Kein reproduktives ScheiternAffen steuern Fortpflanzung über Fehlgeburten
Säugen Affen-Mütter ihre Jungen, steigt gleichzeitig ihr Risiko für Fehlgeburten. Das zeigen Beobachtungen von Mandrills über den Zeitraum von elf Jahren. Auch für Menschen liefern die neuen Erkenntnisse spannende Hinweise.
Affen erleben häufiger Fehlgeburten, wenn sie gleichzeitig ein weiteres Junges säugen. Dies beobachteten Forscher bei Mandrills in Gabun, wie sie in einer aktuellen Studie im Fachjournal „PLOS Biology“ schreiben.
Das internationale Team um Nikolaos Smit vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie vermutet in dem Zusammenhang eine mögliche Strategie des Körpers, seine verfügbaren Ressourcen zu steuern. Sowohl eine Schwangerschaft als auch das Säugen von Nachwuchs seien für weibliche Säugetiere enorme Belastungen, heißt es in der Studie. Wenn ein schwangeres Weibchen gleichzeitig ein Junges stille, entstehe ein Konflikt zwischen den Bedürfnissen des Nachwuchses und denen des sich entwickelnden Fötus.
Keine negativen Langzeitfolgen
Allerdings zeigte sich, dass das erhöhte Fehlgeburtsrisiko sich nicht langfristig auf die Reproduktion der betroffenen Tiere auswirkte: Auf lange Sicht glich sich der Effekt aus. Die Weibchen wurden nach einer Fehlgeburt oft schnell wieder schwanger. Langfristig hatten sie nicht weniger überlebenden Nachwuchs als andere.
Co-Autorin Marie Charpentier erklärt: „Eine Fehlgeburt wird in der Regel als reproduktives Scheitern angesehen. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass dies – wenn Weibchen bereits viel in ein abhängiges Jungtier investieren – stattdessen eine Möglichkeit sein könnte, die verfügbaren Ressourcen zwischen aktuellen und zukünftigen Nachkommen besser anzupassen.“
Beobachtungen über elf Jahre hinweg
Das Team beobachtete eine wildlebende Population von Mandrills (Mandrillus sphinx) im Süden Gabuns über einen Zeitraum von elf Jahren. Durch sichtbare Körperveränderungen war es den Forschern möglich, Schwangerschaften – sowie auch Fehlgeburten – zu beobachten. Über den Zeitraum hinweg dokumentierte das Team 356 Schwangerschaften bei 117 Weibchen – davon 52 Fehlgeburten.
Üblicherweise pflanzten sich die Affen saisonal fort und bekämen nur jedes zweite Jahr Nachwuchs, heißt es in der Studie. Es komme jedoch auch vor, dass die Weibchen schwanger würden, während sie noch ein Junges versorgten.
Eine Art Schutzreaktion des Körpers
Die Ergebnisse legten nahe, dass es sich bei den Fehlgeburten um eine körperliche Reaktion auf den zusätzlichen Energiebedarf handle, der es Müttern ermögliche, sich auf das Überleben ihres aktuellen Nachwuchses zu konzentrieren.
Besonders erhöht war das Risiko für Fehlgeburten der Studie zufolge, wenn der schon geborene Nachwuchs häufiger mit lauten Rufen einhergehende „Wutanfälle“ hatte oder wenn während der Schwangerschaft im sozialen Gefüge der Tiere ein anderes Alpha-Männchen – also Leittier – das Ruder übernahm. Ein möglicher Grund sei hier erhöhter Stress der weiblichen Tiere.
Wie sieht es beim Menschen aus?
Unweigerlich stellt sich die Frage: Gibt es bei Menschen einen ähnlichen Effekt? Nicole Mattern, Berliner Landesvorsitzende und Vorstandsmitglied beim Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte, erklärt: „Ob Stillen während einer erneuten Schwangerschaft das Risiko für eine Fehlgeburt erhöht, ist beim Menschen nicht abschließend geklärt.“ Obwohl bislang kein Zusammenhang nachgewiesen worden sei, rät Mattern bei Risikoschwangerschaften zur Vorsicht. Bei einer unkomplizierten Schwangerschaft müssten Frauen jedoch nicht abstillen. Im Zweifel solle man ärztlichen Rat einholen.
„Entscheidend ist weniger das Stillen als der Abstand zwischen zwei Schwangerschaften“, ergänzt Mattern. „Liegt die letzte Geburt weniger als ein Jahr zurück, gilt die neue Schwangerschaft als Risikoschwangerschaft, unter anderem steigt das Risiko für eine Frühgeburt.“ Viele Frauen unterschätzten, wie schnell sie nach einer Geburt wieder fruchtbar seien. „Stillen schützt nicht zuverlässig vor einer Schwangerschaft“, sagt Mattern.
