Der Mord an Ex-Ministerin Ann Widdecombe hat Großbritannien erschüttert. Noch ist das Motiv des Täters unklar, doch ihre rechtspopulistische Partei Reform UK macht Medien und das politische Klima verantwortlich.
Es war ein grausamer Tod in der Küche ihres Bungalows am Rande des südenglischen Dartmoors. Joshua K., ein 28-Jähriger weißer Mann mit britischem Pass, den die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift mit vollem Namen nennt, sei demnach in der Mittagszeit in das Haus von Ann Widdecombe eingedrungen. Er habe die bekannte Politikerin nach Personalausweis und Bankkarten gefragt und sie mit 21 Hammerschlägen angegriffen und vom Stuhl gestoßen. Dann habe er das Haus verlassen. All das zeigen laut Staatsanwaltschaft Aufnahmen einer Überwachungskamera.
Als Widdecombe sich für ein geplantes Fernseh-Interview per Videoanruf nicht meldete, alarmierte der Sender ihr Management. Ein Gärtner fand sie tot auf. Der Angriff sei geprägt von „brutalster Gewalt“, so die Staatsanwaltschaft, und alles deute darauf hin, dass der mutmaßliche Täter am Tag des Angriffs mehrere hundert Kilometer von seinem Wohnort im nordenglischen Rotherham zum Haus der Politikerin gefahren sei.
Das genaue Motiv sei weiterhin unklar, sagte Laurence Taylor von der nationalen Anti-Terror-Einheit der Polizei zum Ermittlungsstand. „Da Ann Widdecombe eine bekannte Person und dies ein gezielter Angriff war, laufen die Ermittlungen hinsichtlich eines politischen Motivs weiter.“ Joshua K. sitzt in Untersuchungshaft.
Eine feste und polarisierende Größe
Über Jahrzehnte war sie eine feste und polarisierende Größe der britischen Politik, zuletzt als Sprecherin für Migrationsthemen der rechtspopulistischen Partei Reform UK von Nigel Farage. Sie sprach sich gemäß Parteilinie für Massenabschiebungen aus und war seit jeher eine entschiedene Gegnerin von Schwangerschaftsabbrüchen und der gleichgeschlechtlichen Ehe. Viele dieser Positionen begründete sie mit ihrem katholischen Glauben.
Von 1987 bis 2010 saß sie für die Konservative Partei im Parlament, in der Regierung des Premierministers John Major war Widdecombe Ministerin. Nachdem sie aus dem Parlament ausgeschieden war, trat sie mehrmals im Reality-TV auf.
Für die Briten blieb Ann Widdecombe auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Parlament ein bekanntes Gesicht.
Mehrere Wendungen in den Ermittlungen
Der Fall entfaltete sich mit mehreren Wendungen: Zunächst sah es für die Öffentlichkeit so aus, als sei die 78-jährige Politikerin eines natürlichen Todes gestorben. Stunden später gab die Polizei bekannt: Sie ermittle wegen Mordes.
Auf einer ersten Pressekonferenz wurde bekannt gegeben, dass ein 26 Jahre alter Mann festgenommen wurde und es keine Hinweise auf ein politisches oder terroristisches Motiv gebe. Die Anti-Terror-Polizei sei nicht Teil der Ermittlungen, so die Polizei zunächst. Wenig später dann die Freilassung und die Festnahme des 28-Jährigen, der jetzt in Haft sitzt. Und die Anti-Terror-Einheit der Polizei wurde doch Teil der Ermittlungen.
Erinnerungen an vorherige Fälle
Für Brendan Cox, der mit der Labour-Politikerin Jo Cox verheiratet war, die 2016 eine Woche vor dem Brexit-Referendum auf offener Straße von einem Mann erstochen wurde, werden in diesen Tagen schmerzhafte Erinnerungen wach. „Welche Details auch immer bekannt werden in diesem Fall: Es ist eine Schande für unser Land, dass unsere Demokratie durch Gewalt destabilisiert wird“, sagte er dem Radiosender LBC.
