Reisners Blick auf die Front„Jeder Russe soll erkennen: Der Krieg kommt bei ihm an“
Am Boden Stillstand – in der Luft eskaliert der Krieg. Die Ukrainer setzen ein russisches Versandhandelszentrum in Flammen und müssen zusehen, wie etliche Raketen über Kiew niedergehen. Was dahintersteckt, erklärt Oberst Reisner ntv.de.
ntv.de: Oberst Reisner, am Samstag trafen ukrainische Drohnen zwei Niederlassungen des Versandhändlers Wildberries in Russland – eine Art Pendant zu Amazon in westlichen Ländern. Mit welchem Effekt?
Markus Reisner: Der Angriff auf Wildberries beeindruckt und ernüchtert die Einwohner in der Hauptstadt Moskau, dem vermeintlichen Zentrum Russlands. Der Krieg ist im täglichen Leben angekommen. Das Unternehmen wurde 2004 gegründet, in den Nachwehen des Kalten Krieges. Es hat rund 50.000 Angestellte und verkauft die ganze Bandbreite an unterschiedlichsten Produkten, wie hierzulande Amazon. Mit dem Angriff zielen die Ukrainer darauf ab, den Druck auf die russische Bevölkerung zu erhöhen. Der Durchschnittsrusse soll erkennen, dass der Krieg auch bei ihm ankommt, und dass er ihn persönlich betrifft. Die Angriffe schaffen in der Bevölkerung Unruhe, genau vor der Duma-Wahl im September.
Hat der Kreml geantwortet?
Sofort, und zwar mit einem Angriff nach demselben Muster, beziehungsweise auf das Wildberries-Gegenstück. Sie haben einen sehr wichtigen Logistikkomplex namens AMTEL angegriffen. Auch hier sind große Lagerhallen mit über 100.000 Quadratmetern beschädigt oder zerstört worden. In einem der wichtigsten Logistik-Hubs der Ukraine. Wir sehen hier, dass beide Seiten bei den strategischen Luftangriffen Schritt für Schritt, Woche für Woche immer weiter eskalieren, weil es die einzige Ebene ist, die noch Möglichkeiten zur Eskalation birgt. Auf der taktischen Ebene, also in den Kämpfen an der Front, können weder die Ukrainer noch die Russen vor oder zurück, dort herrscht weitgehend Stillstand. Auf der operativen Ebene versucht die Ukraine, die russischen Logistikketten in Richtung Krim zu unterbrechen, aber die Russen schaffen es, sich daran anzupassen. Auf der Ebene der strategischen Luftangriffe sehen wir hingegen seit Tagen wieder einen sehr harten Schlagabtausch beider Armeen.
Wie steht es um die russische Erdölindustrie? Sind die ukrainischen Angriffe weiter erfolgreich?
Aus der gestrigen Nacht wird ein weiterer Angriff auf eine russische Raffinerie gemeldet. Parallel dazu gehen die operativen Angriffe auf die Versorgungslinien der Krim weiter, darunter auch auf die russische Schattenflotte im Asowschen Meer. Die Russen antworten direkt mit gezielten Angriffen auf ukrainische Getreidefrachtschiffe.
Gibt es aktuelle Zahlen mit Blick auf die Schädigung der russischen Erdölindustrie und einen Rückgang der Ölexporte durch die Angriffe der Ukrainer?
Der ukrainische Generalstab nannte zuletzt eine Schädigung der Erdölindustrie in einer Größenordnung von über 43 Prozent. Das scheint realistisch, wenn man die Bilder von brennenden Raffinerien anschaut. Paradox daran ist: Russland kann durch den Iran-Krieg die fehlenden Einnahmen kompensieren. Durch die schweren Angriffe der USA und des Irans in den vergangenen Tagen ist der Ölpreis wieder gestiegen. Russland exportiert zwar weniger Öl, bekommt aber dafür umso mehr Geld.
Russland kann für seine Öllieferungen an China und Indien tatsächlich den Weltmarktpreis aufrufen?
Dazu gibt es unterschiedliche Informationen. Das Verhältnis zwischen Russland und China ist sehr eng, gerade auch auf der militärischen Ebene, wo man versucht, voneinander zu lernen, indem China Russland militärisch unterstützt und zugleich davon profitiert, dass die Russen ihre Erfahrungen aus dem Krieg weitergeben. Anders als manche Berichte über einen massiven Druck, den Peking jetzt auf Moskau ausüben würde, sehe ich keinen Keil zwischen den beiden Regimen. Russland ist für China nach wie vor ein verlässlicher Rohstofflieferant, gerade jetzt, seit in der Straße von Hormus diese schwierige Lage besteht. Da wird Russland zu guten Konditionen handeln. Indien kauft Öl zu billigen Preisen und verkauft es dann teurer weiter an europäische Länder. Gerade letzte Woche hat ein Bericht offengelegt, dass EU-Länder wieder enorme Mengen von russischem Gas abgenommen haben und damit dem Kreml helfen, die EU-Sanktionen zu umgehen.
