Jahrelang wurde über sexuellen Missbrauch in Spaniens katholischer Kirche geschwiegen – viele werfen ihr noch immer Vertuschung vor. Opfer hoffen, dass Leo XIV. bei seinem Besuch Druck macht.
Der spanische König Felipe VI. empfing Papst Leo XIV. mit freundlichen Worten, ließ aber auch ein heikles Thema nicht aus. Der Monarch lobte zunächst das soziale Engagement der katholischen Kirche, sagte aber auch: „Es gibt keinen größeren Kontrast dazu, als das Leid, das durch den sexuellen Missbrauch verursacht wurde. Für einen Heilungsprozess und eine Wiedergutmachung sind Klarheit und Entschlossenheit von entscheidender Bedeutung – für die Opfer, die Gläubigen und die Gesellschaft als Ganzes.“
Auf Nachfrage eines spanischen Journalisten während des Flugs nach Madrid sagte der Papst, der Kindesmissbrauch sei eine immer noch offene Wunde. Er selbst habe in allen seinen Stationen Maßnahmen dagegen ergriffen.
Zeitung recherchiert mehr als 3.000 Fälle
Dass das Thema in Spanien nicht aus der öffentlichen Debatte verschwindet, ist auch der Verdienst der Tageszeitung El País. Seit 2018 hat dort ein hartnäckiges Rechercheteam bislang mehr als 3.000 Missbrauchsopfer und 1.600 Beschuldigte erfasst.
Julio Núñez gehört diesem Team an. Die katholische Kirche in Spanien verweigere bis heute die Zusammenarbeit, beklagt er: „Vor einem Monat haben wir alle 70 Diözesen und 141 Ordensgemeinschaften angeschrieben.“ Núñez wollte wissen, was sie mit den Fällen gemacht hätten, die El País übermittelte, welche Untersuchungen es gegeben hätte und welche Entschädigungen gezahlt worden wären. „Nur eine einzige Diözese hat uns konkrete Informationen gegeben: Ávila.“
Rom stellte Verfahren gegen spanischen Bischof ein
An einem besonderen Fall haben die Journalisten sieben Jahre lang recherchiert. Zum ersten Mal wird dort einem spanischen Bischof sexualisierter Gewalt vorgeworfen. Er soll in den 1990er Jahren als Pfarrer wiederholt ein damals 14 Jahre altes Mädchen missbraucht haben.
Der Fall sei für ein kirchenrechtliches Verfahren nach Rom geschickt worden, berichtet Núñez. „Überraschenderweise legte der Vatikan das Verfahren aber zu den Akten – nicht, weil die Vorwürfe unwahr seien, sondern weil nicht nachgewiesen sei, dass das Opfer beim ersten Übergriff tatsächlich jünger als 16 Jahre war, der nach dem Kirchenrecht damals maßgeblichen Altersgrenze.“ Das sei vor zwei Monaten gewesen.
Treffen mit Missbrauchsopfern geplant
Leo XIV. könnte das Verfahren allerdings wieder aufnehmen, sagt der Journalist. Womit für viele Opfer auf dem Prüfstand steht, wie ernst es dem Papst mit seinem Kampf gegen den Missbrauch wirklich ist. Viele von ihnen hätten sich einen anderen Umgang mit dem Thema bei seinem Besuch gewünscht.
So haben sie lange um ein Treffen gebeten, aber im offiziellen Programm war es nicht vorgesehen. Erst in der Nacht vor seiner Abreise nach Madrid teilte der Vatikan mit, die spanische katholische Kirche habe ein Treffen mit Opfern organisiert – ohne zu sagen, wann, wo und mit wem.
Papst drängte auf staatlichen Ombudsmann
Geladen seien offenbar nur unkritische Stimmen, meint Juan Cuatrecasas, Vorsitzender der Organisation „geraubte Kindheit“, einem von sieben Verbänden von Missbrauchsopfern:
Die Verantwortung dafür hat eine Koordinierungsstelle für den Papst-Besuch. Sie wird von zwei Mitgliedern des Opus Deí geleitet. Da wundert es mich nicht, dass man uns als unbequeme Stimmen außen vor lässt. Wir sind der katholischen Kirche Spaniens nicht würdig genug. Das ist eine kirchenpolitische Auseinandersetzung einer ultrareligiösen Gruppe gegen die Opfer.
Es sei also eher die spanische katholische Kirche, die Missbrauchsopfern den Kontakt zum Papst verwehren wolle, als der Vatikan selbst, ist Cuatrecasas überzeugt. Zumal spanischen Medien zufolge Leo XIV. die Bischofskonferenz gedrängt haben soll, einer Regelung zuzustimmen, nach der der staatliche Ombudsmann über Entschädigungszahlungen das letzte Wort hat – also ein Vertreter des Staats.
81 Entschädigungen in einem Jahr
Die Opfer begrüßen das Abkommen: „Der Ombudsmann hat über diese Vereinbarung, zwischen der spanischen Regierung und der Kirche, in etwas mehr als einem Monat mehr als 400 Anträge erhalten.“ Die Kirche selbst habe in mehr als einem Jahr lediglich 81 Opfer entschädigt. Es sei wichtig, dass es nicht die Kirche selbst ist, die darüber entscheidet, sagt Cuatrecasas.
Wie Cuatrecasas sieht auch Journalist Núñez den Papst als Akteur in einer kirchenpolitischen Auseinandersetzung. Geht Leo XIV. zu streng mit der Kirche um, könnte es auch in anderen ihm wichtigen Fragen zu Spannungen kommen.
Dabei habe der Papst, so der Journalist Núñez, den spanischen Bischöfen bereits im vergangenen Jahr klar gemacht: „Im November vergangenen Jahres, noch vor der Ankündigung der Reise, traf sich der Papst mit der Spitze der spanischen Bischofskonferenz und sprach über seine beiden größten Sorgen in Bezug auf Spanien. Der Aufstieg der extremen Rechten und die Instrumentalisierung der katholischen Wählerschaft wegen der Aufnahme von Migranten. Und zweitens die Art und Weise, wie die Bischöfe mit den Missbrauchsfällen umgehen.“
