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Reisners Blick auf die Front: „Moskau hat Vergeltung angekündigt – die sehen wir jetzt“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerOktober 5, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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Reisners Blick auf die Front„Moskau hat Vergeltung angekündigt – die sehen wir jetzt“

05.10.2026, 16:13 Uhr Interview: Lea Verstl

Manche Knotenpunkte für Infrastruktur ließ der Kreml bislang außen vor. Jetzt attackiert er auch wichtige Brücken in Kiew. Dahinter stecke ein verändertes Kalkül, sagt Oberst Markus Reisner. Von der ukrainischen Armee erwartet er im Herbst Angriffe mit Überraschungseffekt.

ntv.de: Wie bewerten Sie Moskaus nukleare Drohungen für den Fall, dass die Nato die Enklave Kaliningrad vom restlichen russischen Festland abschneiden sollte?

Markus Reisner: Die Nato versucht, auf die hybride Kriegsführung Russlands zu reagieren. Sie setzt dem Kreml erstens klare Grenzen, indem sie deutlich macht, dass das russische hybride Vorgehen nicht akzeptiert wird. Zweitens wirbt sie für Geschlossenheit innerhalb des Bündnisses. Drittens versucht sie, das Verhältnis zu den USA zu stabilisieren, um sicherzustellen, dass die Nato im Ernstfall geschlossen mit all ihren Fähigkeiten auftreten kann. Viertens stellt die Nato auch mögliche militärische Optionen in den Raum. Denkbar wäre etwa ein Nato-Einsatz, der darauf zielt, die russische Exklave im Anlassfall und als Reaktion so weit zu isolieren, dass Moskau unter Druck gerät. Russland greift diese Nato-Ankündigung sofort auf und reagiert mit massiven Drohungen.

Die „New York Times“ berichtet, Russland plane im Winter drei Angriffswellen gegen die Wärme- und Stromversorgung der Ukraine. Wie groß ist hierbei das Zerstörungspotenzial?

Die kritische Infrastruktur der Ukraine ist bereits schwer beschädigt. Nach Angaben des ukrainischen Energieministers sind rund 80 Prozent davon zerstört oder beschädigt. Das betrifft Umspannwerke, die Stromversorgung und Heizkraftwerke. Russland will den Druck im Winter weiter erhöhen, um die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen. Die ukrainische Stromversorgung basiert – abgesehen von Stromimporten – wesentlich auf den noch vorhandenen Kernkraftwerken. Russland könnte versuchen, diese Kraftwerke vom Übertragungsnetz zu isolieren.

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Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Was wäre die Folge?

Die Anlagen müssten dann in den Notbetrieb gehen und könnten keinen Strom mehr in das Netz einspeisen. Das würde im Winter erhebliche Engpässe verursachen. Zusätzlich könnten Pumpstationen und Kläranlagen angegriffen werden, also auch die Wasserversorgung großer Städte. Ziel wäre es, Ballungsräume möglichst weitgehend von Strom, Wärme und Wasser abzuschneiden und somit unbewohnbar zu machen.

Die USA wollen die sogenannte Bergengruppe ins Leben rufen. Eingeladen zum ersten Treffen sind Norwegen, Schweden, Finnland, Polen, Deutschland und die Niederlande – nicht aber Großbritannien, Frankreich und die baltischen Staaten. Wie erklären Sie diese Auswahl?

Donald Trump betrachtet die Nato als Instrument, um amerikanische Ziele durchzusetzen. Wir haben das im Zusammenhang mit dem Iran gesehen: Die USA erwarteten von den Europäern Unterstützung, stießen aber auf Zurückhaltung. Daraus ergibt sich aus amerikanischer Sicht die Frage, welchen konkreten Nutzen die Nato dann erfüllt. Es gibt einen tiefen Riss zwischen Teilen Europas und den USA. Die amerikanische Sicherheits- und Verteidigungsstrategie ist eindeutig: Europa soll seine Verteidigung gegen Russland selbst anführen. Washington spricht nun vor allem jene Staaten an, von denen es erwartet, dass sie diese Linie mittragen. Das ist der Hintergrund des Treffens.

Beide Kriegsparteien eskalieren derzeit im Luftkrieg. Welche Folgen haben die massiven Angriffe auf Kiew?

