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Startseite»Betrugsmaschen»Kürzere Haft für SPD-Stimmen? Video ist gefälscht
Betrugsmaschen

Kürzere Haft für SPD-Stimmen? Video ist gefälscht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 19, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Stand: 19. September 2026

Auf der Plattform X läuft ein kurzes Nachrichtenvideo. Oben links steht das Logo des MDR, also des Mitteldeutschen Rundfunks. Im Bild ist ein Gefängnis von oben zu sehen, darüber in großen Buchstaben „SPD“. Der Text dazu behauptet: Familien von Gefangenen in Mecklenburg-Vorpommern bekämen eine kürzere Haftstrafe und einen Job versprochen, wenn sie SPD wählen. Gewählt wird dort am Sonntag, am selben Tag auch in Berlin.

Beitrag auf der Plattform X mit einem Video im Design des MDR. Der eingeblendete Text behauptet, Familien von Gefangenen werde für SPD-Stimmen Strafmilderung und Arbeit versprochen.
Profilbild und Kontoname des Absenders haben wir unkenntlich gemacht. Screenshot: Mimikama

Zwölf Fälschungen in zwei Tagen

Die US-Organisation NewsGuard prüft Nachrichtenseiten und Falschmeldungen. Sie hat zwölf erfundene Nachrichtenbeiträge zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern gefunden, verbreitet am 9. und 10. September 2026. Die Macher haben dafür die Aufmachung bekannter Medien nachgebaut: die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Deutsche Welle, die Welt, den MDR und Euronews.

Der MDR, die Deutsche Welle und Euronews haben NewsGuard bestätigt, dass die Videos mit ihren Namen gefälscht sind. Eine Sprecherin der Deutschen Welle sagte, Logo und Inhalte des Senders seien immer wieder missbraucht worden, um Falschmeldungen zu verbreiten. Veröffentlicht hat solche Berichte kein einziges Medienhaus in Deutschland oder Europa.

Was in den gefälschten Meldungen steht

Vier Behauptungen tauchen in den zwölf Beiträgen immer wieder auf.

  • Die CDU habe Anhängern der SPD Drohnachrichten aufs Handy geschickt.
  • SPD und CDU hätten Gefangenen, armen Familien und anderen Menschen Jobs oder kürzere Haftstrafen für ihre Stimme versprochen.
  • Die CDU habe bei der Wahl in Sachsen-Anhalt Briefwahlstimmen manipuliert.
  • Dasselbe sei jetzt in Mecklenburg-Vorpommern geplant.

Eine Puppe in der Puppe

Die Videos gehören zu einer Kampagne, die unter dem Namen „Matrjoschka“ bekannt ist. So heißen die russischen Holzpuppen, die ineinanderstecken. Die Kampagne läuft seit 2023 und arbeitet immer gleich: Sie baut Medienberichte nach, nimmt echte Logos und manchmal die Gesichter echter Journalisten. Inhalt ist meist etwas, das Russland gut dastehen lässt, oder etwas Falsches über die Ukraine.

Im August 2026 hat der deutsche Verfassungsschutz die Kampagne öffentlich beim Namen genannt. Die Behörde sagt, dahinter stecke Russland. Das Ziel sei, Streit in der Gesellschaft anzuheizen und das Vertrauen in Wahlen zu beschädigen. Wer die Videos macht und bezahlt, können wir selbst nicht nachprüfen. Diese Zuordnung stammt von Sicherheitsbehörden und von Fachleuten, die solche Kampagnen erforschen.

1,4 Millionen Aufrufe, und trotzdem fast niemand

Man würde jetzt erwarten, dass diese Videos sehr viele Menschen erreicht haben. Die Zahl auf X sieht auch danach aus.

Viele Aufrufe, wenig Publikum

1,4 Mio.

Aufrufe zählte NewsGuard bei den gefälschten Wahl-Beiträgen auf X.

Quellen: NewsGuard, 15. September 2026; CORRECTIV, 4. September 2026. Stand: 19. September 2026.

