In Rio de Janeiro treffen sich von heute an Tausende Menschen zur internationalen Aids-Konferenz – dem größten und wichtigsten Forum zum Thema HIV und Aids. Wie steht es um die Forschung?
In den 1980er-Jahren war die Krankheit Aids noch ein unausweichliches Todesurteil. Heute sind HIV-Infektionen medizinisch beherrschbar. Und deshalb ist auch die tödliche Immunschwäche Aids vermeidbar, die sich aus einer unbehandelten Infektion entwickelt.
Denn heutzutage sind zahlreiche Medikamente mit antiviralen Wirkstoffen verfügbar, die das HI-Virus in Schach halten können.
Besonderheit des HI-Virus
Im Gegensatz zu den meisten anderen Krankheitserregern lagert sich das HI-Virus in das Erbgut ein. Es wird also zum Teil des menschlichen Wirts. Dort bleibt es dann für den Rest des Lebens. Das mache seine Bekämpfung so schwierig, erklärt die HIV-Forscherin Angelique Hölzemer vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. „Es schlummert weiterhin in den Zellen, in der DNA. Das Virus ist nur unterdrückt. Das heißt, Menschen, die eine HIV-Therapie erhalten, haben eine ganz normale Lebenserwartung, aber sobald diese Therapie gestoppt wird, kann das Virus wieder aktiv werden.”
Um dem Virus keine Chance zu geben, ist es also unabdingbar, die verschiedenen antiviralen Medikamente regelmäßig und zuverlässig zu nehmen.
Hochwirksame Medikamente
Diese hochwirksamen Medikamente können entweder infektionsvorbeugend als sogenannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP) eingesetzt werden oder als Therapie für infizierte Menschen. Damit können HIV-positive Menschen ein ganz normales Leben führen und alt werden, ohne an der Immunschwäche Aids zu erkranken.
Ein weiterer Vorteil ist, dass die Medikamente die Weitergabe der Infektion verhindern. HIV-positive Menschen können andere unter Behandlung nicht anstecken.
Trotzdem geht die Forschung an neuen, noch besseren Medikamenten immer weiter. „In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind die Medikamente immer effektiver geworden”, sagt der HIV-Forscher Stefan Esser vom Universitätsklinikum in Essen. Sie verursachten mittlerweile „deutlich weniger Nebenwirkungen als früher, und sie sind erheblich einfacher einzunehmen”. Denn statt mehrerer Tabletten reicht jetzt eine Pille täglich mit allen erforderlichen Inhaltsstoffen.
„Meilenstein in der HIV-Behandlung“: Lenacapavir
Die bedeutsamste wissenschaftliche Nachricht im Vorfeld der Konferenz: 2025 ist ein innovatives Medikament auf den Markt gekommen. Es heißt Lenacapavir und wird von einigen Forschenden als Meilenstein in der HIV-Behandlung bezeichnet. Denn es wirkt auch gegen HI-Viren, die gegen die herkömmlichen Medikamente Resistenzen erworben haben.
Und andererseits sei damit nur alle sechs Monate eine Spritze nötig, um geschützt zu sein, betont HIV-Forscher Stefan Esser. „Das ist eine neue Substanzklasse, und die ist vor allem für Menschen, die Probleme mit der tägliche Einnahme haben, ein Riesenvorteil.”
Aber bisher ist Lenacapavir in Deutschland nicht käuflich. Auch Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe findet es befremdlich, dass „ein derart hochwirksames Meidkament in Deutschland nicht verfügbar ist”. Aber er weist darauf hin, dass „der Hersteller Gilead sich dafür entschieden” habe, „es in Deutschland nicht auf den Markt zu bringen, weil es nicht genug Gewinn versprach”.
Ist eine Heilung möglich?
Bisher ist die Heilung einer HIV-Infektion bis auf wenige Einzelfälle nicht möglich. Forschungsteams weltweit arbeiten daran, noch genauer zu verstehen, wie es dem Virus gelingt, das Immunsystem auszutricksen, um möglicherweise in Zukunft durch Immuntherapien eine Heilung zu ermöglichen. Das Team vom UKE in Hamburg beforscht die Rolle der natürlichen Killerzellen für eine Heilung von HIV.
