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Klopp vor Mammutaufgabe: WM-Halbfinals bergen eine schlechte Nachricht für das DFB-Team

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 16, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Die WM-Halbfinals sind gespielt – und der Fußball ist damit um einige Erkenntnisse reicher. Eine erfolgreiche Nationalelf entsteht nicht einfach so, sondern braucht tatsächlich Zeit. Für die DFB-Elf ist das keine gute Nachricht.

Diesmal stand Jürgen Klopp nicht an der Seitenlinie. Bei keinem der Halbfinals der Fußball-Weltmeisterschaft. Weder in Dallas, wo Spanien den Topfavoriten Frankreich verabschiedete. Noch in Atlanta, wo Argentinien das englische WM-Leiden um mindestens vier Jahre verlängerte. Und es ist keine ganz abwegige These: Aber diese bemerkenswerten Spiele wird Klopp trotz des Verhandlungsmarathons mit Red Bull und dem DFB geschaut haben.

Was er gesehen hat, löst möglicherweise eine zweigeteilte Gefühlswelt in ihm aus. In der ersten Sekunde verspürte er vermutlich Freude darüber, als TV-Experte und fußballbegeisterter Mensch solche WM-Halbfinals zu erleben. Schließlich steckt da viel zu analysieren drin. Und als künftiger Bundestrainer (sollte nichts mehr schiefgehen) auf der anderen Seite vermutlich die Sorge darüber, wie viel Arbeit noch vor ihm liegt.

Dank der FIFA schaffte es tatsächlich die Top vier der Weltrangliste in die WM-Halbfinals. So entstand ein Clash verschiedener fußballerischer Identitäten. Da waren die argentinischen Krieger mit ihrem Anführer Lionel Messi. Das anscheinend unendliche Starensemble der Franzosen. Die spanische Passmaschine, die seit ihrer Jugend mit diesem Trainer zusammenwächst. Und die Engländer, die wirklich eine goldene Generation beisammen hatten.

Frankreichs Stars, Spaniens Kollektiv

All diese Systeme sind über Jahre gewachsen und haben jedes für sich genommen der DFB-Elf etwas voraus. Am anschaulichsten ist das bei Europameister Spanien, das sich in beängstigend guter Verfassung präsentiert. Trainer Luis de la Fuente könnte seine Elf am Sonntag gegen Argentinien nach dem EM-Titel auch deshalb zum WM-Triumph lenken (21 Uhr/ZDF, MagentaTV und im ntv.de-Liveticker).

Bevor er Nationalcoach wurde, arbeitete de la Fuente als Nachwuchstrainer im spanischen Verband. Als er 2015 mit der U19 in Griechenland Europameister wurde, da standen Torwart Unai Simon, Mittelfeldregisseur Rodri und Superjoker Mikel Merino schon in seinem Kader. 2019 wiederholte er den Triumph mit der U21 – mit noch mehr der heutigen Protagonisten. De la Fuente kennt seine Spieler, die kennen einander, ihren Trainer und seine Vorstellung von Fußball.

Es ist einer der Gründe, weshalb Spanien im ersten Halbfinale die Franzosen entzauberte. Man dachte im Laufe dieses Turniers, die letzte Mannschaft von Didier Deschamps, der nach 14 Jahren sein Amt niederlegt, sei unschlagbar. Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé, Michael Olise, Désiré Doué, Bradley Barcola: Anders als beim DFB ist der französische Talentpool scheinbar unendlich – nicht nur in der Offensive. In jedem Mannschaftsteil wartet jemand mit Top-Niveau in der zweiten Reihe.

Deschamps hat es immer geschafft, die Einzelkönner zu einer pragmatischen Einheit zu formen. Diesmal war er etwas mehr ins Risiko gegangen – eigentlich mit Erfolg. Klar, da waren die erste Hälfte gegen Senegal oder das Hitzespiel gegen Paraguay. Aber sonst schien Frankreich wie ein sicherer Weltmeister. Bis eben Spanien kam. Weil die Iberer es verstanden, das Spiel der Stars in ihrem Kollektiv zu ersticken.

Was sich Deutschland von Spanien abschauen muss

Der Spaziergänger

Ob das im Finale gegen Argentinien reicht? Das Messi-Team hatte gegen England wahrlich eine Schlacht heraufbeschworen. Von der ersten Minute an (bis sogar nach dem Abpfiff) reizte der amtierende Weltmeister das Team von Thomas Tuchel. Das wiederum konnte damit bis zur 55. Minute gut umgehen. Unter dem deutschen Trainer haben die Three Lions eine besondere Mentalität, eine Brüderschaft entwickelt. Hinzu kamen die Ausnahmespieler Jude Bellingham und Harry Kane. Beinahe hätte diese Mischung bis in das erste WM-Finale seit 1966 getragen.

