Selfie-Tourismus belastetWarum Menschen im Urlaub gerne Schlange stehen

Für ein Foto vor bekannten Instagram-Motiven nehmen Urlauber stundenlange Wartezeiten in Kauf. Kleine Gemeinden ächzen unter dem Ansturm. Was ist daran eigentlich noch individuell?
Im aktuellen Werbespot eines Tech-Konzerns ist ein junges Paar zu sehen, das eine Urlaubsunterkunft mit Meerblick gebucht hat. Dort angekommen, ist das Meer an langen Häuserzeilen vorbei bestenfalls zu erahnen. Kein Problem, denn mit der technisch optimierten Zoomfunktion der Kamera im neuesten Handy-Modell lässt sich der kleine Strandabschnitt hundertfach näher heranholen und der Eindruck erwecken, das Paar könne aus dem Fenster direkt ins Wasser springen. Vermutlich unfreiwillig bescheinigt der kurze Film, dass die Realität inzwischen weniger wichtig zu sein scheint als der perfekte Eindruck, der sich für Social Media inszenieren und die Follower vor Neid erblassen lässt. Dient der Urlaubsschnappschuss eigentlich noch der persönlichen Erinnerung oder ist er bloß eine Referenz für die Insta-Bubble?
„Wenn ich mich selber inszeniere, gibt mir das eine Bedeutung, denn ich habe irgendwo da draußen ein Publikum“, sagt Kerstin Heuwinkel, Tourismussoziologin an der HTW Saar, ntv.de. Durch die sozialen Netzwerke sei ein Wettbewerb entstanden, die tollen Erlebnisse der anderen zu übertreffen, mindestens aber mitzuhalten. „Es gibt ja kaum noch einen Ort oder eine Reiseform, bei der jemand sagt: ‚Das haben wir noch nicht gemacht.'“
Durch die massenhafte Reproduktion der Motive und manche Influencer haben sich traumhafte Naturkulissen oder Altstädte in den vergangenen Jahren zu besonders beliebten Spots entwickelt: die Bucht Cala des Moro auf Mallorca, der Wasserfall Ponta do Sol auf Madeira, das Südtiroler Bergdorf St. Magdalena. Häufig liegen die Schauplätze in kleinen Orten, die dem Ansturm nicht gewachsen sind. In der Gemeinde Hallstatt im österreichischen Salzkammergut leben gut 700 Menschen, rund eine Million Touristen kommen jedes Jahr, um die malerische Postkartenansicht mit Seepanorama einzufangen. 2023 stellte die Gemeinde einen Holzzaun auf, der die Sicht versperrte. Nach wenigen Tagen wich der Zaun dem lauten Protest der Urlaubsgäste.
„Diese großen Mengen von Reisenden sind lange Zeit an Orte gefahren, die auf diesen Umfang vorbereitet waren“, sagt Heuwinkel. Pauschalreisen, Charterflüge, vom Flughafen per Hotel-Shuttle ins Ferienresort – und wieder zurück. „Der Schweizer Tourismusforscher Jost Krippendorf hat gesagt, Resorts seien prinzipiell eine gute Idee, weil die Menschen dort bleiben und das Umfeld geschützt ist.“ Das Aufkommen von Billigfliegern und Online-Buchungen vor rund 20 Jahren hat es ermöglicht, sich alle Wünsche selbst zusammenzustellen. Der vom Reisebüro angebotene Massentourismus galt vielen bald als langweilig, bieder, nicht authentisch genug. Statt Urlaub von der Stange sollte es individueller sein – eben genau nicht das, was alle machen. Bis es alle genauso machten.
„Individuell funktioniert nur, solange es wirklich um geringe Zahlen geht“, sagt Kerstin Heuwinkel. „Wenn aber ganz viele Individuen gleichzeitig meinen, eine Wanderung über anspruchsvolle Routen machen zu können, obwohl sie noch nie gewandert sind, keine Verpflegung einpacken, und es auf dem Berg keine Toiletten gibt, wird das zum Problem.“ Sie kenne Social-Media-Clips von Influencerinnen, die in Flipflops einen Berg hochlaufen. „Da entstehen völlig falsche Vorstellungen, die zu Konflikten mit Einheimischen und der Natur führen.“ Im schlimmsten Fall könnten sich Menschen in ihrer Selbstüberschätzung in Gefahr bringen und die örtliche Bergrettung zu überlasten.
