Vergrabene Tatorte stellen Ermittler vor besondere Herausforderungen. Deshalb lernen Kriminaltechniker Methoden der forensischen Archäologie, um selbst jahrzehntealte und verborgene Spuren zu sichern.
Polizeieinsatz nahe der österreichischen Grenze. Die Beamten suchen im oberbayerischen Ainring zwei Mordopfer, die hier vergraben sein sollen. Doch heute suchen sie anders als sonst. Die Kriminaltechniker arbeiten wie Archäologen: Kellen kratzen über den Erdboden, Pinsel legen die Knochen zweier Skelette frei. Penibel dokumentieren sie jedes Detail, das der Erdboden freigibt: Vom vergrabenen Revolver bis zum rostigen Kronkorken.
Ein vergrabener Tatort als Trainingsgelände
Das Szenario dient der Übung. Im Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei trainieren die Beamten den Ernstfall: Ein möglicher Tatort, der schon Jahrzehnte unter der Erde liegt, sei zwar selten, schildert Kriminaltechniker Patrick Baumgartner von der Kripo Landshut – er und viele seiner Kollegen haben in ihrer Laufbahn noch keinen erlebt. Doch letztlich geht es dabei um Kapitalverbrechen wie Mord.
Die Kriminaltechniker wollen bei derartiger Arbeit keine Spuren übersehen, und erst recht nicht versehentlich falsche Spuren, sogenannte Trugspuren, erzeugen. Aber was tun, wenn Spuren zum Beispiel vergraben und vielleicht Jahrzehnte alt sind? „Wie gehe ich an die Stelle ran? Was brauche ich als Equipment? Wie dokumentiere ich das, damit es dann auch vor Gericht verwertbar ist?“, erklärt Patrick Baumgartner.
Ermittlungspannen im Fall Peggy sollen sich nicht wiederholen
Ein Negativbeispiel, das Kriminalbeamte bis heute umtreibt, ist der Fall der 2001 verschwundenen Peggy aus Lichtenberg. Als die Leiche des Mädchens 2016 in Thüringen gefunden wurde, sicherten Beamte dort Spuren, die laut DNA zum NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gehörten.
Eine schwere Ermittlungspanne, wie sich später zeigte. Wie die Trugspur zustande kam, ist bis heute unklar. Doch fest steht: Wiederholen soll sich derartiges nicht. Helfen sollen dabei Methoden aus der Archäologie, um so selbst jahrzehntealte Tatorte bestmöglich auf Indizien zu untersuchen.
Was Kriminaltechniker von Archäologen lernen können
Was für manche nach verstaubter Wissenschaft und längst vergangenen Kulturen klingt, wird dabei zum wichtigen Werkzeug: Seit zwei Jahren schult das Bayerische Landeskriminalamt seine Kriminaltechnikerinnen und -techniker in sogenannter forensischer Archäologie, also Skelettreste und Spuren zu sichern wie bei einer archäologischen Ausgrabung.
Keine andere Disziplin hat so viel Erfahrung darin, Gräber freizulegen und Fundzusammenhänge möglichst exakt festzuhalten. Die forensische Archäologin Patricia van der Burgt vom Landesamt für Archäologie in Sachsen will den Kursteilnehmerinnen -und teilnehmern vermitteln, worauf es dabei ankommt: Etwa, wie man ein Grab im Gelände lokalisiert, wie man die Grabränder ausmacht. Auch, ob gerade der Spaten das bessere Werkzeug ist oder die feinere Kelle.
Denn entscheidend bei jeder Ausgrabung ist: „Man kann es nur einmal machen, und wenn ich etwas übersehe, dann ist es für immer weg. Und ich weiß noch nicht mal, dass es das gab!“
Archäologische Polizeiarbeit: Interesse reicht weit über Bayern hinaus
In Großbritannien und den USA ist forensische Archäologie schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Teil der Polizeiarbeit. Doch auch in Deutschland wächst das Bewusstsein, Spuren immer detaillierter zu sichern, stellt Annette Dorn vom Bayerischen Landeskriminalamt fest. Mit den Kollegen in Ainring hat sie den Kurs das dritte Jahr in Folge organisiert. „Wir hatten Anfragen von der Bundespolizei und von der Polizei Berlin. Und wir haben diesmal auch Vertreter der Bundeswehr dabei.“
Für die Soldatinnen und Soldaten ist diese Ausbildung vor allem mit Blick auf Einsätze in Krisengebieten wichtig, etwa, wenn sie mögliche Massengräber untersuchen müssen. Gerade dort kommt es darauf an, menschliche Überreste sicher zu bergen, Beweise für Kriegsverbrechen zu sichern und Angehörigen später Klarheit zu verschaffen.
Mit Kelle und Pinsel auf Spurensuche
Im Lehrgang in Ainring sind zu diesem Zweck zwei Kunststoff-Skelette vergraben, dazu eine Vielzahl von Spuren: von Klebebandfesseln und Schuhabdrücken über ein Geschoss bis hin zu erstmals auch unscheinbaren Insektenresten. Zwei Tage lang heißt es für die Teilnehmer: graben, messen, zeichnen, Erde sieben. Jedes kleinste Detail zählt. Schließlich sollen die gewonnenen Indizien vor Gericht bestehen, bestenfalls Täter überführen.
Akribische Kleinarbeit ist für die Spurensichernden zwar Alltag. Trotzdem bemerkt Patrick Baumgartner auch Unterschiede: Als etwas gewöhnungsbedürftig beschreibt er die Arbeit mit Kelle, Pinsel oder dem Holzspatel. „Man geht hier noch viel langsamer und vorsichtiger vor, um nichts kaputtzumachen.“
Archäologie als Werkzeug moderner Ermittlungen
Doch die Mühe lohnt sich. Bei der Übung stoßen die Teilnehmer sogar auf winzige verpuppte Fliegeneier. Für die Rechtsmedizin könnten sie später wichtig sein, erklärt Annette Dorn: Sie können darauf hinweisen, dass eine Leiche zunächst offen lag und erst später vergraben wurde. Solche Details helfen, den Ablauf einer Tat zu rekonstruieren.
Archäologie ist für die Polizei damit keine Altertumskunde, sondern ein modernes Ermittlungswerkzeug. Die Hoffnung der Beteiligten: Dass sie diese Fähigkeiten trotzdem nur selten einsetzen müssen.