Der Kreml will nicht hinnehmen, dass europäische Staaten die Ukraine mit Drohnen und Rüstungskomponenten unterstützen, die Angriffe auf Ziele in Russland ermöglichen. Moskau hat Vergeltung angekündigt – die sehen wir jetzt. Entscheidend ist die Entwicklung bei russischen Drohnen. Moskau stellt seine Produktion auf schnellere, jetgetriebene Drohnen um. Davon werden inzwischen schätzungsweise 2000 bis 3000 Stück pro Monat produziert.

Diese jetgetriebenen Drohnen kann die Ukraine nicht abwehren?

Die meisten ukrainische Abfangdrohnen sind noch nicht schnell genug für eine zuverlässige Abwehr. Zudem kombiniert Russland die Drohnen mit Marschflugkörpern und ballistischen Raketen, um die Luftabwehr zu überlasten. Ich nenne dies das Dreieck des Terrors. Der neue Drohnentyp wird unter anderem gegen Tankstellen, Lagerhallen sowie Post- und Logistikzentren eingesetzt. Neu ist die Verwendung bei Attacken gegen Brücken in den vergangenen zwei Wochen, auch in Kiew. Die ukrainische Hauptstadt wird durch den Fluss Dnipro geteilt; beschädigte Brücken können den Energie-, Waren- und Personenverkehr zwischen beiden Stadthälften erheblich beeinträchtigen.

Die Ukrainer bauen nun Behelfsübergänge über den Dnipro. Was können die leisten?

Schon einzelne Treffer sorgen bei den ursprünglichen Brücken für Schäden, die ihre Struktur beeinträchtigen. Anschließend müssen sie gesperrt werden. Viele dieser Brücken verfügen über Hohlräume, in denen Leitungen verlaufen – etwa für Gas, Strom und andere Arten der Infrastruktur. Falls eine Drohne die Fahrbahndecke durchschlägt, kann sie nicht nur die Brücke selbst, sondern auch die darunterliegende Versorgung beschädigen. Die Ukraine muss dann Pontonbrücken und andere Behelfsübergänge bauen. Russland wird diese Übergänge voraussichtlich wieder angreifen – so wie die Ukraine ihrerseits russische Pontonbrücken, etwa im Raum Cherson im Jahr 2023, wiederholt attackiert hat.

Kiew meldete zuletzt die Rückeroberung mehrerer Ortschaften und von bis zu 176 Quadratkilometern im Rahmen der Operation Vivaldi. Gibt es weitere Erfolgsmeldungen?

Die russische Seite hat sich am Fluss Scherebets konsolidiert und dort Verteidigungsstellungen eingerichtet. Die ukrainischen Angriffe verlieren an Schwung. Es gibt weiterhin punktuelle Vorstöße, aber nicht mehr die Dynamik vom Beginn der Operation Vivaldi, als russische Drohnen- und Aufklärungseinheiten zerstört wurden. Dadurch waren die russischen Kräfte damals zeitweise blind -wie in früheren Phasen des Krieges, etwa im Zusammenhang mit der russischen Region Kursk, die von den Ukrainern im August 2024 attackiert worden war. Die Ukraine hat natürlich ein Interesse daran, die Operation als Erfolg darzustellen.

Der Erfolg lässt aber nach?

Russische Truppen stoßen an anderen Abschnitten weiter vor, etwa südlich von Kostjantyniwka, wo sie versuchen, hinter den ukrainischen Festungsgürtel zu gelangen. Die russischen Streitkräfte gewinnen unter dem Strich weiter Gelände – deutlich weniger als in den Vormonaten, aber weiterhin spürbar. Jetzt ist die Frage, ob die Ukraine die Gewinne ausbauen kann. Das alles spielt sich aber auf der taktisch-operativen Ebene ab. Entscheidend bleibt die strategische Ebene. Dort hat der russische Luftkrieg zuletzt deutlich zugenommen. Ukrainische Vertreter zeigen sich besorgt mit Blick auf den kommenden Winter.

Eine vierte und letzte Phase von Vivaldi wurde angekündigt, ist aber noch geheim. Könnte sie auf den wachsenden russischen Druck reagieren?