Über Zwischenhändler?
Ja, man muss einfach den Bedarf decken. Weltweit ist der Bedarf an Rohstoffen hoch und europäische Länder haben nur eingeschränkt Reserven und Lagerstätten. Indien kauft also Öl, beispielsweise von der russischen Schattenflotte, die etwa 800 Schiffe umfasst. Zwei Tanker treffen sich im Mittelmeer, das Öl wird umgeladen und ist plötzlich nicht mehr russisch, sondern indisch. Dann wird es an europäische Staaten weiterverkauft. Auch deshalb hat die Ukraine begonnen, Schiffe der Schattenflotte anzugreifen. Weil man mit den Wirkungen der EU-Sanktionen nicht zufrieden ist und Fakten schaffen möchte.
Schließt die EU die Augen, um ihre eigenen Mitgliedstaaten nicht angehen zu müssen?
Ja. Auf der einen Seite gehen Streitkräfte europäischer Staaten gegen die Schattenflotte vor, boarden sowie beschlagnahmen einzelne Schiffe und setzen sie fest. Man zeigt also durchaus punktuell den Willen, etwas gegen die Umgehung der Sanktionen zu tun. Andererseits ist die wirtschaftliche Situation in vielen EU-Ländern angespannt, weshalb man sie zähneknirschend dann doch toleriert. Und zwar in Rekordmengen, der Umfang ist laut einer Meldung des britischen „Telegraph“ noch angestiegen. Der größte Exportdienstleister der Russen hat im ersten Halbjahr 2026 über 136 Tanker mit Flüssiggas losgeschickt, um europäische Käufer zu beliefern. Die größten Mengen gingen dabei an drei Nationen – Frankreich, Belgien und Spanien.
Dieser Widerspruch lässt sich also nicht auflösen – Sanktionen zu verhängen und sie selbst zu umgehen?
So ist die Lage. Die Sanktionen der EU nützen dennoch durchaus etwas, wirken aber insgesamt zu langsam, um Russland damit in die Knie zu zwingen. Darum hat die Ukraine mithilfe der USA begonnen, von Präsident Wolodymyr Selenskyj sogenannte Langstrecken-Sanktionen umzusetzen. Das sind die strategischen Angriffe der Ukrainer auf russische Produktionsstätten. Diese zu verteidigen, ist für die Russen schwierig, weil das Land so groß ist und nicht die erforderliche Zahl an Fliegerabwehrsystemen hat. Russland antwortet mit einer Eskalation seiner eigenen strategischen Luftangriffe.
In der jüngsten Angriffswelle wurde Kiew von 41 ballistischen Raketen getroffen, eine Rekordzahl. Hatten die Russen Raketen aufgespart, sodass sie jetzt aus vollen Depots schöpfen? Oder ist die Produktion so hoch gegangen?
Wir sehen, dass die Russen ihre Verfahren in der strategischen Luftkriegsführung in den vergangenen Wochen verändert haben. Die Zahl einfliegender Geran 2-Drohnen hat abgenommen. Das lässt sich ziemlich sicher darauf zurückführen, dass die Industrie auf die neue Generation von Geran 4 und Geran 5 umstellt, die schneller fliegen als der alte Typ. Zudem stellen wir fest, dass derzeit kaum noch Marschflugkörper zum Einsatz kommen. Diese spart man womöglich auf oder setzt sie gegen andere Objekte ein. Die dritte Beobachtung ist die von Ihnen erwähnte enorme Zunahme des Einsatzes ballistischer Raketensysteme in Russlands Luftkampagne. Das macht Sinn aus Sicht der Russen, weil die Ukraine derzeit sehr mit Munitionsknappheit für seine Patriotsysteme zu kämpfen hat. Vor kurzem wurde eine zweistellige Zahl von Fliegerabwehr-Lenkflugkörpern ins Land geliefert, aber man kommt bei weitem nicht auf die Zahl, die in früheren Zeiten des Krieges zur Verfügung standen. Videos aus der Ukraine vom Wochenende zeigen kaum Starts von Patriot-Abwehrraketen. Die Russen nutzen das und erzielen mit ihren ballistischen Raketen die entsprechende Wirkung.
Ganz kurz zu den neuen Geran-Typen: Wodurch werden die schneller als ihre Vorgänger?
