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Nach erneutem Pisa-Schock: Schüler können Leseschwächen in kurzer Zeit aufholen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 11, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Nach erneutem Pisa-SchockSchüler können Leseschwächen in kurzer Zeit aufholen

11.09.2026, 09:29 Uhr Von Max Patzig
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Schlechtes Leseverständnis ist auch eine Hürde in anderen Schulfächern – und im weiteren Leben. (Foto: picture alliance/dpa)

Die deutschen Schülerinnen und Schüler schneiden bei Pisa nicht gut ab. Während aus der Bildungspolitik kein Lösungsansatz kommt, setzt ein Forscher ein effektives Mentoringprogramm auf.

Im aktuellen Pisa-Vergleich von 91 teilnehmenden Ländern steht Deutschland in diesem Jahr so schlecht da wie seit Beginn der Studienteilnahme nicht. In allen getesteten Kompetenzbereichen näherten sich die 15 Jahre alten Teilnehmer hierzulande dem internationalen Durchschnitt an. „Das überrascht überhaupt nicht“, sagt Bildungsexperte Ekkehard Thümler. Er war in verschiedenen Führungspositionen an vier Bildungsstiftungen tätig und hat jetzt mit seiner gemeinnützigen Firma „Tutoring for All“ ein Programm entwickelt, das schlecht lesenden Kindern hilft.

Den stärksten Kompetenzrückgang in der Pisa-Studie gab es im Bereich Lesekompetenz. „Dieser Trend ist insofern besonders besorgniserregend, als Lesekompetenz eine Grundvoraussetzung für das Lernen in allen anderen Fächern ist“, schreiben die Studienautoren. „Im Bereich Lesekompetenz fallen die schlechteren Ergebnisse mit der zunehmenden Digitalisierung, längeren Bildschirmzeiten und der Tatsache zusammen, dass weniger Zeit mit Lesen zum Vergnügen verbracht wird.“ Schon das Verstehen einfacher Texte falle den Kindern schwer. Das Lesen einer Stromrechnung stelle viele vor Herausforderungen.

Schon seit Jahren geht es in den Pisa-Testergebnissen bergab. „Die Politik muss dringend von der Planung ins Handeln kommen und Maßnahmen umsetzen, die nachweislich wirksam und schnell verfügbar sind“, sagt Thümler im Gespräch mit ntv.de. Da die Politik jedoch nicht genug gegen die nachlassenden Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler beim Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften unternimmt, wurde der Forscher selbst tätig.

Sein Tutoringprogramm „Lesen mit dem Turbo-Team“ hilft benachteiligten Kindern, innerhalb weniger Wochen wieder Anschluss an den Lesestoff ihrer Schulklasse zu bekommen. „Schon nach sechs bis zwölf Wochen können die Teilnehmer des Programms genauso lesen wie ihre Mitschüler“, sagt Thümler. In dem Zeitraum lasse sich ein Rückstand von etwa einem halben Jahr aufholen. Dafür absolvieren die Kinder außerhalb des Klassenunterrichts über eine App auf einem Tablet verschiedene Aufgaben, die am Ende eine Geschichte ergeben, die gelesen werden muss. Das Ganze kommt wie ein Spiel daher und soll entsprechend Spaß machen.

„Ziel ist nicht das Ende des Spiels“

80 Level, für deren Lösung die Schülerinnen und Schüler etwa 30 bis 60 Minuten benötigen, gibt es in dem Programm. Wo die Kinder mit ihren Fähigkeiten stehen und in welchem Stadium des Spielverlaufs sie einsteigen, finden sie durch ein paar Fragen zu Beginn des Mentorings heraus. „Das Ziel ist keinesfalls, alles bis zur letzten Geschichte durchzuspielen“, stellt der Erfinder klar. „Die Schüler machen nur so lange mit, bis sie auf dem Niveau der Klasse sind.“ Danach nehmen sie wieder normal am Unterricht teil und die nächsten Kinder können das Mentoring besuchen.

Thümler empfiehlt, dass pro Klasse nur vier Kinder an dem intensiven Mentoringprogramm teilnehmen. In Zweiergrüppchen bearbeiten sie Spielstufe für Spielstufe unter Betreuung eines Mentors oder einer Mentorin – bestenfalls täglich. Diese Betreuungsperson muss dabei nicht vom Fach sein. „Es ist sogar besser, wenn sie davon erzählen kann, wie sie Schwierigkeiten beim Lesen lernen überwunden hat“, so Thümler.

Lesen können hilft auch in Mathe

Das sogenannte High-Impact-Mentoring soll sich sogar positiv auf die anderen Fächer und Lebensbereiche der Schülerinnen und Schüler auswirken: „Viele scheitern in Mathe, weil sie die Aufgabe schon nicht richtig verstehen. Das gehört danach der Vergangenheit an“, sagt Thümer.

Deutschlandweit 120 Schulen hätten die Software bereits im Einsatz. Rund 6000 Kinder haben Thümler zufolge erfolgreich teilgenommen. Diese gingen mehrheitlich in die erste bis vierte Klasse. „Aber auch Neuntklässler können das Mentoring durchlaufen, wenn sie Probleme beim Lesen haben“, erklärt Thümler.

„Ziel ist es, das Programm in alle Schulen in Deutschland zu bringen, um so die Bildungschancen von Kindern deutlich zu steigern und einen substanziellen Beitrag zur Reduzierung von Bildungsarmut in Deutschland zu leisten“, heißt es bei Tutoring for All. Das System sei langjährig erprobt und positiv evaluiert. Dem Bildungsexperten Thümler ist dabei bewusst, dass das „Mentoring kein Allheilmittel ist. Aber es ist ein guter Beginn, dem Pisa-Tief etwas entgegenzusetzen.“

Wo zu Hause wenig gelesen wird, zeige sich an schulischen Leistungen, sagt auch Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. „Zehn Minuten vorlesen am Tag muss zum normalen Alltag gehören, wie tägliches Zähneputzen und das müssen Eltern wissen“, so Maas. Etwa jedes vierte Kind verlasse die Grundschule, ohne ausreichend gut lesen zu können, sagte Maas. „Wer Kinder stärken will, muss sie früh erreichen – lange vor der Einschulung.“

Schon Dirk Zorn, Bildungsdirektor bei der Bertelsmann-Stiftung, sagte im Gespräch mit ntv.de, dass die soziale Ungleichheit bezogen auf die Lernfortschritte der Kinder in Deutschland ein Problem sei. „Ein Bildungssystem darf sich mit einem solchen Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg nicht abfinden“, sagte Zorn. Er forderte, zu prüfen, wie es in Kanada laufe, wo der Unterschied nicht so stark ist, und das hierzulande anzuwenden.

Quelle: ntv.de

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