Spenden, Höcke, BankdatenHackerangriff legt sensibles Innenleben der AfD offen

Hacker erbeuten Hunderte Gigabyte an Datenmaterial bei einem Angriff auf die AfD. Erste Recherchen in den E-Mails und Dokumenten bringen dabei sensible Daten zum Vorschein und geben einen Einblick in die Debatte über ein Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke.
Ein nach einem Hackerangriff veröffentlichter Datensatz gewährt Einblicke in Hunderttausende E-Mails und Dokumente aus dem Innenleben der AfD. Darunter befindet sich offenbar auch Korrespondenz zwischen Mitgliedern des Bundesvorstands sowie sensibles personenbezogenes Material über Parteimitglieder.
Insgesamt handelt es sich nach Analyse von RTL/ntv um 421.326 E-Mails mit einer Gesamtgröße von rund 209 Gigabyte. Hinzu kommen 48.725 Dokumente mit einer Gesamtgröße von zehn Gigabyte sowie 39.145 Bilder. Dabei handelt es sich um Bilddateien, die mitunter aus E-Mail-Anhängen extrahiert wurden.
Die AfD wehrt sich bereits vehement gegen die Auswertung des öffentlich gewordenen Datensatzes. „Die AfD-Daten wurden illegal kopiert. Das ist eine Straftat. All jene, die nun diese Daten nutzen, heißen ein Verbrechen gut und missachten oftmals das Persönlichkeitsrecht“, erklärte die Partei. „Deshalb werden unsere Mitarbeiter keine Anfragen beantworten, in denen es um die Frage geht, ob ein vermeintlicher Leak-Inhalt echt oder gefälscht ist. Tatsächlich haben wir bislang schon einige bedenkliche Fälschungen entdeckt.“ Die Partei führte nicht aus, bei welchen Mails und Dokumenten es sich um Fälschungen handeln soll.
Von dem Hack betroffen sind unter anderen die Postfächer der Bundesgeschäftsstelle in Berlin, des Bundesschiedsgerichts sowie des Parteischiedsgerichts in Nordrhein-Westfalen. Auch mehrere persönliche Konten wurden durch die Hacker kopiert. Zu den Betroffenen zählen die Co-Parteivorsitzende Alice Weidel, der frühere Co-Parteivorsitzende Alexander Gauland, der Spitzenkandidat der Partei zur Landtagswahl 2026 in Mecklenburg-Vorpommern Leif-Erik Holm sowie der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Markus Frohnmaier.
AfD-Politiker debattieren über Höcke
Allein 101.104 Mails entfallen der Auswertung zufolge auf das Bundesschiedsgericht, über 60.000 auf Holm und rund 32.000 auf Gauland. Die Mails in den Postfächern reichen bis ins Jahr 2014 zurück. Das jüngste Schriftstück stammt noch aus dem September dieses Jahres.
In den Postfächern finden sich Presseschauen, Nachrichten von Mitgliedern und durchaus auch klassischer Spam. Dazwischen gibt es unter anderem auch inhaltlich relevante E-Mail-Wechsel, die von Mitgliedern des Bundesvorstands stammen sollen. So lässt sich ein mutmaßlicher E-Mail-Wechsel vom 12. Februar 2017 nachvollziehen, in dem führende AfD-Vertreter über den Umgang mit Björn Höckes damaliger Rede diskutierten. In dieser hatte Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert.
In den Mails, die mutmaßlich von AfD-Spitzenvertretern stammen, wurde am späten Abend das Vorgehen für ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke diskutiert. Dabei wurde unter anderem die Qualität eines Rechtsgutachtens infrage gestellt, das sich mit einem Verfahren gegen den Thüringer beschäftigte. Ein Vorstandsmitglied bezeichnete die beauftragte Kanzlei als „Wurst-Bude“ und beklagte die kurze Frist bis zu einer Entscheidung. Am folgenden Tag beschloss der Vorstand, ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke einzuleiten. Dieses scheiterte jedoch im Mai 2018.
Der Datensatz enthält außerdem sensible personenbezogene Daten, die RTL/ntv einsehen konnte. In dem Leak finden sich Aufnahmeanträge von Privatpersonen, inklusive Wohnadresse, Telefonnummer und Bankverbindung. Ganze Listen mit Daten von Mitgliedern aus dem Landesverband NRW sind nun öffentlich zugänglich. Auch ein Telefonverzeichnis der Bundesgeschäftsstelle ist einsehbar.
AfD kündigt juristische Schritte an
Darüber hinaus enthält der Datensatz Unterlagen aus dem Parteialltag: Druckaufträge für Flyer, Bestellungen für Werbematerial und Weihnachtskarten.
Inzwischen äußerten sich auch die mutmaßlichen Angreifer ausführlicher zu ihren Motiven und ihrem Vorgehen. Dem Onlineportal „International Cyber Digest“ erklärten sie, dass sie die Server der Partei hätten zerstören können. Allerdings sei ihr Ziel gewesen, die „Degeneriertheit und Scheinheiligkeit“ der AfD offenzulegen.
Gegenüber der IT-Sicherheitsexpertin und Journalistin Lilith Wittmann sowie dem Aktivisten Hoodinformatik machten sie weitere Details öffentlich. Nach eigenen Angaben verschafften sie sich über eine schlecht geschützte WordPress-Instanz Zugang zu den Servern. Mithilfe dort installierter Software hätten sie anschließend auf die E-Mail-Postfächer zugreifen können. Bei dem betroffenen Unternehmen handelt es sich um die parteieigene Alternita GmbH. Bereits am 9. September wurde der Angriff offenbar erstmals bemerkt. Nach Angaben der Hacker konnten sie mithilfe unentdeckt gebliebener Schadsoftware am 14. September erneut Daten von den Servern kopieren.
Die AfD will gegen die Angreifer juristische Schritte einleiten, hieß es in einer Ankündigung. „Die AfD ist eine Rechtsstaatspartei. Entsprechend eng werden wir mit den staatlichen Stellen auf Bundes- und Landesebene zusammenarbeiten, um jene zur Rechenschaft zu ziehen, die unsere Partei digital angegriffen und Daten gestohlen haben.“
Die Hacker hatten die Daten nach dem Diebstahl in Form eines Index auf einer Website öffentlich gemacht. Volltexte von Mails und Dokumenten waren dort jedoch nicht einsehbar. Jedes Dokument wurde hier in Schlagworten zusammengefasst, teils mit offensichtlichen sprachlichen Fehlern. Anhand des Index allein ließen sich die Inhalte nicht überprüfen.
Erst nach dem Herunterladen ließen sich die Dateien vollständig einsehen. Die Auswertung des gesamten Datensatzes dürfte angesichts seines Umfangs mehrere Wochen andauern.