Andere forschen an Antikörpern, um das Virus dadurch zu beherrschen. Eine vielversprechende Studie dazu ist jetzt im Vorfeld der Konferenz im Fachmagazin the Lancet erschienen. Auch gentherapeutische Forschung findet statt, um das Virus aus dem Genom zu entfernen. Aber bisher ist das noch Grundlagenforschung.
Und noch etwas verkompliziert eine Heilung von HIV immens. Das Virus mutiert permanent. „Schon nach wenigen Wochen oder Monaten sind Tausende von unterschiedlichen Mutationen des Virus in einem Menschen enthalten”, erklärt Angelique Hölzemer.
Allerdings ist es in mehreren Einzefällen gelungen, Menschen von einer HIV-Infektion zu heilen. „Die bisher Geheilten haben alle eine zusätzliche und tödliche Erkrankung gehabt, nämlich Blutkrebs”, sagt Stefan Esser. Und deshalb haben diese HIV-positiven Menschen eine hochriskante Stammzelltransplantation erhalten. Und damit nicht nur den Blutkrebs überwunden, sondern auch die HIV-Infektion. Aber wegen ihres Risikos sei diese Therapie „keine Heilungschance für alle”, so Stefan Esser.
Infektionsgeschehen in Deutschland
In Deutschland infizieren sich pro Jahr rund 2.300 Menschen mit HIV. Nach Jahren des Rückgangs meldet das Robert Koch-Institut (RKI) erstmals wieder einen Anstieg von HIV-Infektionen um rund acht Prozent.
Bisher sei die Versorgung in Deutschland für die meisten Menschen sehr gut, betonen die Forschenden, aber „wir erleben gerade, auf kommunaler Ebene und Landesebene, dass viele Angebote gekürzt werden oder von Kürzung bedroht sind”, sagt Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe. „Das ist Gift und gefährdet die bisherigen Erfolge im Kampf gegen HIV.”
Internationale Situation weit dramatischer
Weitaus bedrohlicher als in Deutschland ist die Situation in den einkommensschwachen Ländern, die stark auf internationale Unterstützung angewiesen sind. Seit 2010 sank die Anzahl der HIV-Neuinfektionen um rund 43 Prozent. Weltweit infizieren sich gegenwärtig rund 1,3 Mio Menschen neu mit HIV, aber jetzt nehmen die Infektionen wieder zu. Denn nicht nur die USA, auch Länder wie Deutschland haben ihre Unterstützung für internationale Gesundheitsprojekte deutlich reduziert. Und zwar um fast ein Viertel.
So ist beispielsweise das UN-Programm UNAIDS finanziell und personell so ausgedünnt worden, dass die HIV-Programme davon stark betroffen sind. Deshalb sehen nicht nur die Vereinten Nationen, sondern auch die internationalen Forschenden und die deutsche Aidshilfe den Kampf gegen HIV an einem besorgniserregenden Wendepunkt.
„Wir befinden uns in einer aberwitzigen Situation”, sagt Holger Wicht von der deutschen Aidshilfe. „Wir haben Aids fast besiegt, wir haben alles, was wir dafür brauchen, und es ist uns auch gelungen.“ Die Todeszahlen seien zurückgegangen, die Krankheitszahlen seien zurückgegangen, die Infektionszahlen seien zurückgegangen. „Das hat hervorragend funktioniert. Wir hätten jetzt nur noch ein paar Jahre weitermachen müssen, um dieser Epidemie wirklich ein Ende zu machen”, so Wicht.
Stattdessen aber stehe man offenbar vor einem Rollback – politisch und finanziell. Was dem entgegengesetzt werden kann, wird neben aktuellen Forschungsthemen ein zentrales Thema auf der jetzt beginnenden Konferenz in Rio de Janeiro sein.
