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Startseite»Nachrichten»Reisners Blick auf die Front: „Der Krieg ist spätestens jetzt in Russland angekommen“
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Reisners Blick auf die Front: „Der Krieg ist spätestens jetzt in Russland angekommen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 18, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Reisners Blick auf die Front„Der Krieg ist spätestens jetzt in Russland angekommen“

18.05.2026, 17:35 Uhr Interview: Volker Petersen
Russian-President-Vladimir-Putin-right-holds-a-meeting-on-economic-issues-at-the-Kremlin-in-Moscow-Russia-Friday-May-15-2026
Putin bei einem Treffen im Kreml am vergangenen Freitag. Offiziell ging es um Wirtschaftsthemen. (Foto: picture alliance / Mikhail Metzel/Pool Sputnik Kremlin via AP)

Mit einem Drohnenangriff auf Moskau verübt die Ukraine Vergeltung für eine russische Attacke auf Kiew. Laut Oberst Reisner gerät die russische Führung in Erklärungsnot.

ntv.de: Herr Reisner, Russland hat nach eigenen Angaben vergangene Woche mehr als 3000 ukrainische Drohnen abgeschossen. Ist das so viel, wie es sich anhört?

Markus Reisner: Die Ukraine hat nach dem Angriff auf Kiew mit dem Drohnenangriff auf Moskau in einer Weise zurückgeschlagen, wie wir das noch nicht erlebt haben. Die russische Führung muss nun erklären, wie das möglich ist. Sie weist darauf hin, massiv Drohnen abgeschossen zu haben. Und sie behauptet, die Ukraine habe massive Probleme und das sei ein letztes Aufbäumen. Das denke ich persönlich nicht.

Sie haben das Kräfteverhältnis bei den Drohnen meist als 3:1 zugunsten von Russland beschrieben. Verschiebt sich da etwas?

Wir sehen von Russland täglich Einflüge von 150 bis 200 Drohnen, das dürfen wir nicht vergessen. Etwa alle zehn Tage kommen massive Angriffe mit bis zu 750 Drohnen. Marschflugkörpern und Raketen hinzu. Aber die Ukraine ist in der Lage, punktuell zurückzuschlagen. Das haben wir nun deutlich bei den Angriffen auf Moskau gesehen.

Bei dem Angriff auf Moskau wurde auch ein Wohnhaus getroffen. War das ein Versehen oder ist das eine neue Strategie, jetzt auch zivile Gebäude anzugreifen?

Wahrscheinlich war es ein Versehen. Es ist sehr schwierig, über diese großen Distanzen, präzise zu wirken. Das gilt für beide Seiten. Durch Störmaßnahmen oder bei Drohnen, die von der Fliegerabwehr getroffen wurden, aber nicht sofort abstürzen, landen diese manchmal in zivilen Gebäuden. Hinzukommt: Der Kurs einer Drohne ist über die lange Distanz gerade im Endanflug schwer zu berechnen. Da kann es leicht passieren, dass sie in einem Hochhaus landet. Gerade in Moskau, wo es sehr viele davon gibt. Dieses Problem begleitet uns in der Ukraine seit Jahren. Und wir haben dies vor kurzen im nahen Osten gesehen.

Unbenannt
Der Historiker und Oberst Markus Reisner bildet an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt Offiziere für das österreichische Bundesheer aus. Jeden Montag kommentiert er bei ntv.de das Kriegsgeschehen in der Ukraine.

Wie würden Sie die Wirkung der ukrainischen Drohnenangriffe beschreiben?

Russland achtet sorgsam darauf, sein Narrativ aufrecht zu erhalten: Es nennt den Krieg noch immer eine „Spezialoperation“, die nur weit weg in der Ukraine stattfindet, nicht aber in Russland. Dieses Narrativ gerät ins Wanken, wenn Drohnen in Moskau einschlagen. Das zeigt sich auch in russischen sozialen Netzwerken. Dort gibt es Dutzende Videos von aufgeregten russischen Bürgern, die berichten, dass sie jetzt angegriffen werden. Das zeigt uns: Der Krieg ist spätestens jetzt in Russland angekommen.

Es gab Berichte, an dem Angriff auf Moskau seien deutsche Waffen beteiligt gewesen. Was ist da dran?

Es muss uns klar sein, dass die Langstreckendrohnen der Ukrainer mit europäischer Hilfe gebaut werden. Das ist kein Geheimiss und wurde auch wiederholt öffentlich kommentiert. Das Ergebnis ist messbar: Russland hat daher vor kurzem eine Liste mit ausgewählten europäischen, darunter auch deutschen Firmen veröffentlicht. Aus Sicht der Russen sind diese nun mögliche legitime Angriffsziele. Der Anstieg hybrider Angriffe in Europa ist eine direkte Folge dieser Drohungen.

Russland hat eine Sarmat-Atomrakete getestet. Ist das die typische Warnung mit Atomwaffen?