Die alte Geran 2 beziehungsweise Geran-3-Drohne wurde auch „fliegendes Moped“ genannt, weil sie im Anflug ein sehr eindringliches Geräusch, im Prinzip wie das eines Mopeds, gemacht hat. Das kam zustande, weil ihr Antrieb tatsächlich einem Mopedmotor ähnlich aufgebaut war. Die Modelle Geran 4 und 5 werden von Raketenmotoren angetrieben, was sie mit bis 500 km/h deutlich schneller macht und schwieriger abzufangen. Die neuen Drohnen werden in der Sonderwirtschaftszone Apaluga im Dreischichtsystem unter anderem von nordkoreanischen Arbeitssklaven produziert. Man rechnet mit einer Produktionsrate von 130.000 Stück in diesem Jahr.
Gibt es Schätzungen, wie viele Raketen die russische Armee zur Verfügung hat?
Der ukrainische Geheimdienst hat vor kurzem Zahlen herausgegeben. Demnach stehen den Russen über 100 ballistische Iskander M zur Verfügung, dazu mehr als 60 Iskander-K Marschflugkörper, etwa 100 hypersonische Kinschal, über 450 Marschflugkörper des Typs Kalibr und 600 des Typs Oniks sowie 120 hypersonische Zircon. Das nur mal als Auszug. Zusammengerechnet ergibt sich ein Potenzial, das es dem Kreml ermöglichen wird, in den kommenden Winter hinein und über den Winter einen weiteren massiven strategischen Luftkrieg gegen die Ukraine zu führen. Darum versucht die ukrainische Seite gerade, ihren Druck auf Russland bis zur Unerträglichkeit zu erhöhen – in der Hoffnung auf einen Waffenstillstand, bevor der Herbst beginnt.
Wenn es trotz dieser massiven Bedrohungssituation für die Ukraine gerade ganz gut aussieht, wird das zu großen Teilen dem Wirken des ehemaligen Verteidigungsministers zugeschrieben, der vor wenigen Tagen abgelöst wurde. Kann man das erklären?
Es kursieren verschiedene Erklärungen. Zum einen sagen Beobachter, dass Mychajlo Fedorow mit dem Oberkommandierenden der Streitkräfte, General Oleksandr Syrskyj, nicht zusammenkam. Der junge Minister, der versucht, das starre System des Militärs zu durchbrechen, es moderner zu machen, während Syrskyj für das alte System steht. Auch er steht übrigens unter Druck und über seine Ablöse wird spekuliert. Für mich ist entscheidend: Fedorow war einer der wesentlichen Architekten des ukrainischen Erfolges der letzten Monate. Manche der Schritte dorthin hatten seine Vorgänger schon ersonnen, aber er war der wirkliche Antreiber. Die Isolierung der Krim durch die Angriffe auf logistische Versorgungslinien, der Ausbau der Mittelstrecken-Angriffe, die Zusammenarbeit mit Palantir und anderen KI-Unternehmen. Das Brave 1-Portal, auf dem ukrainische Einheiten über ein belohnendes Punktesystem Drohnen einkaufen können. Der Ausbau der Entwicklung und Produktion von Langstrecken-Drohnen. Fedorow war aus meiner Sicht eine entscheidende Person, darum kann ich den Protest der Ukrainer – bis hin zu Demonstrationen – nachvollziehen.
Wenn die Entscheidung ein solches Echo hervorruft, ist da womöglich noch Musik drin?
Fedorow war auch beliebt, weil er den Ansatz verfolgt hat: Wir haben nur begrenzt Möglichkeiten zur Mobilisierung, einfach weil wir nur mehr 33 Millionen Menschen zur Verfügung haben im Vergleich zu bis zu 148 Millionen Russen. Darum senken wir jetzt nicht das Rekrutierungsalter, um mehr Soldaten zu bekommen, sondern wir ersetzen beziehungsweise ergänzen die Soldaten durch Roboter und Drohnen. Die sind technisch mittlerweile so gut, dass sie Erfolge erzielen. Das ist für einen Soldaten, der womöglich seit mehreren Jahren an der Front kämpft und völlig ausgelaugt ist, ein Hoffnungsschimmer. Wenn einer sagt, „Wir unterstützen dich ab jetzt durch Roboter und noch mehr Drohnen“. Für viele Ukrainer, gerade auch Militärs, mit denen ich gesprochen habe, war das ein sehr guter Ansatz. Fedorow hat aber, so zumindest die Aussage von Selenskyj, nicht das geleistet, was die ukrainische Regierung von ihm wollte, nämlich die Zahl der Soldaten zu steigern. Viele wiederum vermuten, dass er der Korruption entgegentreten wollte. Was wir hier sehen, ist der Kampf herkömmlicher starrer Ideen und Methoden gegen maximale Flexibilität und Innovation.
Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer
