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Startseite»Politik»Schiitische Wallfahrt in den Irak: Zwischen Glaube, Politik und Hitze
Politik

Schiitische Wallfahrt in den Irak: Zwischen Glaube, Politik und Hitze

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 5, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 05.08.2026 • 12:18 Uhr

Jedes Jahr pilgern Millionen Schiiten in die ihnen heilige Stadt Kerbela im Irak. In diesem Jahr fordern Temperaturen von bis zu 45 Grad Pilger und Organisatoren heraus. Beherrschendes Thema ist die Lage im Nachbarland Iran.

Moritz Behrendt

Mehrere Männer wuchten Eisblöcke in einen großen Kanister voller Zitronensirup. Abdulhossein Kalateh aus Teheran kommt jedes Jahr nach Kerbela, nicht nur um zu pilgern, sondern auch um die anderen Gläubigen mit kühlen Getränken zu versorgen. „Wie jedes Jahr bereiten wir Zitronenlimonade vor, um sie an die Pilger zu verteilen.“ Täglich würden sie etwa 1000 Liter ausgeben. „Wir hoffen, dass Gott all denen wohlgesinnt ist, die zu diesem Dienst beigetragen haben“, sagt Kalateh.

Der Lohn kommt von Gott, die Getränke werden kostenlos verteilt. Ebenso wie die Fleischspieße, die an einem Stand nebenan im Akkord vorbereitet werden. In diesem Jahr sind in Kerbela besonders viele Menschen zu sehen, die mit Plastikbechern zum festlich beleuchteten Imam-Hussein-Schrein laufen. Kein Wunder, bei Temperaturen von um die 45 Grad.

Sprühnebel und Sonnenschutz gegen die Hitze

Die größte Herausforderung dieses Jahr seien die hohen Temperaturen, berichtet einer der Organisatoren der Nachrichtenagentur Reuters. Er listet die Maßnahmen auf, die zum Schutz der Menschenmassen ergriffen wurden: Große Stoffbahnen, die über die Wege gespannt wurden und Sprühnebelanlagen sollen zur Abkühlung beigetragen. Außerdem stünden fast 2.000 Sanitäter an den heiligen Stätten bereit.

Feiner Sprühnebel soll zur Abkühlung beitragen.

Jedes Jahr pilgern mehrere Millionen Schiiten zum Arba’in-Fest ins irakische Kerbela. Arba’in heißt vierzig auf Arabisch und bezieht sich auf die vierzig Tage nach dem Märtyrertod von Hussain, dem Enkel des Propheten Mohammed. Hussain wurde im Jahr 680 in der Schlacht von Kerbela getötet – gefallen im Kampf gegen die militärisch und zahlenmäßig überlegenen Ummayaden.

In manchen Jahren kommen mehr als 10 Millionen schiitische Pilger

Das Ereignis vor mehr als 1.300 Jahren ist bis heute identitätsstiftend für gläubige Schiiten, auch in Abgrenzung zur weltweit deutlich größeren Gruppe der Sunniten. Aber, wenn es um Zahlen geht, können wir mehr als mithalten, ist eine Botschaft der Arba’in- Feierlichkeiten. In manchen Jahren sprachen die Organisatoren von über 10 Millionen Pilgern. Das sind mehr als jedes Jahr zur großen Wallfahrt nach Mekka kommen.

Ein Großteil der Pilger in Kerbela kommt aus dem Nachbarland Iran, so wie Abdulhossein Kalateh, der Getränkeverteiler. „Der Iran und der Irak sind Brüder“, sagt er. „Sie müssen immer zusammenstehen, damit keine Supermacht der Welt in der Lage ist, den Iran oder den Irak zu beugen.“

Die Supermacht von heute ist auch in Kerbela präsent: eine Frau trägt ein Schild, auf das sie in Arabisch und Englisch geschrieben hat: „Wir werden Trump töten.“

Schiitische Pilger wandern in Nadschaf, Irak, in Richtung der heiligen Stadt Kerbala.

Sie widmen die Pilgerfahrt dem getöteten iranischen Führer Ali Khamenei

Noch häufiger auf Postern und Fahnen ist Ali Chamenei zu sehen. Der geistliche und politische Führer Irans wurde Ende Februar durch einen israelischen Luftangriff getötet. „Dieses Jahr“, sagt ein Mann, der aus Teheran angereist ist, „widmen wir die Pilgerfahrt der Seele unseres Führers Ali Chamenei und denjenigen, die im Krieg getötet wurden.“

Auch im Irak wurden seit Anfang März mehr als hundert Menschen durch US-Luftangriffe getötet, vor allem Kämpfer von Milizen, die den iranischen Revolutionsgarden nahestehen.

Viele Iraker wünschen sich eine stärkere Abgrenzung von Iran

Die Bindungen zwischen den beiden Nachbarländern sind eng, politisch und religiös. Allerdings gibt es im Irak auch unter Schiiten viele Stimmen, die sich eine stärkere Abgrenzung von der Islamischen Republik wünschen:

„Als Iraker lehnen wir jede Einmischung von außen ab, egal ob von den USA oder vom Iran“, sagt ein junger Mann, der zur Pilgerfahrt nach Kerbela gekommen ist. „Wir wünschen uns einen unabhängigen Irak. Wir wollen unser Land nicht in Kriegen sehen.“

Einflussreicher Geistlicher bittet die Pilger am Ende der Feierlichkeiten aufzuräumen

Und der einflussreiche nationalistische Geistliche Moqatada Sadr gab den Gläubigen zu den Arba‘in-Feierlichkeiten eine doppelte Botschaft mit auf den Weg:

„Möge Gott euch schützen und den Irak und die Iraker vor den Ränkespielen der Feinde und der Übeltäter bewahren“, schreibt er im Online-Netzwerk X. Außerdem legt er den Menschen in Kerbela noch nahe, doch bitte am Ende der Feierlichkeiten gut aufzuräumen, damit sie ein schönes Bild von ihrem geliebten Irak vermittelten.

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