapie von Einschnitten betroffen

Für Menschen wie Alexander könnte die Suche nach einem Therapieplatz künftig noch schwieriger werden. Das befürchten viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten nach der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung. Mit ihr will die Bundesregierung die Ausgaben im Gesundheitswesen begrenzen. Von den Einschnitten ist auch die Psychotherapie betroffen.

Künftig werden psychotherapeutische Leistungen budgetiert. Bislang konnten Praxen auf einen steigenden Bedarf reagieren, indem sie mehr Behandlungen anboten und abrechneten. Nach der Reform dürfen nur noch begrenzte Leistungsumfänge über die gesetzlichen Krankenkassen vergütet werden. Fachverbände befürchten deshalb, dass weniger Therapiestunden für gesetzlich Versicherte zur Verfügung stehen könnten.

Wie stark sich die Budgetierung tatsächlich auswirkt, lässt sich derzeit allerdings noch nicht belastbar beziffern. Neben der Budgetierung kritisiert die Branche unter anderem die geplante Abschaffung des Mindesthonorars sowie der sogenannten Angemessenheitsprüfung, sie war bisher so etwas wie die gesetzliche Garantie, dass das Honorar angemessen bleibt.

Unsicherheit und Sorgen in der Branche

Mark Alcock, Psychotherapeut in Bergisch Gladbach, sieht die Reform mit Sorge. „Im Klartext heißt das: Ich arbeite drei Monate und erfahre dann sechs Monate später, wieviel Prozent meiner geleisteten Arbeit überhaupt bezahlt wird.“ Wie gravierend die Folgen sein werden, sei derzeit noch nicht seriös abzuschätzen, weil die Kassenärztlichen Vereinigungen die neuen Regelungen regional erst ausarbeiten müssten. Zudem könnten noch Änderungen durch die Bundesregierung erfolgen.

Genau diese Unsicherheit sei aber Teil des Problems: „Ich weiß nicht, was und in welchem Umfang ab 2027 bezahlt werden wird, wie viel ich überhaupt noch bezahlt arbeiten kann für ein Honorar, mit dem ich mich finanzieren kann.“ Deshalb prüfe er zusätzliche Einnahmequellen, etwa durch Privatpatientinnen und -patienten, Coaching oder Paartherapie.

„Ein Beitrag zur Qualitätssicherung“

Michael Wessels, Gesundheitsökonom an der Hochschule Bochum, hält die Reform dagegen grundsätzlich für nachvollziehbar. Die gesetzliche Krankenversicherung stehe finanziell unter erheblichem Druck, eine Begrenzung der Ausgaben sei deshalb notwendig. Eine Budgetierung könne die Kosten der psychotherapeutischen Versorgung besser planbar machen.

„Hier kann man sicherlich kritisch hinterfragen, ob ein festes Budget dem steigenden Bedarf psychotherapeutischer Leistungen ausreichend gerecht wird. Auf der anderen Seite kann es dabei helfen, sich auf die dringlichen, notwendigen Patientinnen und Patienten zu fokussieren, indem die dringlichen Fälle vorgezogen werden“, so Wessels.

Auch die vorgesehenen Zeitgrenzen bewertet er durchaus positiv. „Zum einen kann Abrechnungsmanipulation oder -betrug aufgedeckt werden, das heißt, es können nicht unplausibel hohe Zeitwerte abgerechnet werden. Und zum anderen ist es aus meiner Sicht ein Beitrag zur Qualitätssicherung, weil Patientinnen und Patienten sich darauf verlassen können, dass Therapeutinnen nicht zu lange bzw. nicht zu viel arbeiten; damit ist es im Grunde auch ein Schutz der Therapeutinnen selbst vor Überarbeitung.“

Von Erschöpfung könne kaum die Rede sein, entgegnet Psychotherapeut Alcock. Vielmehr gehe es um Existenzängste. „In meiner Praxisgemeinschaft mit drei Praxen und fünf Therapeutinnen und Therapeuten will nun eine Kollegin kündigen und in Zukunft nur noch Privatleistungen anbieten, eine weitere Kollegin wird wohl nicht weiter angestellt arbeiten können und muss sich beruflich komplett umorientieren.“

Laufende Therapien können fortgesetzt werden

Laufende Therapien sollen nach derzeitigem Stand fortgesetzt werden können. Für Menschen, die aktuell einen Therapieplatz suchen, könnten die Wartezeiten jedoch weiter steigen. Dass Praxen künftig vor allem Privatpatientinnen und -patienten behandeln, erwartet Gesundheitsökonom Wessels allerdings nicht. Nur rund zehn Prozent der Menschen in Deutschland seien privat versichert. „Natürlich sind PKV-Patientinnen gegebenenfalls aufgrund einer höheren Abrechnungsmöglichkeit attraktiver, aber eben auch nur begrenzt vorhanden“, so Wessels.

Insgesamt sei die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland trotz langer Wartezeiten im internationalen Vergleich umfangreich und qualitativ hochwertig. „Wenn wir uns für eine bessere psychotherapeutische Versorgung einsetzen, müssen wir auch beantworten, woher das Geld kommen soll, mit dem wir das finanzieren wollen.“

Gesellschaftliche Folgen durch fehlende Behandlung

Der Bedarf jedenfalls wächst. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts wurde 2024 bei 40,9 Prozent der gesetzlich versicherten Erwachsenen eine psychische Störung diagnostiziert – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Hinzu kommen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen, wenn Betroffene keine rechtzeitige Hilfe erhalten – etwa durch längere Krankschreibungen oder den Verlust der Arbeitsfähigkeit.

Für Alexander war vor allem das Gefühl der Ausgrenzung belastend. „Ich habe mich schwergetan, überhaupt nach Hilfe zu fragen. Und bei einem Therapeuten konnte ich das, aber bei der normalen Gesellschaft gar nicht mehr. Also ich habe mich auch nicht mehr in der Gesellschaft gefühlt. Ich habe mich ganz am Rande gefühlt.“ Immerhin hat Alexander inzwischen einen Platz in einer Gruppentherapie gefunden.

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