Lange galt: Im Urlaub ist alles erlaubt
Der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau erkannte mit Blick auf das Zusammenspiel von Reise und Gastfreundschaft schon im 18. Jahrhundert: „Überall, wo Fremde selten sind, werden sie gut aufgenommen.“ Selten sind Touristen heute kaum noch, nahezu jeder Winkel der Welt wird erschlossen und dokumentiert. Und wer für sein Geld etwas geboten bekommen will, verwechselt den romantischen Selfie-Spot mitunter mit einem Vergnügungspark mit All-Inclusive-Anspruch: Einheimische klagen über rücksichtsloses Verhalten der Gäste, die Müll und Fäkalien hinterlassen.
„Wir wurden lange mit der Aussage sozialisiert: ‚Im Urlaub darfst du alles, da gibt es keine Regeln'“, sagt die Soziologin. In den großen Hotelanlagen sei das weitgehend problemlos gewesen. „Wenn Leute Party gemacht haben am Pool, dann wurde der Pool danach eben gereinigt. Je mehr sich das aber an den See oder ins Naturschutzgebiet verlagert, desto dringender brauchen wir Regeln.“
Einige Gemeinden haben Maßnahmen ergriffen. Im ligurischen Küstendorf Portofino dürfen Urlaubende tagsüber nicht für Fotos stehen bleiben, es droht ein Bußgeld von 275 Euro. Der Nationalpark Berchtesgaden hat den Zugang zum Königsbach-Wasserfall strengstens untersagt, um die nach einem Social-Media-Hype zertrampelten Moosflächen zu schützen. Viele Gemeinden schrecken vor Strafen zurück, weil sie wirtschaftlich vom Tourismus abhängen und die zahlenden Gäste nicht verprellen wollen.
Urlaub ist „kein Freifahrtschein“
„Manchen Menschen helfen Verbote tatsächlich, die sagen: ‚Okay, wenn ich das nicht darf, dann mache ich es nicht.'“ In manchen Fällen sei es allerdings verwunderlich, dass Hinweise überhaupt notwendig seien. So gebe es unzählige Bilder von Leuten, die halbnackt Tempelanlagen besteigen. Unter respektlosem Verhalten litten aber nicht nur Natur und Sehenswürdigkeiten. „Menschen, die im Tourismus arbeiten, werden teilweise behandelt, als seien sie im Preis inbegriffen. Wir müssen deutlich machen: Ja, Urlaub ist eine schöne Zeit, aber kein Freifahrtschein.“
Was bleibt bei minutiöser Planung eigentlich von der Idee, auf Reisen neues zu entdecken, sich überraschen zu lassen, eigene und einzigartige Erfahrungen zu machen? „Dieser Entdeckergeist ist eine romantische Vorstellung“, sagt Kerstin Heuwinkel. Nicht nur beim Reisen gebe es die Tendenz, dass wir uns angleichen. Von der Kleidung bis zu Frisuren – was abweicht, werde schnell angreifbar. „Deshalb sagen gerade Jüngere: ‚Ich bin individuell, aber mache doch das, was alle anderen auch machen.'“ Das müsse nicht im Widerspruch zum eigenen Erleben stehen. „Selbst wenn ich weiß, dass Millionen andere schon an dieser Stelle ihr Foto gemacht haben – heute stehe ich hier, ich höre die Stimmen, ich spüre, wie warm oder kalt es ist, das ist meine Erinnerung, die kann mir niemand nehmen.“
Dafür akzeptieren Menschen an den Hotspots auch stundenlange Wartezeiten. „Schlange stehen ist ein Element des Tourismus, das offenbar viele überhaupt nicht schlimm finden“, sagt Kerstin Heuwinkel. Das könne nach der Reise eine ebenso gute Anekdote liefern wie die mal wieder verspätete Zugfahrt. Das Anstehen wird Teil der detaillierten Vorplanung, in der nur wenig dem Zufall überlassen bleibt. „Wir leben in einer Welt, die immer unkontrollierbarer wird, da vermittelt die Urlaubsvorbereitung das gute Gefühl, etwas selbst im Griff zu haben.“
Die Enttäuschung sei jedoch häufig bei jenen am größten, die sich am penibelsten vorbereitet hätten. „Sie haben sehr konkrete Vorstellungen und Erwartungen, was den Druck erhöht, dass der Urlaub wirklich perfekt wird.“ Zu diesem Stress zeichne sich immer deutlicher eine Gegenbewegung ab, die sich Ruhe gönne und dem Wettbewerb um den schönsten Urlaubspost auf Instagram verweigere. „Die Menschen merken, wie anstrengend es ist, sich ständig zu inszenieren und die Vorstellungen anderer erfüllen zu müssen – und lassen es einfach sein.“