Der Mörder von Cox hatte lebenslange Haft bekommen, vor Gericht äußerte er rechtsextreme Ansichten. Cox war gegen den Brexit und bekannt für ihren Einsatz für Geflüchtete.
Im Jahr 2021 schockierte ein weiterer tödlicher Angriff auf einen Parlamentarier das Land: David Ames, ein Abgeordneter der Konservativen Partei, wurde in einer Kirche während einer Bürgersprechstunde niedergestochen. Der Täter: ein Brite mit somalischen Wurzeln, der den Behörden wegen seiner radikalen islamistischen Ansichten bekannt war, aber nicht als akut gefährlich eingestuft worden war.
Während des Prozesses wurde jedoch bekannt, dass er jahrelang Abgeordneten aufgelauert hatte, um einen von ihnen für das britische Vorgehen in Syrien zu bestrafen.
Beileid aus allen Parteien
Nach diesem dritten Politiker-Mord zollten Abgeordnete aller Parteien Ann Widdecombe Tribut und äußerten sich bestürzt und fassungslos. „Ich kannte Ann viele Jahre, als wir beide im Parlament saßen“, sagte Andy Burnham, einige Tage bevor er Premierminister wurde. „Und wir kamen miteinander aus, so wie alle miteinander auskamen damals.“
Er habe das Gefühl, etwas habe sich in der Politik verändert: Es sei natürlich einfach, den sozialen Netzwerken die Schuld zu geben, so Burnham. „Aber es fühlt sich so an, als ob das Einfluss habe darauf, dass die politische Debatte jetzt so vergiftet ist.“ Als Premier sei er „natürlich bereit“, den Schutz von Politikern und Parlamentariern grundsätzlich zu überprüfen.
Reform UK erhebt schwere Vorwürfe
Widdecombes eigene Partei Reform UK rief eine Pressekonferenz zum Fall ein. Dort machte Zia Yusuf, der neben Parteichef Farage eines der führenden Gesichter der Partei ist, Medien und Politiker mitverantwortlich. „Ich kann Ihnen etwas über das Klima erzählen, in dem sie getötet wurde. Ein unerbittliches Narrativ von Politikern und den Medien, dass Reform UK eine Bedrohung sei, die dringend aufgehalten werden müsse. Ein Narrativ, das so unerbittlich ist, dass es einer Anstiftung gleichkommt. Und warum werden wir auf diese Weise ins Visier genommen? Weil wir Dinge sagen, die bei vielen in Westminster nicht dem Zeitgeist entsprechen.“
Diese Äußerungen sorgten für Kritik. Der Sprecher des Unterhauses, Lindsay Hoyle, der eine federführende Rolle beim Personenschutz von Parlamentariern spielt, wies Vorwürfe, dass Reform-Politiker schlechter geschützt würden, entschieden zurück. Er behandle alle Abgeordneten gleich und sei enttäuscht, dass ihm anderes unterstellt werde. Insgesamt sei er schon lange erschüttert über die vielen Bedrohungen gegenüber Parlamentariern, von denen er höre.
Farage in Argumentationsnot
Die Debatte um die Sicherheit von Abgeordneten ist auch deshalb brisant, da Nigel Farage kurz zuvor in einem Streit um eine nicht deklarierte Parteispende in Millionenhöhe argumentierte: Er habe diese Summe für seinen persönlichen Schutz angenommen, da der ihm angebotene staatliche Personenschutz unzureichend sei. Später rechtfertigte er die Zahlung auch mit anderen Begründungen.
Labour-Innenministerin Shabana Mahmmood wies die Vorwürfe zurück und britische Medien berichteten, Farage habe einen Bodyguard und einen Fahrer zuvor abgelehnt. Mahmood kündigte an, dass sie mit dem sogenannten RAVEC-Gremium, das innerhalb ihres Ministeriums für den staatlichen Personenschutz zuständig ist, den Schutz von Reform-Politikern besprechen wolle, auch jener, die nicht im Parlament sitzen.
Für Ann Widdecombe, die mehr als 20 Jahre Abgeordnete in Westminster war, soll im Unterhaus inmitten der grünen Sitzreihen bald eine Gedenkplakette angebracht werden – es wird die dritte sein.

