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Startseite»Politik»Prozess gegen Thaci: Wird Kosovos Ex-Präsident verurteilt?
Politik

Prozess gegen Thaci: Wird Kosovos Ex-Präsident verurteilt?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 16, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 16.09.2026 • 05:06 Uhr

Hashim Thaci hat den Kosovo mit der Kosovarischen Befreiungsarmee in die Unabhängigkeit geführt. Hat der Ex-Präsident dabei Kriegsverbrechen begangen? Ein Sondertribunal in Den Haag fällt heute sein Urteil.

Von Andreas Herz, ARD Wien

Mitten auf der zentralen Flaniermeile in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, tickt ein Countdown. Auf einem riesigen Bildschirm werden die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden heruntergezählt, bis in Den Haag das vor dem Kosovo-Sondertribunal das Urteil gegen Hashim Thaci und drei weitere Schlüsselfiguren der inzwischen aufgelösten Befreiungsarmee des Kosovo (UCK) gefällt wird.

Tausende hatten sich an diesem Wochenende im Zentrum Pristinas versammelt, um für einen Freispruch zu demonstrieren. Denn für die albanisch-stämmige Mehrheit ist Thaci ein Held: ein Anführer gegen die serbischen Truppen, ein Kämpfer für die Eigenständigkeit und Freiheit des Kosovo.

Abgeführt – und dann ermordet?

Man kann jedoch auch anders auf Thaci und die UCK-Miliz blicken. So wie die serbischstämmige Silvana Marinkovic. In einem Vorort von Pristina führt sie zu einem Mahnmal, bestehend aus sieben Buchstaben, die das Wort „Missing“ – also „Vermisst“ – bilden. Auf den mannshohen Buchstaben stehen Fotos von Menschen, die seit dem Kosovokrieg zwischen 1998 und 1999 vermisst werden, darunter auch das ihres Mannes.

„Es ist schwer, wenn man fünf Minuten lang nicht weiß, wo ein geliebter Mensch ist, geschweige denn 27 Jahre lang“, sagt die schwarzhaarige Frau, die zur serbischen Minderheit im Kosovo gehört. Uniformierte hätten ihren Mann damals an einem Checkpoint entführt, in ein Lager gebracht und dort ermordet, so ihr Verdacht: „Die Lager wurden von der UCK-Armee betrieben. Sie bewachten diese Lager in Uniformen und mit automatischen Waffen, und alle hatten ihre Gesichter bedeckt.“

Ex-Präsident Thaci hat im Kosovo immer noch viele Anhänger: Sie demonstrierten am Wochenende für seine Freilassung.

Hohe Haftstrafe droht

Es sind Geschichten wie die von Marinkovic, für die sich Thaci vor Gericht verantworten muss. Die Anklage fordert 45 Jahre Haft wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit – Mord, Folter und die Verfolgung von Zivilisten.

Doch der Fall geht weit über die Person Thaci hinaus: Es geht darum, wie sich die Schuld verteilt, in einem Krieg zwischen Serben und Kosovo-Albanern, der 13.000 Menschen das Leben kostete und erst nach einem wochenlangen NATO-Bombardement serbischer Einheiten beendet wurde.

Jahrelange Eskalation

Alles begann im Jahr 1989, als Serbiens damaliger Präsident Slobodan Milosevic sämtliche Autonomierechte des Kosovo annullierte und die Region unter die Kontrolle Belgrads stellte. Der friedliche Widerstand, angeführt von Kosovos damaligem Präsidenten Ibrahim Rugova, konnte daran nichts ändern, woraufhin die paramilitärische UCK die Bildfläche betrat – mit terroristischen Attacken gegen serbische Polizisten und Einrichtungen. Später brachte die UCK Teile des Kosovo vorübergehend unter ihre Kontrolle.

Die Serben reagierten mit massiver Gewalt, auch gegen die Zivilbevölkerung. Die Rede ist von Massenexekutionen. Der Westen fürchtete, dass sich ein Völkermord wie während des Bosnienkrieges Jahre zuvor in Srebrenica wiederholen könnte. Als 1999 Friedensverhandlungen scheiterten, griff die NATO ein. Ohne UN-Mandant, aber mit deutscher Beteiligung.

Bei den wochenlangen Luftschlägen gegen serbische Einheiten kämpften die NATO und die UCK faktisch auf einer Seite. Beispielsweise sollen UCK-Kämpfer von britischen Spezialeinheiten ausgebildet worden sein. Thaci – kolportierter Deckname „die Schlange“ – war in dem Konflikt zunächst Kommandeur und später Anführer der UCK.

Serbien musste schließlich einem Abzug seiner Truppen aus dem Kosovo und der Stationierung einer NATO-geführten Friedenstruppe im Kosovo zustimmen. Thaci machte politisch Karriere, wurde später Präsident des Kosovo und damit Ansprechpartner des Westens. Bezeichnenderweise war er gerade auf dem Weg zu US-Präsident Donald Trump, als er 2020 von der Anklage gegen ihn erfuhr. Thaci brach die Reise ab und stellte sich in Den Haag.

Werden die Rollen im Krieg verwischt?

UCK-Veteranen streitet nicht ab, dass einzelne Kämpfer Kriegsverbrechen begangen haben könnten, schließlich gebe es keinen „sauberen Krieg“, so ein Sprecher. Aber Befehle, serbische Zivilisten zu töten, habe es nie gegeben.

Die Veteranen sehen den Prozess als politischen Akt, um ein Gleichgewicht der Schuld zwischen Serben und Kosovo-Albanern herzustellen. Dabei wisse jeder, „wer der Aggressor und wer das Opfer war“, so ein Sprecher. „Diese Klarheit könnte nun verloren gehen.“

Suche nach dem Weg zur Versöhnung

Silvana Marinkovic, die seit 27 Jahren ihren Mann vermisst, helfen die Beteuerungen des UCK-Sprechers nicht. Eine Verurteilung Thacis würde ihr etwas Genugtuung geben. Doch ob es dazu kommt? Zeugen seien eingeschüchtert worden, beklagen laut Medienberichten die Den Haager Ankläger.

Bekim Blakaj hat die Geschichten beider Seiten Hunderte Male gehört. Seit 2000 dokumentiert er für den „Fonds für humanitäres Recht im Kosovo“ Kriegsverbrechen beider Seiten. Stellt man ihm die Schuldfrage, kommt die Antwort schnell: „Die Zahl der Opfer zeigt ganz klar, dass viel, viel mehr Albaner von serbischen Truppen getötet wurden als andersherum.“

Er selbst will sich aber nicht mehr damit aufhalten, aufzurechnen, sondern fordert einen anderen Weg zur Versöhnung: „Auf Grundlage von Fakten erzählen, was wirklich passiert ist: Das würde der Versöhnung dienen – und normale menschliche Beziehungen zwischen den beiden Volksgruppen möglich machen“, sagt Blakaj.

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