Korrekt. Diese Drohungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahre. Wir sehen auch eine Wirkung. 2022 beurteilten US-Geheimdienste die Wahrscheinlichkeit eines russischen Atomangriffs auf 50 Prozent. Im Hintergrund gab es hektische Verhandlungen, das zu verhindern. Auch danach hat Russland immer wieder mit seiner Nuklear-Karte gewunken, besonders wenn die Lieferung weitreichender westlicher Waffen diskutiert wurde.

Außerdem hat Russland offenbar seine Atom-U-Boote im fernen Osten unter Drohnen-Netzen verborgen, Tausende Kilometer von der Ukraine entfernt. Was bedeutet das?

Wir haben vor kurzem einen bemerkenswerten Drohnenangriff auf eine russische Marinebasis am Kaspischen Meer in Dagestan beobachtet – Tausende Kilometer von der Ukraine entfernt. Vor dem Einschlagen haben diese Kamikaze-Drohnen sogar noch Raketen abgefeuert. Das zeigt, die Ukrainer sind in der Lage, Ziele tief in Russland anzugreifen. Darauf reagieren die Russen, zum Beispiel, indem sie ihre Atom-U-Boote mit Drohnen-Gittern oder -Netzen schützen. Russland hat erkannt, dass es überall angreifbar ist, selbst im Fernen Osten.

Bei einem Nato-Manöver in Schweden haben ukrainische Drohnenpiloten wieder westlichen Truppen eine Lehrstunde erteilt und mehrere Einheiten in kurzer Zeit ausgeschaltet. Muss man da nicht fragen: Wer hilft hier eigentlich wem?

Völlig richtig. Vor kurzem sagte der Chef eines deutschen Rüstungskonzerns, die ukrainischen Drohnen seien Plastikspielzeuge, die Hausfrauen im Keller zusammenbauen. Diese Überheblichkeit ist völlig fehl am Platz und hat mit der Realität nichts zu tun. Viele sprechen von einer Revolution der Kriegsführung. Es ist möglich geworden, mit günstig verfügbarer Hochtechnologie Waffen zu bauen, die Tausende Kilometer entfernt wirken können. Die Nato ist nicht auf den Drohnenkrieg vorbereitet. Das haben mittlerweile drei Übungen gezeigt.

Die Ukraine hat zuletzt die Frühjahrsoffensive der Russen durch massiven Drohneneinsatz gestoppt. Gelingen den Russen trotzdem Geländegewinne?

Nach wie vor kann man von einer Pattsituation sprechen. Die Frühjahrsoffensive der Russen ist Mitte März gestartet. Aber nach den ersten Erfolgen mit einigen Gebietsgewinnen konnten sich die Ukrainer neu organisieren und Gelände zurückgewinnen, etwa bei Kupjansk. Rund um den Festungsgürtel zwischen Kostjantyniwka und Slowjansk gelingt es den Russen durchaus, punktuell vorzumarschieren. Im Süd-Abschnitt der Front konnten die Ukrainer aber wieder Land zurückerobern. Es bleibt für beide Seiten schwierig vorzumarschieren.

Im April hat die Ukraine mehr Land zurückerobert, als sie verloren hat. Ist das eine Trendwende?

Es ist zu früh, von einer Trendwende zu sprechen. Aber die Ukrainer haben sich nach dem harten Winter wieder so gut aufgestellt, dass die russische Frühjahrsoffensive schon gescheitert ist. Das ist bemerkenswert. Wir können kein russisches Vorrücken erkennen. Bei den Russen übersteigen die Verluste an Soldaten mittlerweile den Nachschub. Das macht den Krieg zum Teil unführbar. Auch die Ukraine tut sich schwer, frische Soldaten aufzustellen. Der Leiter des Präsidialamtes, Kyryl Budanov hat dies kürzlich neuerlich eingestanden.

Klingt nach einer Chance auf Frieden.

Russland hätte noch die Möglichkeit, zu mobilisieren. Aber wenn man kein Mittel gegen das gläserne Gefechtsfeld hat, würde man wieder nur Tausende Soldaten opfern. Auch da stellt sich die Frage, was das bringen soll. Ich glaube, auch Russland hat erkannt, dass es einen neuen Ansatz braucht. Oder sogar die Front einzufrieren. Selbst Putin sprach kürzlich davon, dass sich der Krieg möglicherweise seinem Ende zuneigt. Das gab es in dieser Form noch nicht. Man muss feststellen: Russland ist weit davon entfernt, seine Kriegsziele zu erreichen.

US-Präsident Donald Trump hat gerade Präsident Xi Jinping in China besucht. Welche Erkenntnisse gab es da zur Ukraine und einem möglichen Frieden?

Wir wissen nicht, was im Hintergrund besprochen ist. Tatsache ist, der Konflikt in der Ukraine ist nur noch möglich, weil beide Seiten von Dritten unterstützt werden. Die Russen durch China und auch Indien und Nordkorea. Die Ukraine durch die USA und Europa. Ohne diese Hilfe gäbe es eine Erschöpfung auf beiden Seiten. Das lässt durchaus die Hoffnung zu, dass es zu einer Lösung des Konfliktes kommt. Wann das passiert, weiß natürlich niemand.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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