Hätte. Tuchel spürte, dass es auf allerhöchstem Niveau auf Detailfragen ankommt. Schon die falschen Wechsel können fatal sein. Er und seine Engländer versuchten, die knappe Führung über die Zeit zu bringen. Der Trainer brachte weitere Verteidiger, die Mannschaft stellte im Strafraum eine Wand auf. Dadurch bekam jemand Platz, der niemals welchen bekommen sollte: Messi spielte einen Pass, schlug eine Flanke – beides traf ins englische Herz.

Deshalb kämpfen der 39 Jahre alte Spaziergänger und seine zehn Krieger am Sonntag nun darum, den WM-Titel zu verteidigen. Das Konzept, einen Ausnahmespieler zu haben, um den herum ein Team geformt wird, das für ihn sterben würde (um es martialisch zu formulieren), ist überraschenderweise erneut aufgegangen. Trainer Lionel Scaloni steht nach Katar 2022 mit Argentinien wieder im Endspiel.

Nur, man stelle sich vor, dort würde nicht Spanien, sondern das DFB-Team warten. Angenommen das Elfmeterschießen in Foxborough wäre nicht schiefgegangen, es hätten darauf hypothetische Siege gegen Frankreich und Spanien gefolgt. Und dann? Die Nagelsmannschaft haderte schon arg mit der Körperlichkeit der Elfenbeinküste und Paraguays. Was wäre nur mit Argentiniern, die auf Rache für das verlorene Finale von 2014 sinnen? Es heißt ja, man wächst mit seinen Aufgaben: Aber so sehr?

„Ich-AGs“ und „Abwinken“

Und damit landet man unweigerlich wieder bei Klopp, dessen Mail-Signatur mutmaßlich ab nächster Woche den Zusatz „Bundestrainer“ tragen wird. Der Kader, den er übernimmt, wird kurzfristig derselbe sein, der es nur in die erste K.o.-Runde der WM geschafft hat. Und wenn der Bald-Bundestrainer in den vergangenen Tagen mal über die Onlineseiten des „Spiegel“ und der „Süddeutschen Zeitung“ gescrollt hat, dann dürfte ihm bewusst geworden sein, dass es viel zu tun gibt.

Julian Nagelsmann sagte es selbst: Wenn man verliert, dann ist „alles Shit“. Und so wirkt es nun in diesen Rekonstruktionen auch. Klar, jede Partei versucht, dem peinlichen WM-Aus seinen Spin mitzugeben. Aber die Eindrücke decken sich: Die Rede im „Spiegel“ ist etwa von „Ich-AGs“, die mit zahlreichen Ablenkungen konfrontiert waren. Ein Beispiel: Jamal Musiala und Florian Wirtz sollen mit sich selbst, mit ihren Leistungen gehadert haben – und gleichzeitig sei an allen Ecken und Enden an ihnen gezerrt worden.

Argentiniens Tor zum Finale, Englands Stoß in die Schmerzhölle

Video poster

In den Recherchen zeichnet sich das Bild von einer Spielergeneration, die vor allem mit sich selbst beschäftigt war. Ein Leon Goretzka, der je nach Quellenlage zumindest leicht bis mittelschwer bockig gewirkt haben soll. Mit Joshua Kimmich, ein Kapitän, der seine Kollegen so sehr antrieb, „sodass manche abwinken“, zitiert der „Spiegel“ eine ungenannte Quelle. Ein Manuel Neuer, der seine Aura vor der Kabinentür abgelegt und drinnen geschwiegen haben soll.

Für Klopp, sollte er es denn werden, gibt es viel zu tun. Angefangen bei den akuten Problemen im DFB-Team, etwa das Aufdröseln der „Ich-AGs“. Danach kommen auch noch die strukturellen Themen. Etwa, dass es nur einen Innenverteidiger auf Top-Niveau gibt, der das Spiel mit dem linken Fuß eröffnen kann. Oder dass es keinen kopfballstarken Mittelstürmer gibt. Oder dass es an flotten und unberechenbaren Flügelspielern mangelt. Und das Entwickeln einer eigenen fußballerischen Identität, so wie Frankreich, Argentinien, Spanien und Frankreich es gemacht haben. Es wird vermutlich dauern, bis Klopp ein WM-Halbfinale als Bundestrainer sieht.

Verwendete Quelle: ntv.de

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