Lange lebte Taranto vom größten Stahlwerk Italiens – und mit dessen Umweltverschmutzung. Ein Urteil könnte zum Wendepunkt werden. Während Beschäftigte um ihre Jobs kämpfen, fordern Einwohner eine Schließung.
Es ist ruhig auf den Straßen von Tamburi. Dabei war das Viertel im Norden von Taranto einmal ein klassisches Arbeiterviertel. Tausende Familien lebten hier, direkt neben dem riesigen Stahlwerk, das über Jahrzehnte unter dem Namen Ilva bekannt war. Die Nähe zur Fabrik, einst ein Vorteil, ist heute das große Problem des Viertels.
Auch Giuseppe Roberto ist hier geboren, aber bereits vor Jahren weggezogen. Fast drei Jahrzehnte hat er im Stahlwerk Taranto gearbeitet. Heute will er, dass das Werk geschlossen wird.
Dabei hat Roberto Verständnis für die Beschäftigten, die derzeit um ihre Arbeitsplätze kämpfen. Taranto, sagt er, sei seit Jahrzehnten gespalten: „Es heißt immer: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die Gesundheit und Sicherheit fordern – auf der anderen diejenigen, die an die Arbeitsplätze denken. Dabei sind beide Forderungen legitim.“
Vom Hoffnungsträger zum Umweltproblem
Das Stahlwerk wurde in den 1960er Jahren gebaut und galt lange als Symbol der Hoffnung. Es sollte Arbeitsplätze schaffen und die Menschen davon abhalten, die Region zu verlassen und als Gastarbeiter in den Norden auszuwandern.
„In den 70er- und 80er-Jahren schien zunächst alles gut“, erinnert sich Roberto. Ilva und die zahlreichen Zulieferbetriebe hätten damals Zehntausenden Menschen Arbeit gegeben. „Aber damals kannte man die Auswirkungen der Umweltverschmutzung noch nicht.“
Mit den Jahren änderte sich das. Untersuchungen dokumentierten erhebliche gesundheitliche Belastungen in Taranto. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verwies in seinem Urteil von 2019 unter anderem auf Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Belastung durch Schadstoffe aus dem Stahlwerk und Lungen- und Rippenfellkrebs sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen feststellten.
Eine weitere Untersuchung brachte die industrielle Belastung durch Feinstaub und Schwefeldioxid mit einer erhöhten Sterblichkeit unter anderem durch Krebs sowie Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen in Verbindung. 2019 urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schließlich, Italien habe die Bevölkerung nicht ausreichend vor den gesundheitlichen Folgen der Emissionen geschützt.
Tausende Arbeitsplätze hängen am Stahlwerk
Trotz Skandalen, Gerichtsverfahren und mehrfachen Eigentümerwechseln wurde in Taranto weiter Stahl produziert. Denn an dem Werk hängt nicht nur die wirtschaftliche Zukunft Tausender Familien. Auch für Italiens Stahlversorgung hat der Standort große Bedeutung.
Das ist die andere Seite des Konflikts, die derzeit wieder vor den Werkstoren sichtbar wird. Beschäftigte haben in den vergangenen Tagen Straßen blockiert und demonstriert. Sie fordern von der Regierung in Rom Klarheit darüber, wie es mit dem Werk und ihren Arbeitsplätzen weitergeht.
Einer von ihnen ist Oronzo Spagnolo. „Dieses Werk zu schließen, würde eine ganze Region in den Kollaps treiben: Taranto, die Provinz, Apulien“, sagt er. „Und auch die italienische Stahlindustrie würde die Folgen spüren.“ Die Sorgen sind konkret: Die Sonderverwalter von Acciaierie d’Italia haben inzwischen Kurzarbeit für bis zu 8.622 Beschäftigte beantragt.
Gericht ordnet Stopp des Heißbereichs an
Jetzt könnte der jahrzehntelange Konflikt einen entscheidenden Punkt erreichen. Ende Juli ordnete das Berufungsgericht in Mailand an, die Produktion in der sogenannten „area a caldo“ einzustellen. Dazu gehört der Heißbereich des Werks – das Herzstück der bisherigen Stahlproduktion mit Kokerei und Hochöfen.
Die Richter stellten dabei das Recht auf Gesundheit über wirtschaftliche Interessen. Mehrere Versuche der Unternehmen, die Anordnung vorläufig auszusetzen, scheiterten.
Ilva und die Betreibergesellschaft Acciaierie d’Italia, die beide unter Sonderverwaltung stehen, haben Rechtsmittel eingelegt. Heute beschäftigt sich das Kassationsgericht, Italiens höchste gerichtliche Instanz, mit dem Fall.
Weg von der Kohle
Dass es nicht weitergehen kann wie bisher, sagen inzwischen auch viele Beschäftigte und Gewerkschafter. Spagnolo fordert einen grundlegenden Umbau: „Wir wollen nicht länger mit einem Produktionszyklus auf Kohlebasis arbeiten.“
Statt Hochöfen und Kohle soll künftig eine klimafreundlichere Stahlproduktion mit Elektroöfen und direktreduziertem Eisen eine Perspektive bieten. Auch die italienische Regierung setzt auf Dekarbonisierung und neue Industrieprojekte und will gleichzeitig die heimische Stahlproduktion erhalten.
Doch der Umbau ist teuer – und die Suche nach einer langfristigen industriellen Lösung zieht sich hin.
Eine Zukunft ohne Stahl?
Gleichzeitig wächst in Taranto der Widerstand gegen jede weitere Stahlproduktion. Erst am Freitag gingen erneut Hunderte Menschen unter dem Motto „Taranto torna a vivere“ – Taranto kehrt ins Leben zurück – auf die Straße. Bürgerinitiativen fordern die Schließung des Werks und eine umfassende Sanierung des jahrzehntelang belasteten Geländes.
Ihre Vorstellung von der Zukunft Tarents sieht anders aus: Neue Arbeitsplätze sollen unter anderem in Forschung und Bildung, erneuerbaren Energien, Landwirtschaft und Meereswirtschaft entstehen.