Zunächst befindet sich die Ukraine in einer Konsolidierungsphase. Sie muss ihre eigenen Versorgungswege absichern, damit russische Drohnen diese nicht unterbrechen können. Das war zuvor ihr zentraler Erfolg gegen die russische Logistik. Jetzt droht der Ukraine dieselbe Herausforderung. Eine vierte Phase könnte theoretisch aus den inzwischen eroberten Räumen heraus weitergeführt werden. Etwa mit dem Versuch, weitere Geländegewinne zu erzielen oder einen Fluss zu überqueren. Es könnte aber auch an ganz anderer Stelle zu einem überraschenden Vorstoß kommen.

Wieso überraschend?

Die Ukraine hat in der Vergangenheit immer wieder versucht, auf strategischen Druck mit überraschenden militärischen Aktionen zu antworten. Beispiele sind Vorstöße auf russisch besetztes Territorium oder die bereits genannte Offensive bei Kursk. Solche Einsätze verändern auch die öffentliche Wahrnehmung: Die Aufmerksamkeit richtet sich auf ukrainische Erfolge, während negative Nachrichten in den Hintergrund treten. Die Ukraine versucht damit, im Informationsraum wieder Initiative zu gewinnen und zu zeigen, dass sie nicht besiegt ist. Das erklärt auch, warum eine weitere Phase der Operation in Aussicht gestellt wird.

Es könnte also auch sein, dass es eine vierte Phase in diesem Sinne gar nicht gibt?

Das ist möglich. Ich gehe aber davon aus, dass die Ukraine angesichts des drohenden schweren Winters wieder versuchen wird, mit überraschenden Angriffen Aufmerksamkeit und militärischen Druck zu erzeugen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat angekündigt, auf Moskaus Angriffe gegen Brücken und Datenzentren zu reagieren.

Entscheidet der gelungene Überraschungseffekt auch langfristig über den Erfolg der Ukraine?

Falls die Ukraine nicht in der Lage ist, den kommenden Winter zu überstehen, helfen ihr auch operative Erfolge an der Front nur begrenzt. Wenn Menschen ohne Strom und Wärme ausharren müssen, leidet die Moral. Viele könnten die Städte verlassen und in den Westen des Landes fliehen. Zwar hat Russland die Ukraine auch in früheren Wintern nicht in die Knie zwingen können. Aber die russische Luftkriegsführung wird umfangreicher. Die Angriffe richten sich zunehmend gegen kritische Infrastruktur, Brücken, Tankstellen und Einrichtungen, die von der Bevölkerung im Alltag gebraucht werden.

Russland hatte zuvor also einige Knotenpunkte der Infrastruktur verschont?

Der Kreml hat möglicherweise lange darauf gesetzt, Infrastruktur nach einem erhofften Sieg übernehmen zu können. Offenbar hat sich diese Kalkulation geändert, auch weil ukrainische Angriffe auf russischem Territorium beträchtlichen Schaden anrichten. Die Ukraine schätzt, dass inzwischen mehr als die Hälfte der russischen Raffineriekapazitäten beschädigt oder zerstört sind. Diese Angabe ist nicht unabhängig zu überprüfen, zeigt aber den wachsenden Druck auf Moskau.

… und die Reaktion darauf ist die nächste Eskalationsstufe?

Wir sehen ein gefährliches Zusammenspiel aus jetgetriebenen Drohnen, ballistischen Raketen – teils aus nordkoreanischer Produktion – und Marschflugkörpern. Russland kann gerade die beiden letztgenannten Waffentypen in großen Stückzahlen produzieren. Schätzungen zufolge könnten die russischen Streitkräfte für die ersten Winterwochen rund 700 Marschflugkörper und ballistische Raketen bereithalten. Russland dürfte auf kältere Temperaturen warten, um die kritische Infrastruktur noch gezielter anzugreifen und die Ukraine unter maximalen Druck zu setzen. Aus Sicht Kiews fehlen weiterhin zentrale Mittel für die Luftverteidigung, insbesondere eine ausreichende Zahl an Patriot-Systemen. Die bleiben entscheidend, um den Winter zu überstehen. Wenn der Westen die Ukraine ehrlich unterstützen möchte, dass braucht es Fliegerabwehrraketen und keine vollmundigen Worte.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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