Dafür gibt es mehrere Hinweise. Die Aufrufe stiegen sehr schnell, und echte Antworten von echten Konten fehlten fast völlig. Das deutsche Innenministerium sagte gegenüber CORRECTIV, die Beiträge würden am Anfang fast nur künstlich verbreitet – danach passiere nichts mehr. Julia Smirnova vom Forschungszentrum CeMAS, das Desinformation untersucht, hat mehr als 90 Beiträge der Kampagne mit über elf Millionen Aufrufen ausgewertet. Ihre Einschätzung: Gesehen oder geteilt haben sie nur wenige echte Menschen. Der Forscher Darren Linvill von der Clemson University in den USA vermutet, dass die Aufrufe schlicht gekauft sind. Auf X kostet das wenig.

Warum die Fälscher trotzdem zufrieden sein dürften

Wenn kaum jemand die Videos sieht, warum macht sie dann jemand? Linvill hat darauf eine Antwort, die vieles umdreht. Gemessen werde der Erfolg nicht an den Zuschauern, sondern an den Berichten darüber. Dazu passt ein Detail, das sonst keinen Sinn ergibt: Viele der angeblich deutschen Meldungen sind auf Englisch, und die Beiträge dazu teils auf Spanisch oder Japanisch. Für Wähler in Mecklenburg-Vorpommern ist das nutzlos. Für Aufmerksamkeit im Ausland nicht.

Dazu kommt etwas, das man von einer heimlichen Kampagne nicht erwarten würde. Die Leute dahinter schreiben Redaktionen und Faktencheckern direkt an und bitten darum, die Inhalte zu prüfen – also genau die Inhalte, die sie selbst verbreitet haben. CORRECTIV hat solche Mails bekommen. Es geht offenbar nicht darum, dass jemand die Fälschung glaubt. Es geht darum, dass über sie geredet wird.

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Wer angegriffen wird – und wer nicht

Der Verfassungsschutz schreibt, es treffe vor allem Politiker von Parteien, deren Haltung den Interessen Russlands im Weg steht. Neu ist, dass diesmal auch Landes- und Kommunalpolitiker dran sind und nicht nur die Bundesspitze. In den zwölf Fälschungen zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern sind SPD und CDU das Ziel. NewsGuard hält die Aktion für einen Versuch, der AfD zu nützen.

Ein wichtiger Unterschied dazu: Wem eine Fälschung nützen könnte, sagt nichts darüber, wer sie in Auftrag gegeben hat. Dass eine deutsche Partei an dieser Kampagne beteiligt ist oder davon wusste, ist nicht belegt. Wir prüfen hier eine Behauptung, keine Partei.

Woran man solche Videos erkennt

Das Gute daran ist, dass man dafür kein Fachwissen braucht. Drei Fragen reichen meistens aus, und sie funktionieren bei jedem Video, das aussieht wie eine Nachricht.

Zum Mitnehmen

Drei Fragen, bevor Sie ein Nachrichtenvideo glauben

  • Steht die Meldung auch beim Sender selbst?Den Namen des Mediums in die Suche eingeben und auf der echten Seite nachschauen. Was gesendet wurde, steht dort auch.
  • Wer hat das gepostet?Konto anklicken: Wann wurde es angelegt, was hat es sonst geteilt, in welcher Sprache schreibt es?
  • Stehen nachprüfbare Angaben drin?Ein Name, ein Ort, eine Behörde, ein Schreiben. Fehlt das alles, bleibt nur eine Behauptung.

Bei Wahlen hilft noch etwas. Das Auszählen der Stimmen ist in Deutschland öffentlich, jeder darf im Wahllokal zusehen. Das höchste deutsche Gericht hat diesen Grundsatz 2009 ausdrücklich bestätigt. Und wer wissen will, was mit Briefwahlstimmen passiert, fragt bei der zuständigen Wahlleitung nach. Die Antwort gibt es dort, nicht in einem Video ohne Absender.

Warum wir trotzdem darüber schreiben

Jeder Faktencheck über so eine Kampagne hat einen Haken. Er erklärt die Fälschung und macht sie gleichzeitig bekannter. Genau darauf setzen die Leute dahinter. Deshalb steht hier nicht jede einzelne Behauptung im Detail, deshalb verlinken wir den Beitrag nicht, und deshalb geht es vor allem um die Methode.

Die Methode bleibt nämlich, auch wenn diese zwölf Videos morgen niemanden mehr interessieren. Ein bekanntes Logo, ein dramatischer Satz, ein paar gekaufte Aufrufe – fertig ist ein Beweis, der keiner ist. Das funktioniert vor jeder Wahl, in jedem Land, mit jedem Sender. Auch mit einem österreichischen.

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Dr. Heinrich Krämer
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